[Seite an Saite] “Sieben Minuten nach Mitternacht”-s Leseabend

Nachdem unser Kollege Mr. Rail uns in diesem Beitrag ganz schön den Mund wässrig gemacht hat, musste ein Plan ausgetüftelt werden, wie auch wir schnellstmöglich mitreden können in Sachen „Sieben Minuten nach Mitternacht“. Schnell war klar, dass ich wohl kaum ein Buch mit dem Originaltitel „A monster calls“, ohne moralische Unterstützung lesen würde. Also haben Nina (ergänzte diesen Beitrag in dieser herbstlichen Farbe ;) ) und ich eine Seite an Saite Lesenacht zum Buch geplant und am vergangenen Wochenende auch umgesetzt. Am herbstlich gedeckten Tisch haben wir uns zunächst mit einer Kürbissuppe auf den ersten Blick vielleicht unspektakulär, aber nach dem 2. Löffel – wenn man sich an den undefinierbaren Geschmack von Kürbis gewöhnt hat – richtig lecker! gestärkt und schon einmal ausgetauscht, was wir bislang über das Buch wissen. (Inhaltlich gar nichts. Außer, dass es traurig ist.) Was erwartet man von einem Projekt, das von einer Autorin begonnen wurde und das ein anderer Autor nach ihrem Tod beendet hat? Viel. Was hat es mit dem Monster auf sich? Worum geht es im Buch?

Um unterschiedliche Lesegeschwindigkeiten zu vermeiden, haben wir uns entschlossen, kapitelweise wechselnd vorzulesen. Klingt komisch, sich an einem Freitagabend zusammen hinzusetzen und sich gegenseitig vorzulesen, war aber eine Erfahrung, die sich definitiv gelohnt hat und wiederholenswert ist. Aufgrund dieser Entscheidung wurden uns schnell einige Schwächen des Buches bewusst. Leider! Der recht holprige Erzählstil ließ Kleinigkeiten wie Wortwiederholungen oder Ungereimtheiten nach Fragen (Jemand stellt eine Frage und darauf folgt „sagte…“) deutlich hervortreten. Der Name des Jungen, Conor, kam mit steigender Häufigkeit vor und auch das sprachliche Mittel, immer drei aufeinander folgende Sätze gleich zu beginnen, wurde stark ausgereizt. Obwohl die Story recht schnell zum Punkt kommt (Erscheinen des Monsters), zieht sie sich streckenweise in die Länge. Und die Spiegelstriche… Conor – Conor – Conor – Das war mit der Zeit ganz schön nervig. Die Figur des Conor ist schwer einzuschätzen und auch weiterhin gab es einige inhaltliche Ungereimtheiten. Ein Pluspunkt (wenn nicht DER Pluspunkt) auf jeden Fall DER Pluspunkt! des Buches, sind die unglaublich eindrucksvollen Illustrationen durch Jim Kay. Er schafft es wirklich meisterhaft mit Schwarz und Weiß so zu jonglieren, dass tolle Bilder entstehen, die die düstere Atmosphäre des Buches verstärken.

Ich kann nicht sagen, dass mich die letzten 50 Seiten des Buches nicht doch noch emotional gepackt hätten und mir gegen Ende nicht Tränen in den Augen standen – dennoch frage ich mich rückblickend, was so viele Leser an diesem Buch begeistert hat. Während ich mich die ganze Zeit gefragt habe: Warum tue ich mir das an? Warum lese ich so ein trauriges Buch, das bei jedem, der sich in seinem Leben schon mal mit Krankheit und Tod befassen musste, nur Erinnerungen weckt und traurig macht? Es ist ein Buch über einen kleinen Jungen, der eine todkranke Mutter hat und der von einem Monster aufgesucht wird. Kekse stilecht in Form von Uhren und MonsterfingernIch möchte nicht zu viel verraten, für diejenigen, die das Buch eventuell noch lesen möchten, allerdings frage ich mich, wem man es empfehlen könnte. Kindern, die in einer ähnlichen Situation sind wie Conor, würde ich es nicht unbedingt empfehlen. Kindern, die sonst gerne Monsterbücher lesen, würde ich es ebenfalls nicht empfehlen. Ehrlich gesagt wüsste ich wirklich gern, welche Kinder zwischen 12 und 15 das Buch mochten und warum. Kindern würde ich es gar nicht empfehlen. Dann doch eher Erwachsenen. Und auch wenn mich das Buch nicht restlos überzeugen konnte und ich es gerade im Hinblick auf seine Entstehungsgeschichte einfach nur tragisch finde, so habe ich am Ende doch etwas (wenn auch nicht Neues) gelernt: Dass nicht jedes Monster auch wirklich ein Monster ist und dass nicht jeder schlechte Gedanke auch schlecht ist. Das ist für mich persönlich zwar kein großer Trost, aber zumindest eine Wahrheit, die man sich manchmal eben vor Augen halten muss.

