Bereits vor einiger Zeit habe ich mich gefragt, ob ich mich wirklich für die autobiographische Lebensbeichte eines skandinavischen Autors interessieren sollte. Noch dazu für ein Werk, das allein durch seine Konzeption eine Dimension erreichen wird, die mich die nächsten Jahre beschäftigen kann.
Sollte ich wirklich „Sterben“ des norwegischen Schriftstellers Karl Ove Knausgård lesen und mich darauf einlassen, weitere fünf Bücher dieses Mammutwerks folgen zu lassen? Ich dachte schnell an den Unendlichen Spaß von David Foster Wallace. Auch hier hatten mich die Ausmaße des Buches fast abgeschreckt, mir ging durch den Kopf, wie viele andere Romane ich in der gleichen Zeit lesen könnte – und wahrlich – Lesezeit ist Lebenszeit – sie will gut investiert sein.
Binea und ich haben lange darüber beratschlagt, ob dies ein Buch für uns ist. Wir haben uns auf „Sterben“ eingelassen. Wir haben uns auf Karl Ove Knausgård eingelassen und uns war von Anfang an bewusst, dass dies unser Leseverhalten der nächsten Jahre beeinflussen könnte.
So wie der Unendliche Spaß einige Monate meines Lesens / Lebens verändert hat. Positiv – wohlgemerkt.
Die Versprechen Knausgårds, eine schonungslose Betrachtung auf das eigene Leben vorzulegen, einen Blick in den Spiegel der eigenen Jugend mit einem emotional mehr als gefühlskalten Vater zu werfen, die Selbsterkenntnis gegenüber den eigenen Kindern auch eher genervt als liebevoll gewesen zu sein zu formulieren, den fast selbstzerstörerischen Ehrgeiz als Künstler zu Papier zu bringen und Beziehungsprobleme vor aller Augen auch an seiner eigenen Unfähigkeit festzumachen – all diese Versprechen hat der norwegische Erfolgsautor eingelöst.
Der Originaltitel des Buchs lautet übersetzt „Mein Kampf“. Verständlich, dass sich Luchterhand dazu entschied, auf andere (mit Sicherheit erfolgversprechende) Einworttitel wie „Sterben“ oder die Fortsetzung „Lieben“ (erscheint im März 2012) auszuweichen.
Der Kampf jedoch kennzeichnet das Buch hervorragend.
Knausgård kämpft um die eigenen Lebenswahrheiten, er arbeitet sich beharrlich durch seine Vergangenheit und endet nicht dort, wo es für ihn unangenehm ist. In wechselndem Tempo und hart aufeinanderprallenden Sequenzen seines Lebens lässt er uns ungeschminkt und denkbar aufrichtig an seinem Erlebten teilhaben. Dieser schonungslose Umgang mit sich selbst macht „Sterben“ authentisch – lesenswert und man ist gespannt auf „Lieben“ – sehr gespannt.
Warum dies alles – und mit welchen Konsequenzen für das Hier und Heute? Diese Fragen beschäftigten BlogAutorin Binea und mich gleichermaßen und im Rahmen der Leipziger Buchmesse hatten wir die Gelegenheit, Karl Ove Knausgård mit unseren Fragen zu konfrontieren und einen Blick in die Augen eines Autors zu werfen, den wir literarisch zu kennen glaubten. Ist Karl Ove Knausgård authentisch? Wir sollten es herausfinden – in unserem ersten norwegisch/englischen Interview…
Herr Knausgård, sie schreiben in ihrem Buch „Ich sage niemals die Wahrheit, ich sage niemals was ich wirklich denke. Ich gebe den Menschen lediglich das Gefühl, dass ich mich für das interessiere, was sie mir zu sagen haben.” An dieser Stelle könnten wir das Interview eigentlich dann schon beenden (der Autor lacht).
Warum haben sie das Buch geschrieben, wenn sie uns doch nicht die Wahrheit erzählen möchten?
Der Grund, dieses Buch zu schreiben war für mich, aus dem rein sozialen und damit oberflächlichen Sprechen herauszukommen. Schreiben ist einfacher als Reden – Schreiben geht tiefer als Reden. Die Kraft der Sprache brachte mich weiter und öffnete mich Schritt um Schritt.
