Im Visier: „Die Haischwimmerin“ von Heinrich Steinfest

Ich lese gerne Krimis. Und ich lese gerne deutschsprachige Literatur. Wenn es allerdings um deutschsprachige Kriminalliteratur geht, dann stoße ich meistens auf altbekannte Meinungen: Sie ist einfach nicht so gut, so spannend, so innovativ und abwechslungsreich wie die Krimi-Kost aus Skandinavien oder den anglo-amerikanischen Ländern. Aber ist der deutsche Kriminalroman wirklich so vorhersehbar? Um dieser Frage nachzugehen, eröffne ich mit diesem Beitrag eine neue Reihe über deutschsprachige Kriminalliteratur im Blog von LovelyBooks. Jeden Monat werde ich einen deutschsprachigen Autor/eine deutschsprachige Autorin vorstellen, der/die innerhalb der letzten drei Monate einen neuen Kriminalroman herausgebracht hat. Zur besseren Abgrenzung sollte dieses Buch außerdem den Grundanforderungen eines Kriminalromans entsprechen, also muss ein Verbrechen passieren, welches von einem Kommissar, einem Detektiv oder einer Privatperson verfolgt wird.

(c) Piper Verlag

Ein Wiedersehen mit Lilli Steinbeck – „Die Haischwimmerin“
Den Auftakt macht einer meiner bevorzugten Krimiautoren: Heinrich Steinfest mit „Die Haischwimmerin“. In seinem neuesten Kriminalroman gibt es ein Wiedersehen mit der Ermittlerin Lilli Steinbeck, die erstmals vor elf Jahren in „Tortengräber“ als Nebenfigur in Erscheinung trat. Später wurde sie in „Die feine Nase der Lilli Steinbeck“ zur Protagonistin – und es ist diese titelgebende Nase, die charakteristisch für sie und Ausgangspunkt der „Haischwimmerin“ ist. Denn Lillis Nase ist deformiert, sie erinnert an eine Klingonennase. Diese Nase wird von manchen Menschen als Makel empfunden, da Lilli eine ausgesprochene hübsche und elegante Frau ist. Nur wenige erkennen, dass diese Nase zu ihr gehört. In der „Haischwimmerin“ wird das Geheimnis um ihre Nase – und warum sie sie nie korrigieren ließ – gelüftet.

Dabei umklammert der Roman die beiden vorhergehenden Titel in idealer Weise. Er spielt im ersten Teil in Lillis Vergangenheit, der dritte Teil setzt hingegen am Ende von der „feinen Nase“ an. Der zweite Teil gehört indes der eigentlichen Hauptfigur des Roman: Ivo Berg, Baumpfleger und Ex-Geliebter von Lilli Steinbeck. Er erhält von einer Pharmafirma den Auftrag, im russischen Dschugdschurgebirge nach der Dahurischen Lärche zu suchen, deren Zapfen ein Elixier absondern sollen, das alle Krankheiten heilen könnte. Dieser Auftrag führt Ivo Berg nicht nur in den fernen Osten, sondern auch in die unterirdische Verbrecherrepublik Toad’s Bred. Dort scheint der Ursprung des Geheimnisses zu liegen. Auf seiner Reise begegnen Ivo Berg gemeine Verbrecher, aber auch ein Wissenschaftler, der mit Geistern telefonieren will, der Junge Spirou, der sich an der gleichnamigen Comicfigur orientiert, und der famose Spirion Kallimachos, jenem dicken, unverwundbaren Helfer Lilli Steinbecks. Und nachdem Ivo Berg den Abstieg nach Toad’s Bred geschafft hat, kommt es auch zum Wiedersehen mit Lilli, die dort den Mord an einer Frau untersucht.

Heinrich Steinfest (c) Bernhard Adam

Der Krimi-Autor Heinrich Steinfest
„Die Haischwimmerin“ ist ein typischer Heinrich-Steinfest-Roman. Der Mord passiert erst nach gut zwei Drittel des Romans, zuvor gibt es eine Verfolgungsjagd, vor allem aber allerhand Überlegungen über alltägliche und besondere Gegebenheiten. Heinrich Steinfest lotet in seinen Büchern stets die Grenzen des Kriminalromans und des Realismus aus. Es gibt in seinem Romane immer eine Auflösung, doch ihn interessiert nicht nur die Untat und deren Auflösung, sondern auch die Lebensumstände und das Alltägliche. Sicherlich kommt es mitunter zu phantastischen Ereignissen, immerhin wohnen bei Steinfest schon mal Außerirdische in einer schwäbischen Vorstadt und betreiben ein Blättchen zur schönen Literatur oder schläft eine Maschine unter dem Stuttgarter Schlossgarten. Aber innerhalb des Romans erscheinen diese Einfälle geradezu folgerichtig.

„Die Haischwimmerin“ ist der 15. Kriminalroman von Heinrich Steinfest und zeigt erneut seine Sprachkunst und Originalität. Wer allerdings konventionelle Kriminalromane sucht, ist bei Heinrich Steinfest falsch. Denn bei dem in Stuttgart lebenden Wiener Autor liegt der Schwerpunkt eindeutig auf dem Roman – und weniger auf dem Krimi.

Für mich gehört Heinrich Steinfest mit Friedrich Ani, Wolf Haas und Paulus Hochgatterer zu den besten deutschsprachigen Kriminalautoren. Sie alle schreiben meiner Meinung nach spannende, innovative und literarische Kriminalromane. Aber jenseits dieser Namen fällt mir derzeit noch nicht viel ein. Doch durch diese Reihe werde ich hoffentlich mehr spannende Autoren und Autorinnen entdecken. Und vielleicht habt ihr noch einen Tipp für mich, wen ich unbedingt vorstellen sollte?

Bücher von Heinrich Steinfest:

(c) Piper Verlag

Heinrich Steinfest: Die Haischwimmerin. Piper 2011. ISBN: 9783492054072. 19,99 Euro.
Gut als Einstieg in das Werk von Heinrich Steinfest sind „Die feine Nase der Lilli Steinbeck“, „Nervöse Fische“ und „Wo die Löwen weinen“ geeignet.

Außerdem geht Heinrich Steinfest auf Lesereise:

Esslingen, 5. Oktober 2011
Zeit: 19.30 Uhr
Ort: Kutschersaal

Kressbronn, 6. Oktober 2011
Zeit: 20.00 Uhr
Ort: Im Bahnhofsgebäude

Darmstadt, 10. Oktober 2011
Zeit: 19.30 Uhr
Ort: Stadtkirche

Heidenheim, 19. Oktober 2011
Zeit: 20.00 Uhr
Ort: Stadtbibliothek

Stuttgart, 26. Oktober 2011
Zeit: 20.00 Uhr
Ort: Buchhandlung Undercover

Wiesbaden, 29.10. 2011
Zeit: 20.00
Ort: Literaturhaus
Moderation: Denis Scheck

Biberach, 30. November 2011
Zeit: 20.00 Uhr
Ort: Stadtbücherei
Moderation: Wolfgang Niess, SWR

1 Kommentar

  1. [...] hatte ich von Sandra Lüpkes noch nichts gelesen. Aber als ich ein Thema für den Oktoberbeitrag meiner Krimi-Reihe suchte, entdeckte ich den Kriminalroman „Taubenkrieg“ sowie seinen Vorgänger [...]

Dein Kommentar: