„Dieses Buch ist ein Roman und erhebt keinen Anspruch darauf, politische, militärische und wirtschaftliche Geschehnisse historisch korrekt zu schildern. Sollte der Leser trotzdem den Eindruck gewinnen, einzelne Abläufe könnten sich tatsächlich so oder so ähnlich zugetragen haben, kann dies nur einem bedauerlichen Mangel an Vertrauen in staatliche Instanzen geschuldet sein.“
Diese Sätze stehen am Ende von „Schlangenkopf“ dem neusten Kriminalroman von Ulrich Ritzel – und sie sprachen mich sehr an. Denn dass Verfassungsschutz und BND versuchen, fehlgeschlagene Aktionen zu vertuschen, die Polizei unter Druck setzen und die Politik zumindest teilweise davon eine Ahnung hat, klingt nicht erst seit den aktuellen Ermittlungen über rechtsextremistische Terrorzellen realistisch. Doch in „Schlangenkopf“ geht es nicht um Rechtsextremismus. Stattdessen erzählt der ehemalige Justizreporter Ulrich Ritzel eine komplexe Geschichte über die Verstrickungen von Politik und anderen staatlichen Organen in den internationalen Waffenhandel. Dabei macht er in Form eines Kriminalromans beispielhaft deutlich, wie diese Abläufe aussehen könnten.
Das ist typisch für Ulrich Ritzel, der in seinen Romanen meist von dem bundesdeutschen Alltag erzählt. Detailliert, mit scharfem Blick für die Feinheiten schildert er die Arbeit von Verwaltung, Polizei und Gerichten. Stets geht es um universelle Themen: Macht, Gier und dem Streben nach gesellschaftlichem Aufstieg, seine Figuren sind Richter, Pfarrer und Ärzte. Lange Zeit ermittelten Kommissar Hans Berndorf und seine Assistenten in Ulm und Umgebung, doch nun lässt Ulrich Ritzel in „Schlangenkopf“ seinen längst pensionierten Kommissar in Berlin als Privatdetektiv ermitteln. Dort soll er im Auftrag des Onkels eines jungen Türkens herausfinden, ob dieser wirklich bei einem Unfall ums Leben gekommen ist. Schnell hat Berndorf den Verdacht, dass Murad Aydin Opfer einer Verwechselung geworden ist. Also forscht er weiter nach – und gerät in eine verdeckte Operation des Geheimdienstes. Und bevor Berndorf auch nur ahnt, worauf er sich eingelassen hat, schwebt er in großer Gefahr.
Mehr als ein Stilmittel – Mehrperspektivität
Dieser Haupthandlungsstrang ist in „Schlangenkopf“ mit verschiedenen Nebenhandlungen verbunden, deren Figuren sich durch eine feine Nuancierung auszeichnen. So schlägt sich der halbwüchsige André mit Diebstählen durch, weil seine Mutter „zur Erholung“ ist. Seine letzte Rettung vor einem pädophilen Hausmeister ist ein Ex-Freund der Mutter, ein schmieriger Betrüger, der allerdings dem Jungen tatsächlich hilft. Hier ist der Halunke nicht der Bösewicht. Dann gibt es einen Politiker, der wiederholt auf Waffenkäufe aufmerksam gemacht hat, aber von der Öffentlichkeit nicht wahrgenommen wird. Stattdessen hat er die Unterstützung in seiner Partei verloren. Nun erleidet er einen Schlaganfall, nach dem er sich – welch bitterböse Ironie – kaum mehr verständigen kann. Aber er ist wichtig für das Voranschreiten der Handlung – und erlaubt Ulrich Ritzel zudem, den Politikbetrieb mit viel Humor zu schildern. Allerdings geht dieser niemals auf Kosten seiner Figuren. Er gibt sie nicht der Lächerlichkeit preis.
Außerdem verdichtet die Mehrperspektivität die Geschichte und führt letztlich zu einer größeren Erkenntnis. Dadurch verdeutlicht Ulrich Ritzel die Stärken und den Mehrwert dieses Erzählverfahrens – ganz im Gegensatz zu vielen anderen Autoren, die schon quälend häufig den in der Regel kapitelweise auftretenden Wechsel zwischen den Perspektiven des Täters, Opfers und Ermittlers als reines Spannungsmoment sehen. Bei Ulrich Ritzel werden hingegen viele kleine Geschichten in einen größeren Rahmen gebettet, und er verweist mit diesen fiktiven Plots auf die Realität – aber ohne mahnenden Zeigefinger, sondern mit mitunter beißendem Humor. Am Ende laufen die verschiedenen Stränge zusammen, auch wenn der Schluss nicht notwendigerweise glücklich sein muss. Wenn Berndorf beispielsweise in dem Vorgängerroman „Beifang“ einen Fall gelöst hat, dann bildet er sich nicht ein, dass er die Versäumnisse der Geschichte und der Institutionen nachholen oder ausgleichen könnte. Er weiß, dass er nichts besser machen kann. Daher reicht ihm die Aufklärung der Zusammenhänge, das Wissen, was wirklich passiert ist.
Sozialkritische Kriminalliteratur
Ulrich Ritzel gehört meines Erachtens zu den interessantesten deutschen Kriminalautoren. Hierzulande werden die Begriffe Kriminalroman und Sozialkritik zumeist im Zusammenhang mit skandinavischen, insbesondere schwedischen Kriminalromanen gebraucht. Doch auch innerhalb der deutschsprachigen Kriminalliteratur gibt es sozialkritische Romane. Und so erinnert Hans Berndorf in manchen Zügen an Kommissar Martin Beck, stilistisch liegt indes ein großer Unterschied zwischen den Becks Erfindern Maj Sjöwall und Per Wahlöö und Ulrich Ritzel. Er ist weit weniger nüchtern und vor allem weniger geradlinig, sondern seine Romane entfalten ihre Wirkung gerade durch das Fehlen eines aufklärerischen Duktus – und dank seines feinen Humors. Und dabei glaube ich, dass Ulrich Ritzel diese Wirkung noch nicht einmal unbedingt im Sinn hat. Denn in einem sehr lesenswerten Porträt von Tobias Gohlis wird Ulrich Ritzel mit folgenden Worten zitiert: „Ich will eine Geschichte erzählen, und den Reim müssen sich die Leute selber machen. Ich versuche, etwas über die Zeit und die Gesellschaft zu erzählen, wie ich sie sehe.“
Die Romane von Ulrich Ritzel sind bei btb erhältlich.




Ulrich Ritzel kannte ich vorher gar nicht, aber nun werde ich in jedem Fall mal etwas von ihm lesen. Danke für den Tipp!
hallo uli,
ich freu mich schon so auf deinen nächsten krimi.
so spannend.
die bäbs, dein fäään