Eigentlich wollte ich immer unsichtbar bleiben – auch als Autor, allerdings brachte der Medienhype um die Bücher in Norwegen alles an die Öffentlichkeit. Trug es an meine Familie heran und damit öffnete das Buch nicht nur mich selbst. Es öffnete viel mehr. Man konnte durch den Familiennamen, der in Norwegen sehr selten ist, trotz geänderter Vornamen sehr schnell auf die realen Personen in meinen Büchern rückschließen.
Wie hat ihre Familie reagiert?
Ich habe vor der Veröffentlichung eigentlich jeden in meinem familiären Umfeld gefragt. Einige waren dagegen, andere wiederum dafür. Von Seiten der Familie meines Vaters wurde es als sehr problematisch empfunden, dass und wie ich die Geschichte erzählen wollte. Inzwischen gibt es bereits Gegendarstellungen und es besteht vielleicht die Absicht nach Vorliegen des gesamten Werkes dagegen vorzugehen. Das tut weh. Ich habe dies nie beabsichtigt und mich trotzdem dazu entschieden über diesen Teil eines Familiengeheimnisses zu schreiben, weil es mein Leben war. Und schließlich hat jede Familie solche Geheimnisse.
Sie beschreiben sich schonungslos als ungeduldiger Vater, als zornigen Menschen, den die eigenen Kinder oft in seiner künstlerischen Entfaltung stören. Wie haben sie es geschafft, so mit sich selbst umzugehen, sich selbst so sehr zu verletzen?
Meine ambivalenten Gefühle gegenüber meinen Kindern und gegenüber mir selbst in meiner Rolle als Vater waren aufgrund der Ehrlichkeit, um die ich mich bemühe, sehr gut zu schildern. Und doch habe ich festgestellt, dass es sehr schwer ist, ganz ehrlich zu sein. Ich habe es ständig versucht aber eben auch festgestellt, dass Ehrlichkeit Empathie verhindern kann. Ich wollte eigentlich durch die Erfahrungen mit meinem eigenen Vater ganz anders zu meinen Kindern sein. Tja… (Knausgård wirkt sehr nachdenklich)
Ich bin Vater von drei Kindern und es wird sich erst sehr spät herausstellen, ob diese Bücher ein Geschenk für sie sind – oder das genaue Gegenteil….
Welche Erwartungen knüpfen sie an ihr Buch und warum schrieben sie Sterben vor dem Lieben – ist das nicht eigentlich eine falsche Reihenfolge?
Ich habe keine konkreten Erwartungen. Ich bleibe neugierig. Ich bin sehr gespannt auf die Reaktionen in Deutschland. In Norwegen wurde das Buch sehr positiv aufgenommen – wohl auch weil der Vater-Sohn-Konflikt in „Sterben“ sehr nachvollziehbar ist. Vom Erfolg der Bücher war ich selbst überrascht, da ich sie vielleicht für ein wenig langweilig hielt. Aber das scheint nicht der Fall zu sein (schmunzelt).
Der Tod meines Vaters war der Ausgangspunkt des Schreibens und von dort aus musste es als Gegenteil vom Tod einfach mit „Lieben“ weitergehen.
Liebe flutet das ganze Leben und so ergab sich die Reihenfolge von selbst.
Sind sie mit den deutschen Titeln ihrer Bücher einverstanden und wie geht es weiter nach „Sterben“ und „Lieben“?
Mir ist die Problematik mit dem Originaltitel in Deutschland natürlich bewusst und deshalb bin ich sehr froh über die Entscheidung des Verlages, andere Titel zu wählen. Sie gefallen mir gut und treffen die Bücher im Kern.
Nach „Lieben“ wird es mit einem Buch über Kindheit weitergehen. Mehr möchte ich nicht verraten. In Norwegen machte mir der Verleger nach geschriebenen 1200 Seiten den Vorschlag, die Bücher in kleineren Bänden monatlich zu veröffentlichen. Erst danach entschied man sich dafür, insgesamt sechs Bücher entstehen zu lassen. Diesem Plan ist auch Luchterhand gefolgt.
