SHADOWMARCH – eine Saga ist vollendet…

“Es ist Theater”, dachte er. “Aber keine dieser Komödien, von denen mir Chaven erzählt hat, mit verkleideten Prinzessinnen und durchgebrannten Liebespaaren. Das hier ist eins jener großen Desaster-Epen, die ihm so gut gefallen, mit Gebrüll und blutigen Verbänden und Kesselpauken als Kanonenschüssen. Die Art Geschichte, bei der man immer froh ist, dass sie jemand anderem widerfährt.”

Nach den vier Schwertern, die am Ende der Osten Ard – Saga von Tad Williams zusammengeführt wurden, haben sich nun auch die vier Türme von Shadowmarch zu einer prächtigen Burg vereinigt. Stolz wehen die Fahnen im Wind – und was bei der dynamischen Schreibweise des amerikanischen Erfolgsautors nicht überrascht – ebendieser Wind weht beständig aus unterschiedlichen Richtungen.

Nach genau 3203 gelesenen Seiten ist es an der Zeit, einen finalen Blick auf dieses vierteilige Fantasy-Epos zu werfen und dabei auf folgende Fragen einzugehen:

  • Wie schafft es Tad Williams, seine Leser so lange bei der literarischen Stange zu halten?
  • Steckt ein tieferer Sinn im Titel des letzten Bandes “DAS HERZ”?
  • Wie lautet mein persönliches Fazit – enttäuscht oder begeistert vom Ende?
  • Was kann man Lesern empfehlen, die sich monumentalen Mehrteilern annähern wollen?

Die Technik von Tad Williams:

Die Wellen breiten sich aus...

Was ist das Besondere an der schriftstellerischen Technik von Tad Williams und wie vermag er es, seine Leser über Jahre dazu zu bewegen, seinen Fortsetzungsromanen treu zu bleiben? Es handelt sich hierbei nicht um ein Geheimrezept, sondern um ein Muster, das sich gerade bei ihm immer wieder finden lässt.

Nennen wir es der Einfachheit halber das “Wellen – Strudel – Verfahren”. Stellen wir uns die heile Welt um das kleine Königreich Südmark vor und vergleichen es mit einem ruhigen idyllischen See in der Einöde. Alles könnte so friedlich sein – nichts trübt die Ruhe und die Eintracht der Menschen in diesem Landstrich. Dann jedoch, wie aus dem Nichts berührt der Autorenfinger von Tad Williams die ruhige Oberfläche dieses Bildes. Und wie nach einem Steinwurf bilden sich konzentrische Kreise, die alles mit sich reißen und vom Zentrum entfernen.

So geschieht es mit den Königskindern des Hauses Eddon und ihren Gefährten. Sie entfernen sich voneinander und stranden an fremden Ufern  - und genau dort beginnt sich das Schicksal seine Bahn zu schlagen.

Nachdem die Abenteuer richtig Fahrt aufgenommen haben, die Handlungsfäden gewoben sind, erzeugt Tad Williams zuerst behutsam und dann immer intensiver einen unwiderstehlichen Strudel, der alles wieder zum Ausgangsort des Geschehens zurückzieht. Wirklich alles – Freunde, Feinde, ganze Armeen und Völker. Jeder wird unfreiwillig zum Strandgut der Geschichte und auch dem mutigsten Wellenreiter geht irgendwann die Kraft aus,  sich dieses Strudels dauerhaft zu erwehren.

Der Leser bleibt dabei immer auf einer Wellenlänge mit seinen Protagonisten – wir entfernen uns von der Südmark-Festung und kehren dorthin zurück. Rettungslos verloren und magisch angezogen. Und wie es am Ende eines Strudels nicht anders zu erwarten ist, geht es dann in rasender Geschwindigkeit in die Tiefe.

Auch wenn man ein guter Schwimmer ist – man wird mitgerissen!

Im Strudel der Ereignisse endet alles dort, wo es begann...

