[Binea & Mr. Rail] Im Gespräch mit Alexander Rösler

Wir haben Dezember, das Jahr neigt sich seinem Ende. Doch blicken wir zurück, denn vor ein paar Monaten war August. Der Monat in dem sich August und Freya zum ersten Mal in Hamburg in einem Auto begegnen. Beide wurden mitgenommen, trampen ein kleines Stück, da diese Möglichkeit schneller ist, als mit dem Bus zu fahren. August redet nicht, August scheint anders zu sein, August riecht gut, August gefällt ihr. Freya, mit einer Flasche Wein für einen gemütlichen Abend bewaffnet, wollte so schnell wie möglich zu ihrem Freund Ben ins Zentrum der Stadt. Doch August steigt eher aus und sie geht einfach mit, geht mit ihm an den Strand, schaut mit ihm aufs Wasser, gibt ihm einen Kuss und rennt weg.

Ohne August, der für sein Leben gern Kontrabass spielt und später nicht nur in der bisherigen Band, sondern auch solo richtiger berühmter Musiker werden will, wäre dieses Buch nicht entstanden, schreibt Rudi gleich im Vorwort, welches kein richtiges Vorwort ist. Rudi ist Augusts bester Freund, sein Kumpel, sein Kümmerer, eine wichtige Bezugsperson. Er steht August immer zur Seite, denn August ist schon anders als wir alle.  Er zählt für sein Leben gern alle möglichen Dinge, er ist überdurchschnittlich schlau und er liebt geregelte Abläufe, sonst wird er aus seinem Lebensrhythmus geworfen, er schmelzt dann, wie er es bezeichnet.

Die Begegnung mit Freya wirft August aus der Bahn, er denkt stundenlang über diesen Kuss, den er auf seine Wange bekommen hat, nach. Dieser Kuss löst bei ihm Gedankenstrudel aus, aus denen er so schnell nicht mehr herauskommt. Er entdeckt Gefühle, er möchte Freya gern wieder sehen und Rudi hilft ihm dabei sie zu finden, denn sie könnte Augusts Leben ändern, vielleicht sogar August in ein Leben helfen, was er so noch nicht kannte.

Alexander Rösler hat drei besondere Charaktere erschaffen, jeder einzelne überzeugt. August ist feinfühlig, ist introvertiert, könnte als Autist bezeichnet werden, ist tiefgründig ehrlich, etwas schusselig und ihm fehlen sämtliche Erfahrungswerte, da er am liebsten zurückgezogen lebt. Gerade diese Schwäche, dieses Anderssein, dieses Verletzliche bringt ihn so nahe. Man kann und muss über ihn lachen, aber auch staunen, denn hat er ein Ziel, gibt es für ihn nur den Tunnelblick, alles andere sind dann Nebensächlichkeiten.

Rudi ist das komplette Gegenteil. Er ist laut, er liebt Partys, ist gern unterwegs, fährt Auto, mag Frauen und hat schon einige wilde Erlebnisse hinter sich, ist aufgeschlossen und keinesfalls schüchtern oder auf den Mund gefallen. Er ist ein normaler Jugendlicher und gerade weil er so normal ist, traut man ihm anfangs überhaupt nicht zu, dass sein bester Freund August ist. Er hat ein großes Herz, ist immer da und gibt August Aufgaben, um etwa so zu werden wie er.

Freya ist reich, Freya lebt im gut beschützten und vornehmen Villenviertel Hamburgs, hat alles, was sie zum Leben braucht. Genau aus diesem Grund scheint August sie zu faszinieren, denn er hebt sich mit seiner Art von all ihren Freunden ab.

Ein Jugendbuch, in welchem ich gern länger verweilt hätte, da ich die drei Romanfiguren gern noch länger begleitet hätte. Der Autor lässt August und Freya abwechselnd erzählen, aber auch Rudi bringt sich stellenweise ein, ganz wichtig sind seine Worte am Anfang des Romans. In denen gibt er ein Versprechen an den Leser ab, was er bis zum Ende hält. Eine Geschichte, die authentisch ist, mit Liebe, aber keinem Hollywood 08/15 Kram, mit Tragik, Komik, Bier, Sex und Figuren mit Entwicklungspotenzial und so einigem mehr. Rudi, genauso, dein Versprechen hast du eingehalten und mich überzeugt, einzig und alleine das Ende, hätte ich mir ein klein wenig anders erhofft, aber so ist es nun mal.

Alexander Rösler treffen, war das MUSS auf der Frankfurter Buchmesse. Schließlich brannten mir und auch Mr. Rail so einige Fragen unter den Nägeln und hier ist es nun, das komplette Interview:

Herr Rösler, was gab es zuerst – die Idee einen Protagonisten zu den Lesern sprechen zu lassen oder die Charaktere?

