Im Visier: “Kettenacker” von Rainer Gross

Auf den ersten Blick scheint sich Rainer Gross‘ neuer Kriminalroman „Kettenacker“– dem zweiten mit dem mittlerweile pensionierten Lehrer Mauser als Protagonisten – um ein vergangenes Verbrechen zu drehen: Mauser entdeckt in einem Wald in der Schwäbischen Alb eine skelettierte Leiche, ein junges Mädchen. Die Tote scheint schon seit über 50 Jahren an dieser Stelle zu liegen, vermutlich wurde sie also zur NS-Zeit ermordet. Erinnerungen werden wach. Nicht nur für die Dorfbewohner von Kettenacker, sondern auch für die Leser von Rainer Gross‘ lesenswertem Debütroman „Grafeneck“. Schon damals stolperte der Lehrer Mauser über eine Leiche, die zu einer lange zurückliegenden Tat führte und alte Wunden aufdeckte. Wie in „Grafeneck“ führt auch der Fall in „Kettenacker“ in die Gegenwart. Dabei bekommt der Roman durch mittlerweile bekannt gewordenen Missbrauchsfälle in zahlreichen Institutionen ungeahnte Aktualität.

(c) Pendragon Verlag

Der Umgang mit der Schuld – „Grafeneck“
In seinen Kriminalromanen behandelt Rainer Gross nicht einfach Kriminalfälle. Sicherlich gibt es eine Leiche, Ermittlungen und letztlich auch einen Täter. Im Zentrum steht aber vielmehr der Umgang mit der Schuld und der Vergangenheit. In „Grafeneck“ wurde Hermann Mauser gleich auf zweifache Weise mit diesen Fragen konfrontiert. Zunächst rührten die Nachforschungen von Kommissar Greving und ihm an den verdrängten Erinnerungen der Dorfbewohner an die Zeit des Nationalsozialismus. Plötzlich schien die Standardaussage der Bewohner nicht mehr glaubwürdig: „Ich weiß von nichts. Hier in Buttenhausen ist kaum was passiert. Nazis haben wir keine gehabt, und die Juden waren schon weg“. Greving und Mauser widerlegen diesen Selbstbetrug. Des Weiteren hängt der von Mauser in einer Lehmhöhle gefundene Tote mit seiner eigenen Familiengeschichte zusammen. Sein Vater war Polizist zu jener Zeit, ein aufrechter Mann, der sich bemühte, in dieser verbrecherischen Zeit zwischen Recht und Unrecht zu unterscheiden. Doch der Tote hatte etwas mit Mausers geistig behinderter Schwester zu tun, die zur NS-Zeit in der (titelgebenden) Anstalt Grafeneck im Rahmen des Euthanasie-Programms ermordet worden. Und im Lauf seiner Nachforschungen muss Mauser erfahren, dass die Grenze zwischen Recht und Unrecht nicht leicht zu ziehen ist – und es eine Schuld gibt, die niemand vergeben kann.

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Verantwortung und Schuld – „Kettenacker“
Mit „Kettenacker“ knüpft Rainer Gross nun an „Grafeneck“ an. Hermann Mauser muss mit den Folgen des aufgedeckten Verbrechens leben: Er hat seine Kartenspielfreunde verloren, im Dorf spricht fast niemand mehr mit ihm und er ist ein größerer Außenseiter als zuvor. Doch Rainer Gross scheut sich nicht, seinen Protagonisten weiterhin als einsamen Helden ermitteln zu lassen. Abermals stolpert Hermann Mauser über eine Leiche, die nicht nur auf die Vergangenheit, sondern seine eigene Familiengeschichte weist. Denn anscheinend handelt es sich bei der Toten um eine Cousine Mausers, von der er gar nichts wusste. Sie verschwand eines Tages aus Kettenacker – und damit auch aus dem Gedächtnis der Bewohner. Erneut wollen Mauser und Greving dem Bösen auf die Schliche kommen, indem sie die Wahrheit aufdecken. Wieder treffen sie auf Menschen, denen die eigenen Befindlichkeiten wichtiger sind als die Sühne oder wenigstens das Eingeständnis der eigenen Schuld.

Doch „Grafeneck“ hat bei Mauer und Greving Spuren hinterlassen. Der protestantische Kommissar steckt 13 Jahre nach ihrer ersten Zusammenarbeit in einer Sinnkrise, die den gläubigen Polizisten an einem Gott zweifeln lässt, der so viel Leid und Unrecht in der Welt zulässt. Der 73-jährige Mauser fragt sich hingegen, wozu sein Leben überhaupt gut war. Er verzweifelt zusehends daran, dass die Schuldigen mit ihren Verbrechen durchkommen – und dass keine Sühne diese Schuld jemals tilgen wird. Diese Zweifel seiner Protagonisten führen Rainer Gross erneut zu großen philosophischen Fragen, deren Antworten er sich klugerweise enthält. Stattdessen beteiligt er seine Leser – in mitunter etwas ausufernden und redundanten Ausführungen seiner Hauptfiguren – an dem Hader, der Suche nach Antworten. Dabei wird auch deutlich, dass die stark regional gefärbte Sprache und die präzise Schilderung der Schwäbischen Alb nicht bloß Lokalkolorit oder gar Pointenlieferant im Stil des Komödienstadls sind. Stattdessen ist die Heimat für Hermann Mauser von existenzieller Bedeutung. Er ist verwurzelt mit dieser Region und kann sich nicht vorstellen, jemals von dort wegzugehen. Er ist ein starrsinniger Mensch, ein unbequemer Protagonist, dessen Unbeherrschtheit und Sturheit ihn zugleich unverfälscht wirken lassen. Vor allem aber ist es bemerkenswert, dass er sich mit den schwierigen Fragen dieser Romane auf eine Weise auseinandersetzt, die seinem Denken angemessen erscheint. Sicherlich sind darunter auch manche Plattitüden, auch Kommissar Greving scheint mitunter in recht einfachen Bildern zu denken. Aber gerade dadurch wirken die Figuren in den Romanen von Rainer Gross auch sehr authentisch.

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Nur eines löst „Kettenacker“ nicht ein. Nach Kommissar Greving sind Kriminalromane so beliebt, weil sich der Leser eine Geschichte hinter der Untat wünscht, denn erst dann ergebe das Böse einen Sinn. Doch „Kettenacker“ entlarvt vielmehr die Sinnlosigkeit des Bösen. Das ist die Erkenntnis, die am Ende der Lektüre der Kriminalromane von Rainer Gross noch lange nachhallt.

„Grafeneck” und „Kettenacker” sind im Pendragon Verlag erschienen.

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