Stockholm Noir – Von “Spür die Angst” zu “Easy Money”

Das passiert mir nur ganz selten: Bevor ich einen Film sehe, weiß ich meistens, ob er auf einer literarischen Vorlage basiert – und kenne auch oft das Buch. Bei „Easy Money“ wurde ich nun doppelt überrascht: Nachdem ich diesen tollen schwedischen Thriller gesehen habe, erfuhr ich, dass er auf einem Buch basiert – und nicht irgendeinem Roman, sondern dem schwedischen Thriller „Spür die Angst“. Doch auch dieses Buch ist trotz meines Faibles für Krimis und Thriller insbesondere aus Skandinavien völlig an mir vorbeigegangen. Das konnte ich natürlich nicht auf mir sitzen lassen. Und mittlerweile bin ich überzeugt, dass es in diesem Fall ein glücklicher Zufall war, dass ich erst den Film gesehen und dann das Buch gelesen habe …

Jorge (Matias Padin Varela), JW (Joel Kinnaman) und Mrado (Dragomir Mrsic) in EASY MONEY (c) Senator

„Easy Money“ – Ein sehenswerter Stockholm-Noir
Der Film von Daniél Espinosa ist ein komplexer und empfehlenswerter Thriller, der mich bezüglich Handlungsaufbau und seines Realismus in den Szenen an die Serie „The Wire“ erinnert hat. Die Handlung in „Easy Money“ besteht anfangs aus drei Erzählsträngen, die sich – wie der Titel schon sagt – um das leichte Geld drehen. Davon träumt der Student JW (Joel Kinnaman), der sich seinen aufwändigen Lebensstil mit illegalen Taxifahrten im nächtlichen Stockholm finanziert. Seine Freunde sollen nicht erfahren, dass er aus einfachen Verhältnissen stammt – stattdessen will er schnell reich werden, um mit den Oberen der Gesellschaft mithalten zu können. Auch der Dealer Jorge (Matias Padin Varela) braucht schnelles Geld. Er ist gerade aus dem Gefängnis ausgebrochen und will ein neues Leben beginnen. Der dritte Handlungsstrang erzählt von dem serbischen Killer Mrado (Dragomir Mrsic), der im Auftrag des Mafiabosses Radovan Jorge aus dem Weg räumen soll. Aber Mrado will aus dem Geschäft aussteigen und mit seiner Tochter Lovisa nach Serbien zurückgehen. Ein spektakuläres Drogengeschäft führt die drei Hauptfiguren zusammen und verbindet die scheinbar losen Handlungsfäden. Dabei setzt Regisseur Daniél Espinosa auf filmische Mittel, um die Biographie der jeweiligen Hauptfigur deutlich zu machen und bringt mit schnellen Schnitten viel Tempo und Spannung in seine Geschichte. Darüber hinaus sind die Hauptrollen überzeugend besetzt, und so ist „Easy Money“ ein sehenswerter Stockholm-Noir, dessen Remake Warner Bros. bereits plant.

Spür die Angst (c) S. Fischer

„Spür die Angst“ von Jens Lapidus
Regisseur Daniél Espinosa plant „Easy Money“ als Auftakt zu einer Trilogie – und nachdem ich den Film gesehen habe, war ich mir sehr sicher, dass JW die Hauptfigur der folgenden Teile sein wird. Doch nachdem ich nun „Spür die Angst“ von Jens Lapidus gelesen habe, bin ich skeptisch. Denn dieses Buch erzählt eine andere Geschichte, die im Rückblick die Leistung der Drehbuchautoren Maria Karlsson, Hassan Loo Sattarvandi und Fredrik Wikström umso bemerkenswerter macht. Sie haben die Handlung geschickt reduziert, so dass die Thriller-Elemente die Oberhand behalten. Denn „Spür die Angst“ ist wenigstens zu gleichen Teilen auch eine Milieustudie. Schon die Zitate am Anfang des Buches verweisen auf die Vorbilder für diesen Thriller: Sie stammen von James Ellroy und Dennis Lehane. Ihr Einfluss ist offensichtlich: viele kurze Sätze geben das Tempo das Romans vor, die Erzählstruktur mit den verschiedenen Handlungsfäden und eingeschobenen Dokumenten erinnert an Ellroys „Underworld USA“-Trilogie. Und Jens Lapidus erzählt nicht nur eine spannende Geschichte, sondern wirft auch ein Blick auf die organisierte Kriminalität in Stockholm. Dadurch entsteht ein anderes Bild von dieser Stadt.

Im Vergleich zum Film gehen die Charaktere des Buches weiter und sind weniger sympathisch. Insbesondere JW ist berechnender und glatter, aber auch das Verschwinden seiner Schwester spielt eine größere Rolle und wird letztlich aufgeklärt. Es ist ein interessanter Ansatz, ausgerechnet diesen Handlungsstrang im Film zu kürzen – zumal er packend und ergreifend ist. Doch letztendlich hätte er von dem eigentlichen Kern der Handlung abgelenkt. Daneben klingen auch andere Aspekte bei Lapidus an: Der Mafiaboss Radovan spielt eine weitaus größere Rolle und die Verflechtungen innerhalb der organisierten Kriminalität bieten viele Überraschungen. An seine Vorbilder Ellroy und Lehane reicht Jens Lapidus mit seinem Debüt aber nicht heran. Dafür gibt es zu viele Redundanzen und auch langatmige Abschnitte, über die auch der Stakkato-Rhythmus und die lakonische Sprache nicht hinwegtäuschen können. Doch auch wenn Jens Lapidus zumindest noch kein schwedischer James Ellroy ist, hat er mit diesem Thriller ein bemerkenswertes Debüt geschrieben.

Der Film läuft seit dem 15. September 2011 im Kino. „Spür die Angst“ von Jens Lapidus ist im S. Fischer Verlag erschienen.

1 Kommentar

  1. Hannah

    Ich habe den Film gestern im Kino gesehen und wusste auch nicht, dass er auf einem Roman basiert. Aber den werde ich mir morgen gleich besorgen. Denn mich interessiert ja schon, was es mit der Schwester von JW auf sich hat … Danke für den Beitrag! :-)

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