8 Kommentare

  1. [...] wir davon halten, könnt ihr in diesem Beitrag zu “Sieben Minuten nach Mitternacht” und in dieser Kritik zu “Das blaue Sofa” [...]

  2. Mr. Rail

    Bücher lösen Reaktionen aus – Bücher lösen Gefühle aus und sie wirken unterschiedlich auf jeden Leser. Ich persönlich musste das Buch alleine lesen. Es musste seine Wirkung entfalten und ich habe mich schnell von der “Monstergeschichte” lösen können um die Botschaft zu fühlen.

    Ich persönlich empfinde das Buch nicht als traurig. Ich habe viele positive Ansätze gefunden und für mich bleibt, was auch jungen Menschen bleiben kann: Der Gedanke, dass nicht ist wie es scheint und dass wir die Flinte oft viel zu früh ins Korn werfen statt die gemeinsame Zeit auszukosten, bis der entscheidende Moment kommt.

    Eure Kekse sehen lecker aus… die Kürbissuppe wäre mir jedoch eindeutig zu gesund!

  3. Nina

    @ Mr. Rail
    Auch wenn ich das Buch anders empfunden habe als du, ich bereue nicht, es gelesen zu haben. Für den Tipp bin ich dir nach wie vor dankbar, denn ohne dich hätten Katrin und ich diese gemeinsame Leseerfahrung nicht machen können.
    Die Botschaft… Ja, auch ich habe sie recht schnell vom Monster losgelöst entdecken können und du hast natürlich auch recht damit, dass man gemeinsame Zeit auskosten soll, aber es gibt Situationen (und in so einer steckt Conor), da ist nicht mehr viel zum Auskosten da. Nicht nur, weil die Zeit fehlt.
    Vielleicht bin ich auch einfach zu negativ eingestellt (Ich bin immerhin ein pessimistischer Zwilling. ;) ), um die positiven Ansätze zu sehen. Oder aber ich bin (was das Thema angeht) einfach vorbelastet.

  4. Mr. Rail

    Ich stelle für mich und in meinem Umfeld einfach immer weider fest, dass die Fähigkeit zum Loslassen fehlt. Dadurch verabschiedet man sich bereits lange vor dem Loslassen in einer Sprachlosigkeit die einzigartig ist. Und erst wenn es zu spät ist… dann aber…

    Warum kehren sich viele Menschen von Kranken ab, wenn sie es gerade am Dringendsten benötigen? Ich denke dass Conor nur durch die Geschichten mitbekommt, dass er sich viel zu früh bereits verabschiedet hat. Diese Lehre ist unbezahlbar.

    Bin auch vorbelastet – aber eben Steinbock ;-)

  5. Nina

    Ich glaube, dann haben wir die Aussage einfach anders verstanden. Conor hat sich ja bis zum Schluss daran geklammert, dass alles wieder gut werden könnte, obwohl er tief in seinem Inneren wusste, dass es anders kommen wird. Er wollte, dass es aufhört, das ganze Leid, und dafür hat er sich geschämt.
    Insofern hat er sich für mich nicht zu früh verabschiedet, sondern er hat in meinen Augen gelernt, dass es okay ist, loszulassen und dass es menschlich ist, sich ein Ende zu wünschen, wenn es einfach nicht mehr anders geht. Auch wenn man den letzten Moment natürlich ewig vor sich herschieben möchte. :(

  6. Mr. Rail

    Er hat geschwiegen und Menschen von sich gestoßen, die helfen wollten. Nicht jetzt schon schweigen.. so mein Verständnis vom Buch – nicht schon trauern, wenn noch Leben da ist. Erst das ermöglicht es zeitlich angemessen loszulassen.

    Anders verstehen heißt andere Perspektiven haben… auch das macht ein Buch! Schön einfach!

  7. [...] werden es vielleicht schon gesehen haben: Frau von Saiten hat im LB-Blog über unseren gemeinsamen Leseabend letzte Woche [...]

  8. Nina

    Na jaaa, dass seine beste Freundin mit der schlimmen Nachricht hausieren geht und ihn damit zum Außenseiter macht, war ihm sicher keine große Hilfe. Auch wenn sie ihm später helfen wollte, ich kann Conor in dem Punkt schon verstehen.
    Nicht trauern, solange noch Leben da ist, ist schwer, wenn man täglich das Leid sieht. Auch hier kann ich Conors Empfindungen sehr gut nachvollziehen. Und genau das ist für mich halt die Aussage des Buches: Dass er dieses Leid nicht mehr sehen wollte/konnte, sich aber dafür geschämt hat, so etwas zu denken.
    Aber wie du schon sagst: Anderes Verständnis, andere Perspektiven. Und das ist ja auch gut so. :)

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