Weder die Idee noch die Charaktere.  Der Charakter und Protagonist August, war defintiv ganz am Anfang als erstes da.

Ist es ein komisches Gefühl, wenn sich einer Ihrer Protagonisten als Autor ausgibt und wann kam die Idee diesen Roman so geschickt einzuleiten?

Nicht wirklich ein komisches Gefühl, denn mit diesem Konzept habe ich mich schon länger beschäftigt und anfangs hätte ich auch gern August das Buch schreiben lassen. Allerdings wäre das sehr schwierig geworden und es hätte wohl nicht so gut gepasst. Rudi ist an dieser Stelle einfach der bessere Vermittler, er bringt Auflockerung.

Die Idee kristalisierte sich dann immer mehr heraus, ich merkte das noch etwas fehlte und ich einen besseren Anfang brauchte und so kam es dann einfach.

Ihre Protagonisten leben in Hamburg. Haben Sie diese Stadt gewählt, weil auch Sie dort leben und weil auch die Villa dort zu finden ist?

Ja, weil ich dort lebe und die Stadt hat sich einfach angeboten. In meinen anderen Werken, war es einmal die Stadt Frankfurt, der andere Roman spielt in ganz Deutschland. Es wechselt eben und in Hamburg gibt es  viele Villen und schöne Schauplätze und weil hier arm und reich eine große Rolle spielt. Die Villa gibt es allerdings nicht in echt, wobei aber gerade in Blankenese viele ähnliche existieren, in die man sich hineindenken kann.

Wie entstand der Charakter von August und wie erhielt er seinen Namen?

Sein Name sollte etwas außergewöhnliches sein. Letztendlich ist er passend zu seinem Charakter. Eine Mischung aus August dem Starken und einem August aus dem Zirkus. Ich wollte auch einen älteren Namen. Der Charakter ist in Zusammenarbeit mit dem Verlag entstanden. Das Thema Authismus sollte eine Rolle spielen, allerdings wollte ich, dass es im ganzen Roman nie benannt wird. Ich wollte keinen Stempel mit dem Aufdruck “abgegriffenes Thema” aufgedrückt bekommen und somit wird es nie ausgesprochen, Hinweisende Aspekte sind logischerweise vorhanden.

Warum haben alle drei Protagonisten keine gewöhnlichen Teenagernamen, sondern eher außergewöhnliche?

Die Namen sind alle etwas älter. Ich wollte keine Namen die vielleicht mit einem Klischee belegt sind, weil sie einfach zu häufig verwendet werden. Außerdem kenne ich mich mit den aktuellen Teenagernamen auch nicht so sehr aus. Mit diesen älteren Namen schaffft man etwas Abstand, aber ehrlich gesagt, habe ich mir über meine Namensgebung noch keine großen Gedanken gemacht.

Wie gefällt Ihnen persönlich das Cover zu ihrem Werk?

Ganz gut. Es gbit zwar Serien von Covern die diesem irgendwie ähnlich sind, aber das ist scheinbar das Arena-Konzept. Passend ist es schon, nur ein paar Fehler sind auf dem Cover zu finden. Einer ist, das darf ich auch sagen, dass er eigentlich auf dem Ast außen sitzt, diese Bemerkung ist auch im Buch. Aber im Gegensatz zu dem Cover meines letzten Buches, gab es hier keine langen Geschichten, es war und ist okay so.

“Ein Kuss ist ein ferner Stern” – eher ein Buch für Mädchen, ein Buch für Jungen oder für beide Geschlechter?

Definitiv für beide Geschlechter, zwar hätte ich zugegebenermaßen gern ein Buch für Jungen geschrieben. Doch der Verlag tendierte eher zu einem neutralen Buch, beziehungsweise auch mit der Farbe eher zu Mädchen, da diese einfach viel mehr lesen.

Eine Mädchenperspektive musste ich ja aber auch schreiben. Dazu habe ich oftmals in einer Literaturgruppe in einem Gymnasium einige Auszüge während meiner Schreibphase vorgelesen. In dieser waren auch Frauen oder Mädchen und die haben meinen Text kritisiert, was ich sehr nett fand.

Die Perspektive von Freya war für mich am Schwersten zu schreiben, aber auch sehr interessant.

Was sagen Ihre Familie, Freunde und Kollegen zu Ihrem neuen Roman?