Der letzte Satz im sechsten Buch wird für mich ein literarischer Selbstmord sein. Dann ist mein Leben erzählt und ich muss mich auf neue Ziele konzentrieren. Ich werde auf jeden Fall weiterschreiben – allerdings nicht mehr über mich selbst.
Herr Knausgård, wir danken für dieses Gespräch und sind gespannt. Wir freuen uns auf die nächsten fünf Bücher und auf das, was darauf folgen mag. Die nächsten Jahre werden sie uns wohl begleiten…
Karl Ove Knausgård wirkt so, wie wir ihn erwartet haben. Die Fragen haben ihn augenscheinlich bewegt, so wie ihn wohl jedes Wort über diese Bücher bewegen muss. Es ist mutig von ihm, sich so offen zu stellen und auch über die Probleme zu sprechen, die er durch sein Schreiben für sich selbst heraufbeschworen hat.
Wir sehen ihn ein paar Minuten später, gänzlich unerkannt, in Gedanken versunken und ruhigen Schrittes durch die Messehalle spazieren. Vielleicht sucht er Abstand, vielleicht hat er ihn durch seine Bücher gefunden. Vielleicht benötigt er den Abstand zu sich selbst um in einem anderen schriftstellerischen Leben Romane zu schreiben, die auf fiktionaler Ebene dem Freigeist Knausgård entsprechen ohne sich selbst zu spiegeln.
Am Ende des Seelenstrips wird er sich wohl von Grund auf neu einkleiden – in fantasievolle Gewänder und am Boden seiner selbst angekommen Neues und ebenso Fantastisches entstehen lassen – diese Prognose ist vielleicht gewagt – aber wir wagen sie! Dauert ja noch ein wenig…. und wenn wir eines haben, dann ist es Geduld!
Wir hoffen, dass er seinen geplanten literarischen Selbstmord überlebt… wäre wirklich schade, wenn nicht!
Vom 20.06. bis zum 23.06.2011 liest Karl Ove Knausgård an folgenden Orten in Deutschland: Münster, Köln, Bonn und Berlin. Vielleicht habt Ihr die Gelegenheit, ihn live zu erleben. Grüßt ihn von uns – und für einen kleinen Lesungsbericht für den Blog.Lovelybooks würden wir glatt “Sterben”







[...] authentisch? Wir sollten es herausfinden – in unserem ersten norwegisch/englischen Interview… (weiterlesen und die mehr über den Autor und die aktuellen Lesungstermine in Deutschland erfahren&#… Mit einem Klick zum Interview auf dem [...]
Ja – wir haben uns für das Buch, die ganzen sechs Bücher entschieden und haben das bewusst gemeinsam getan.
Durch den Bericht kommt das Inverview mir in jeder Einzelheit erneut vor die Augen, ich höre seine Stimme, seine Worte und alles ist lebendig, kein “sterben” in Sicht.
Das Buch habe ich nun schon seit ein paar Monaten beendet, durch den Artikel öffnet es sich gerade wieder, gedanklich gehe ich durch die Seiten und es entblättern sich trotz gelesen zu haben und mit Herrn Knausgard gesprochen zu haben, gibt mir neue bzw. erweiterte Sichtweisen.
Vorfreude macht sich breit – ich freue mich auf “Lieben” und auf ein hoffentlich weiteres Interview mit ihm.
sehr interessantes interview! macht auf jeden fall grosse lust auf das buch! rutscht auf meinem wunschzettel nach ganz weit oben!
…sehr aufschlußreich, Euer Interview. Ich freu mich jetzt noch mehr drauf, als sowieso schon, das Buch zu lesen (und das schöne ist ja: bei dem einen Buch bleibt es nicht
…
Wohl wahr Kaivai – es wird nicht bei dem Buch bleiben. Kann man nur hoffen, dass die Lebenslesezeit einem da keinen Strich durch die literarische Rechnung macht. Irgendwann muss man schon überlegen, ob man sich wirklich noch mit einem “Sechsbänder” anfreundet
Viel Freude beim Lesen, “Sterben” und später “Lieben”…
[...] laut nach dem gemeinsamen Buchmesse-Interview mit Karl Ove Knausgård für den Blog.Lovelybooks. „Sterben für ein Interview“ – der Titel unseres Artikels verrät viel über unsere Gefühle in der Annäherung an den [...]