Der Titel des Finales: Das Herz

“Aber Südmark war etwas Lebendiges, wurde ihm erstmals klar…

Barrick wusste nicht, woher er es plötzlich wusste, und auch nicht, warum es sich so wichtig anfühlte, aber Südmark war in der Tat lebendig, und zwar auf eine Art, wie kaum etwas anderes.

Es war lebendig, weil es voller Türen und Tore und Pforten war, und es war voller Türen, Tore und Pforten, weil es auf einzigartige, ja einzigartige Weise lebendig war.

Die Götter, die Qar und auch die erst spät ge-kommenen Menschen hatten diesen Ort nicht zum Zentrum so vieler Geschehnisse gemacht.

SIE WAREN ALLE HIERHERGEKOMMEN, WEIL DER ORT SELBST SO VITAL WAR, WIE EIN SCHLAGENDES HERZ.”

Legt man den Lageplan der Königsfestung von Südmark über das Modell eines Herzens, dann erschließt sich die Bedeutung des Zitats und damit auch der Titel des letzten Teils der Shadowmarch-Saga. Ein deutlicher Beleg für die oben skizzierte Technik des Autors, da auch ein Herz durch seine Kammern Druck und Sog erzeugt – abstößt und anzieht – flimmert und auch mal stehen bleibt.

Dieses Herz ist das Zentrum der Geschichte. Es pulsiert und versorgt einen komplexen Kreislauf mit Geschichten, Ereignissen und königlichem Blut. Und genau um dieses Blut geht es in Shadowmarch. Was ist mächtiger? Das Blut der Könige, das Blut der Götter oder das Blut aller Normalsterblichen in den Markenlanden?

Und was passiert, wenn dieses Herz im Strudel der Ereignisse an den Rand eines Infarkts gebracht wird? Wird es jemals Hoffnung für die Menschen geben, oder setzen sich andere Mächte durch? Ist das alte Herz der Südmark so stark, auch diesen Kollaps zu überleben?

Stoff in Hülle und Fülle, um etwas zu beenden, das nach einem Ende ruft!

Ein Fazit am Ende der Reise:

Das Ende einer langen Lesereise durch die Markenlande...

Wenn ich daran denke, wie die Geschichte um das Köngshaus Eddon 2008 für mich begann, als Tad Williams einen ruhigen See erst zu einem kleinen Wellenbad und dann später zu einem tosenden Strudel werden ließ, dann bin ich 2011 fasziniert, wie er alle Fäden zusammenführt und im furiosen Finale des Epos keine Frage unbeantwortet lässt.

Die scheinbar unwichtigsten Figuren erhalten ungeahntes Profil, Völker und deren Herrscher ändern ihre Sichtweisen und Menschen finden zueinander. Alle Hoffnungen auf ein plausibles Ende werden erfüllt. Das gesamte Vertrauen des Lesers, der mehr als drei Jahre diesem Weg durch die Markenlande folgte war gerechtfertigt. Tad Williams hat seine Versprechen gehalten und seine Saga vollendet.

Dass die komplette Auflösung aller Handlungsstränge und Konflikte, die sich in dieser Saga angehäuft haben, nicht gewaltfrei verlaufen konnte, lag auf der Hand. Aber Shadowmarch “Das Herz” ist mehr als ein Schlachtengemälde oder ein brutaler Abgesang auf das Leben in den Markenlanden. Tad Williams lässt seine Leser auch zur Ruhe kommen und die großen Momente in diesem Buch in vollen Zügen genießen.

Briony und Barrick Eddon, Ferras Vansen, Chert, Opalia und Fint werden mein Leserherz immer begleiten. Und natürlich auch der kleine Dachling Giebelgaup, der “Bogenschütz”!

Abschied nehmen von den lieb gewonnenen Menschen und Wesen, die alles in die Waagschale warfen, um Südmark zu retten war nicht leicht. Zu nah ist man diesen Charakteren in der langen Zeit gekommen, um es spurlos zu verdauen, dass sie das Ende nicht erleben. Opfer werden gebracht – Helden werden gemacht und so schließen sich für mich im Zentrum des Strudels – dort wo auf einmal Ruhe einkehrt – die Wellenkreise auf denen ich seit Jahren treiben musste.