In meinem Umfeld wissen das eher nur wenige. Diejenigen die davon wissen, finden ihn gut. Meine eigenen Kinder sind allerdings noch zu klein, um ihn zu verstehen. Die sind im Alter von 6, 7 und 8 Jahren und sehen nur, dass ich immer wieder schreibe. Meine Frau hat mein Buch erst gelesen, als ich es fertig gestellt habe und sie ist oftmals sehr kritisch. Ihr hat es aber gut gefallen, was mich natürlich sehr freut.

Sie sind Autor, allerdings nicht hauptberuflich, oder?

Das hätte einfach nicht getragen. Ich müsste im Akkord schreiben und die Bücher müssten sich in einer Vielzahl verkaufen, um auch finanziell davon leben zu können. Das könnte ich nicht und ich denke dafür reicht es auch einfach noch nicht.

Haben Sie schon eine Idee für Ihr nächstes Werk?

Ja – es gibt Idee, allerdings sind diese noch sehr unfertig, sag ich mal. Es wird aber auf jeden Fall etwas neues von mir kommen. Gerade arbeite ich an einem Sachbuch, auch beim Arena-Verlag. Das Thema wird das Gehirn. Ich bin Neurologe und schreibe mit meinem Kollegen, der Neurowissenschaftler ist, zusammen.

Bei Lovelybooks haben Sie die Leserunde zum Buch begleitet. War das Ihr erstes Mal, das Sie in einer Literaturcommunity dabei sind?

Ja ich habe zum ersten Mal eine Leserunde moderiert und kam mir dabei zu anfangs sehr ungelenk vor. Ich wusste nicht richtig, wie ich mich verhalten soll. Einige waren mit dem Lesen schon fertig, andere haben erst begonnen. Ich habe das erstmal beobachtet, denn ich wollte ja nicht lehrerhaft mein Buch in Kapitelabschnitte einteilen. Es hat auf jeden Fall Spaß gemacht, die Leser waren alle sehr freundlich und vom Buch angetan. Auf jeden Fall eine völlig neue Erfahrung für mich.

Wie gehen Sie mit Kritik um, Herr Rösler?

Richtige Kritik musste ich zum Glück bisher noch nicht erfahren. Es gab vielleicht kleine Ansätze, anhand von Bewertungen z.B. waren ab und an nur drei von fünf Sterne zu finden. An solchen Bewertungen bleiben meine Augen natürlich schnell hängen, ich lese mir alles aufmerksam durch und merke mir diese Kritiken für mein nächstes Werk. Zum Beispiel das Theme Konflikte. Es ist in meinen Romanen wohl Konfliktspotenzial da, was ich aber immer gut umschiffe, was nicht immer gemocht wird. Teilweise muss ich einfach mehr schärfen, mehr Spannung hervorholen, was ich mir wirklich auch vornehmen werde.

Welche positive Resonanz gab es, die Sie sich sofort gemerkt haben?

Schön ist es einfach, wenn ich die Leser mit meinem Buch berühren kann. Viele haben mir geschrieben, dass ich dies mit “Ein Kuss ist ein ferner Stern” getan habe. Allgemein gab es viele positive Stimmen.

Ihr Lieblingscharakter ist vermutlich der August, liege ich damit richtig?

Auf jeden Fall. Über ihn hätte ich immer weiter schreiben können. Aber auch Rudi stand mir sehr nahe, da er etwas älter ist und er der Mensch ist, den August einfach braucht.

Haben Sie eine ganz persönliche Lieblingsstelle im Buch? Etwas gemein fand ich die Stelle, als Rudi den August Alkohol trinken ließ, was sagen Sie?

Da fällt mir jetzt spontan keine ein. Aber zur Stelle mit dem Alkohol kann ich was sagen, denn diese kam im Lektorat nicht wirklich gut an und sollte gestrichen werden. Das hätte ich nicht gedacht. Die Stelle als er vollkommen betrunken ist, ist zwar drastisch, hat aber auch etwas witziges an sich. Ich habe sie mir nicht wegnehmen lassen, dafür war sie zu lustig.

Was lesen Sie als Autor denn besonders gerne?

Das ist breit gefächert. Soeben habe ich mir zum Beispiel am Bücherwühltisch ein Buch von Gertrude Stein gekauft, weil ich von ihr bisher noch nichts gelesen habe. Mal sehen wie das Leseexperiment gelingt. Ich lese ziemlich kreuz und quer. Mal deutsche Autoren, mal dänische, mal Krimi, mal Sachbuch. Aber ich bin ein Dünnbuchleser, dicke Bücher  machen mir irgendwie Probleme.

Wie kommt es denn, dass Sie Jugendbücher schreiben und zum Beispiel keine Thriller?

