“23 Tage”, “Adams Fuge” und das “Archiv verworfener Möglichkeiten” – Die Hotlist der unabhängigen Verlage

Buchmessen-Zeit ist auch immer Buchpreis-Zeit. Und da ich ein merkwürdiges Faible für Filmpreise habe, interessiere ich mich – warum auch immer! – ebenfalls für Buchpreise. Beim Deutschen Buchpreis philosophiere ich meist mit dem Buchhändler meines Vertrauens über die Vergabe – und während er in diesem Jahr nach meiner Erinnerung mit Eugen Ruge richtig lag, bin ich weiterhin erzürnt, dass es Leif Randt noch nicht einmal auf die Longlist geschafft hat. Spannender als den Deutschen Buchpreis finde ich allerdings den Preis der Hotlist der unabhängigen Verlage, wobei mein Augenmerk weniger auf der Auszeichnung, sondern eher auf der gesamten Vorauswahl der Hotlist liegt. Dort habe ich bislang in jedem Jahr spannende, aufregende und innovative Bücher entdeckt. Und bevor nun morgen die Buchmesse startet, möchte ich Euch drei Bücher vorstellen, die in diesem Jahr meine Neugier geweckt haben.

(c) luftschacht Verlag

Martin Mandler: 23 Tage
Eines vorweg: Leider hat es Martin Mandlers Roman nicht unter die Auswahl der letzten zehn Titel geschafft. Nichtsdestotrotz hat mir die Lektüre seines Buches eine besondere Leseerfahrung beschert. Denn selten wurde die Schwäche eines ganz normalen Mannes derart unverstellt gezeigt.

Das Buch ist eine Mischung aus Trennungs- und Selbstfindungsroman. Der Erzähler schildert tagebuchartig die 23 Tage, die er von seiner Freundin Laura getrennt sein wird. Ihm erscheint es wie eine Trennung auf Probe, da es in seiner Beziehung Probleme gibt und Laura zudem ihren äußerst erfolgreichen Ex-Freund Brad in London besucht. Seine ohnehin großen Selbstzweifel verstärken sich durch Lauras Abwesenheit, und er schlittert zunehmend in eine Krise. Also verlässt er sein abseits gelegenes Haus in der Eifel, reist nach Berlin und weiter bis nach London, kehrt letztendlich aber wieder zurück. Diese Reise soll auch ein Selbsterfahrungstrip sein, die große, alles verändernde und erlösende Erkenntnis bleibt aber aus.

Martin Mandler (c) Lena Glieber

Der Einstieg in den Roman ist etwas bemüht, manche sich wiederholende Formulierungen („ich erinnere mich“) und nachgeschobene Erklärungen sind als Stilmittel zu bewusst eingesetzt. Doch nach diesem etwas sperrigen Beginn hat mich Martin Mandlers Debütroman gepackt und auf die Reise des Protagonisten mitgenommen. Dessen grundsätzliches Problem wird vielen bekannt, vielleicht aber nicht bewusst sein: Er definiert sich hauptsächlich durch die Wahrnehmung anderer. Und nun fehlt Laura, die ihn wahrnehmen könnte: „Ich sehe keinen mehr, der mich sieht. Ich bin unsichtbar.“ Andere sollen sein Leben mit Bedeutung füllen, denn in einer Welt voller Superstars und Selbstdarsteller empfindet er mit aller Deutlichkeit seine eigene Durchschnittlichkeit – und leidet darunter. Diese Einstellung ist sicherlich leicht zu verurteilen. Aber sind wir mal ehrlich: Ist nicht für die meisten von uns die Wahrnehmung durch andere wichtig – und vielleicht wichtiger als sie sein sollte? Dabei ist im Verlauf der Lektüre zu spüren, wie unattraktiv diese Selbstzweifel und die Gier nach Aufmerksamkeit sind, wie schwach der Erzähler dadurch wirkt. Und Martin Mandlers großes Verdienst ist es, dass in „23 Tage“ ist die schnörkellose, wenig attraktive Wahrheit über einen ganz normalen Mann zu erfahren ist, der sich „unterlebensgroß“ fühlt. Das ist manchmal anstrengend, aber auch sehr authentisch.

(c) secession Verlag

Steven Uhly: Adams Fuge
Ein ganzes anderes Buch ist hingegen „Adams Fuge“ von Steven Uhly, das für mich ein heißer Kandidat auf den Preis der Hotlist ist. In dem Roman erzählt der Geheimdienstagent Adem Öztürk von seinem Leben. Geboren in Mannheim, verließ seine deutsche Mutter den prügelnden Vater, der seine Kinder daraufhin mit zurück in die Türkei genommen hat. Adem ist ein schwaches Kind, das von seinem Vater oft geschlagen und seinen Brüdern kaum wahrgenommen wird. Schließlich landet er beim Militär und tötet dort einen PKK-Anführer. Daraufhin wird er vom türkischen Verteidigungsministerium zurück nach Deutschland geschickt, zu der Mutter, die er seit Jahren nicht mehr gesehen hat. Nun heißt er wieder Adam Imp und soll ein dubios-gefährliches Computerspiel aufspüren und unschädlich zu machen. Doch in diesem Roman ist nichts, wie es scheint – noch nicht einmal die Menschen. Adem/Adam landet zwischen den Fronten der türkischen, deutschen, israelischen und amerikanischen Geheimdienste, er sieht sich einem unentwirrbaren Durcheinander von Informationen, Waffenhandel, Deals und Interessen gegenüber, in dem er sich zunehmend verstrickt.