Und noch lange verharre ich an jener Grenze, die mehr als die Lebenden voneinander trennt – am Ufer eines Flusses, der durch die Liebe seinen Schrecken verliert!

Meine Bewertung: 3 Lesejahre – 4 Bücher – jeweils 5 Sterne – Leserherz was willst Du mehr?

Eine Empfehlung zum Umgang mit Tad Williams:

Man muss wissen, auf was man sich einlässt, wenn man den ersten Band eines Tad Williams – Mehrteilers aufschlägt. Ich denke, meine Artikel zu diesem Thema haben schon gezeigt, was es heißt, einer Geschichte über mehrere Jahre treu zu bleiben. Das ist mehr als ein Vergnügen für aktive Leser, die sich ein paar eigene Notizen machen und auch über einen längeren Zeitraum nicht den Überblick zu verlieren drohen. Dieser Lesegenuss ist fundamental, da er sich so sehr abhebt vom üblichen schnellen literarischen Konsum.

Stehvermögen und Leidenschaft sind hier gefragt. Man wird stets belohnt – Tad Williams hält was er verspricht.

Leser, die nicht gerne so lange auf die Fortsetzungen warten, Leser die gerne in einem Zug durch komplexe Geschichten wandern, sollten in den Vorschauen und Artikeln zu Mehrteilern “Blut lecken” und dann warten, bis sie vom Abschluss der Saga erfahren. Und genau dann gilt es in einem Schlag vier Bücher zu verschlingen. Ein komplexer Genuss in aller literarischer Tiefe und ohne Unterbrechung durch andere Bücher, die den SUB so sehr zieren!

Wie dem auch sei – jetzt ist der Zeitpunkt günstig. “Aktivleser” können mit “Shadowmarch – Das Herz” eine lange Reise zu einem abenteuerlichen Ende bringen und “Komplettleser” können nun beginnen. Ganz von vorne – und ein wenig beneide ich sie darum.

Viele Bücher und Serien von Tad Williams warten auf Euch – seine schöpferische Kraft ist ungebrochen und wir dürfen uns auch in Zukunft auf viele Seiten eines vielseitigen Autors freuen. Der Drachenbeinthron, Tinkerfarm, Traumjäger und Goldpfote, Otherland und Shadowmarch haben sich eine riesige Fangemeinde erobert….

Stoßt einfach dazu – es ist nie zu spät!

*****

Für Shazo dan-Heza…, dessen tragische “Heimkehr” für mich ein großer Moment in diesem Buch war!

“Bei den Göttern, … sie führen das Schlachtenbanner des Waffenmeisters von Südmark. Aber wir haben keinen Waffenmeister. Nicht mehr seit…”

4 Kommentare

  1. [...] Fragen werden auf dem Blog.Lovelybooks beantwortet… viel Vergnügen! Wer in das Herz des Artikels vorstoßen möchte – ein Klick [...]

  2. Binea

    Tad Williams hat sich schon vor langer Zeit in dein Herz geschrieben und “Das Herz” macht diese literarische Herzensangelegenheit in deinem Herz zu einer unvergessenen, pochenden Angelegenheit.

    Sagenhafte Bilder, die mich berühren, deine Worte gehen tief und man spürt die Leidenschaft mit der du jedes Wort gelesen hast und wie dich “Shadomarch” über die Jahre begleitet und berührt hat.

    Du öffnest förmlich bei allen Lesern die vielleicht noch verschlossenen Fantasyherzen.

    Grandios.

  3. [...] Bis zum letzten Shadowmarch-Artikel könnt ihr also gerne in meinen Worten, Karten und Bildern stöbern – es dauert ja nicht mehr lange. Mein Dank gilt an dieser Stelle ganz besonders dem Klett-Cotta Verlag. Ohne die Bereitstellung der Druckfahnen zur Saga wäre es niemals möglich gewesen, am Erstverkaufstag des Buches eine umfassende Betrachtung zu veröffentlichen… [...]

  4. [...] can find his article here: LD_AddCustomAttr("AdOpt", "1"); LD_AddCustomAttr("Origin", "other"); [...]

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