Das ist so gekommen, dass ich ganz einfach in einem Kinder- und Jugenbuchverlag gelandet bin. Das trifft es recht genau. Aber ich fühle mich hier sehr wohl, viele Bücher hier sind für mich All-Age-Bücher und ich werde hier nicht eingebremst. Jugendbücher zu schreiben ist einfach genial, selbst in Lesungen fällt das nicht auf, es sind oft viele Erwachsene da. Aber wenn mal jemand sagt, dass ist doch ein Jugendbuch, dann wundern sich einige kurz. Bei Arena fühle ich mich absolut wohl, das muss ich nochmal sagen und vor allem in meinen Interessen sehr gut vertreten.

Hat denn der Neurologe einen neurologischen Tipp gegen Schreibblockaden? Was haben Sie getan, wenn Sie eine hatten?

Nein, ich glaube die sind bisher alle schon auf dem Markt ;-) Mann muss sich absichtlich ablenken ohne zu merken, dass man sich absichtlich ablenkt. Man muss sich einfach mit etwas anderem beschäftigen, wie zum Beispiel Läufer zum Bergsteigen gehen oder Fußball spielen.

Wenn ich beim Schreiben mal nicht weiter komme, dann mache ich ganz einfach Musik. Außerdem tanze ich leidenschaftlich gern Tango, das hilft immer und dieses Ablenkungsmittel kann ich gezielt einsetzen.

Merken Sie als Autor dann beim Lesen Ihres Romanes, wo die Stellen waren, an denen es nicht gleich mit schreiben weiter ging?

Ja auf jeden Fall, an denen bleibe aber nur ich persönlich hängen und weiß ganz genau, wann das war. Aber die drei Perspektiven haben beim Schreiben wirklich geholfen, das war therapeutisch praktisch ;-) Blockaden sind aber auch ganz praktisch, meist kommt man dadurch noch auf Sätze oder Begebenheiten, auf die man sonst nicht gekommen wäre.

Was oder wer inspiriert Sie zum Schreiben?

Das sind ganz viele Dinge. Verschiedene Leute, verschiedene Gebäude, mein kleines Notziheft, da gibt es allerhand. Ich sammel auch immer wieder neuen Stoff, notiere den und irgendwann kann ich den dann gezielt verwenden.

Leo Löwchen hat die ganze Zeit das Interview mitverfolgt und möchte Ihnen auch noch eine Frage stellen. Herr Rösler, würden Sie mir denn als 10-jähriges Mädchen das Buch verkaufen oder wäre das noch nichts für mich?

Generell würde nichts dagegen sprechen. In dem Buch kommt nichts schlimmes vor. Ich würde das nicht vom Alter abhängig machen, sondern einfach den Leser oder die Leserin selbst entscheiden lassen, ob er oder sie ins Buch findet und der Funke überspringt.

Wie ist denn Ihr persönliches Verhalten zum Internet. Sind Sie oft online um nach neuesten Bewertungen zu schauen?

Bei mir fängt das alles erst an. So langsam werde ich mit dem Internet warm, aber ich schaue nicht überall nach. Ich hoffe das noch einige gute Besprechungen hinzu kommen. Am Meisten würde ich mich allerdings freuen, wenn in einer großen Zeitung über das Buch positiv gesprochen wird. Bei meinen zwei anderen Büchern war das der Fall und ehrte mich natürlich sehr. Aber der ganze Markt scheint sich zu verändern und die meisten Diskussionen grad im Jugendbuchsektor spielen sich mehr und mehr im Internet ab.

Im Internet selbst halte ich mich auch zurück, meinen Facebookaccount habe ich wieder abgemeldet.

Vielen Dank Herr Rösel, dass Sie sich die Zeit für ein Interview mit uns genommen haben. Wir haben uns sehr gefreut und wünschen Ihnen alles Gute und hoffen bald wieder einen neuen Roman von Ihnen lesen zu können.

2 Kommentare

  1. Mr. Rail

    Und schon sind sie wieder da… die Buchmessegefühle. Dabei war ich doch schon fast geheilt;-)

    Leipzig kommt bald und wir werden wieder unseren Spaß haben. Alexander Rösler hat dir viel verraten… Stellen, die das Lektorat streichen wollte, Fehler auf dem Cover und das ein oder andere Detail seiner Vorgehensweise im Schreiben. Ein schöner Blick hinter die Kulissen.

    Aber ihm blieb ja nichts anderes übrig… lach… umzingelt und im Kreuzverhör;-)

  2. [...] kompletten Interview geht es über das Bild auf den Blog.Lovelybooks oder einfach HIER [...]

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