Steven Uhly (c) secession Verlag

Doch „Adams Fuge“ ist kein Agentenroman, kein Geheimdienstthriller, sondern eine Geschichte voller persönlicher Dramen, Gewalt und Verwirrung. Denn Adem/Adam weiß selbst nicht, wer er ist. Ist er Türke oder Deutscher, ist er vielleicht schwul, ist er wirklich ein Geheimdienstagent – oder doch schon tot? Diese Vielzahl von Identitäten fasst Steven Uhly erzählerisch gekonnt in die fugenartige Komposition seines Romans. Am Anfang ist nur Adems Stimme zu vernehmen, jedoch gesellen sich im weiteren Verlaufen die Stimmen seiner Opfer, später seiner verschwimmenden Identitäten, aber auch die seiner Familie hinzu. Und so wird eine Geheimdienstgeschichte zum Zerrspiegel der Identitätsprobleme eines deutschtürkischen Jungen. Das alles ist nicht immer einfach zu lesen, es ist im besten Sinne anstrengend und fordernd. Zumal die Stimmen hin und her wechseln, es keine Kapitel gibt – und die Hauptfigur so wenig zu fassen ist wie sie selbst ihre Identität kennt. Aber genau aus diesem Grund lohnt sich die Lektüre ungemein!

Naomi Schenck: Archiv verworfener Möglichkeiten
Wie vielseitig die Titel auf der Hotlist sind, zeigt auch das letzte Buch, das ich hier vorstellen möchte. Ausgangspunkt dieses Buches waren Motivfotos der Szenenbildnerin Naomi Schenck, mit denen sie Regisseuren und Kameramännern Drehorte vorschlug. Letztendlich wurde an keinem dieser Orte gedreht. Aber aus den Bildern entstand erst eine Ausstellung und später zusammen mit Ulrich Rüdenauer die Idee, 25 Bildmontagen an Schriftsteller, Essayisten und Filmemacher mit der Bitte zu schicken, etwas dazu zu schreiben. So entstand das „Archiv verworfener Möglichkeiten“. Die Texte stammen unter anderem von Arno Geiger, Wilhelm Genazino, Judith Herman, Marcel Beyer, Wim Wenders, Roger Willemsen und Hubert Winkels, sie haben Geschichten, Gedichte und Essays geschrieben.

(c) belleville

Besonders gut gefallen hat mir Ulrike Almut Sandigs „was weiter geschah, wissen wir nicht“, die es mit wenigen Worten schafft, fast einen ganzen Film vor meinen Augen entstehen zu lassen. Auch Georg Kleins Beitrag, in dem er ein bedrohliches fiktionales Szenario entwickelt, ist gelungen – und Lutz Seilers Erinnerung an seine Einberufung in die Nationale Volksarmee der DDR hat mich ebenfalls beeindruckt. Bemerkenswert sind auch die Texte von Heinz Emigholz. Er entwickelt stets eine konkrete Einsatzmöglichkeit der Drehorte, um dann meist absurde, mitunter auch gemeine Gründe der Ablehnung zu finden.

In dem „Archiv verworfener Möglichkeit“ gehen Bilder und Texte eine wunderbare Verbindung ein, ohne miteinander zu verschmelzen. Dieses Buch lässt sich als Bildband durchblättern, als Anthologie lesen oder einfach als Zeugnis der vielfältigen Inspirationen aus Wort und Bild sehen. Und in der Gesamtschau entsteht eine Art Sprachfilm, der zum Verweilen, Blättern und Nachdenken einlädt.

Noch ein paar Worte zum Schluss
Die Auswahl dieser drei Bücher erfolgte von mir gänzlich subjektiv. Ich habe mir einfach die Longlist angesehen und mich für die Bücher entschieden, die mich am meisten interessierten. Aber ich möchte vor allem dazu einladen, sich die Programme der unabhängigen Verlage genauer anzusehen. Sicherlich erfordert es mehr Aufwand als einfach auf die in Buchhandlungen prominent präsentierten Bücher zurückzugreifen. Aber so entdeckt manchmal auch ein besonderes Buch.

1 Kommentar

  1. Am Freitagabend wurde die Preise vergeben. Die mit 5000 Euro dotierte Hotlist-Auszeichnung ging an Nino Haratischwilis Roman „Mein sanfter Zwilling“ (Frankfurter Verlagsanstalt). Außerdem kürten 50 Buchhändler Peter Kurzecks Roman „Vorabend”(Stroemfeld Verlag) mit demerstmals ausgelobten Melusine-Huss-Preis.

    Leider war also keiner der hier vorgestellten Titel unter den Preisträgern. Dafür habe ich aber zwei weitere Lese-Tipps!

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