Gestern war ich mal wieder bei einer Lesung – bei einer etwas anderen Lesung wohlgemerkt. Etwas anders deshalb, weil die Lesung in keiner Buchhandlung, Bibliothek oder sonst wie bibliophilen Umgebung stattfand und weil auch nicht der Autor selbst las.
Aber ich beginne einfach mal von vorne. Im Solinger Stadtteil Ohligs befindet sich seit nunmehr 6 Jahren “Die Schatzinsel”, eine Buchhandlung auf geschätzten 60 qm mit einem ungeheuer engagiertem Team. In den sechs Jahren hat es die Buchhandlung auf mittlerweile 41 Lesungen gebracht, die mit 100 Besuchern pro Veranstaltung (gestern waren es sogar 130) immer ausgebucht sind. 130 Menschen auf 60 qm? Genau, das kann nicht gehen, deshalb finden die Lesungen auch in einem benachbarten Lampen-Geschäft statt, das natürlich nicht nur für die richtige Beleuchtung sorgt sondern dessen lange Ladentheke an Leseabenden kurzfristig für den Prosecco-Ausschank zweckentfremdet wird. So viel nun also zum Ort des Geschehens.
Zu Beginn der Lesung gab der Buchhändler Ingo Klaus ein paar Anekdoten zum Besten. So gab er zu, dass er dem Roman gegenüber sehr skeptisch war und im September 2010 gerade mal 2 Bücher für den Laden orderte. Nach Eigenversuch und ein paar weiteren Lobeshymnen in der Presse waren bis zum Ende des Jahres 100 Exemplare über den Ladentisch gewandert. Kaum jedoch war die Skepsis dem Buch gegenüber in Begeisterung umgeschlagen, ging der Argon-Verlag im Frühjahr 2011 mit dem Hörbuch ins Rennen. Wieder leichtes Stirnrunzeln im Gesicht des Buchhändlers. Hanno Koffler, bekannt aus Theater und Fernsehen, als Hörbuchsprecher jedoch völlig unerfahren, zudem mit 30 Jahren nicht wirklich im Alter der Protagonisten, sollte ebendiese glaubwürdig rüberbringen? Doch wieder wurde Herr Klaus und mit ihm gestern weitere 130 Zuhörer eines Besseren belehrt.
Hanno Koffler ist ein Profi, keine Frage. Mit kleinen Tonübungen wärmte er seine Stimme auf, bevor er mit uns in die Geschichte von Maik und seinem russischen Freund Tschick und deren Fahrt im geklauten Lada abtauchte. Er las nicht wie die meisten Autoren direkt aus dem Buch vor, sondern hatte die von ihm gewählten Passagen auf Blätter ausgedruckt. Dass diese farblich gekennzeichnet waren, verwunderte nicht, denn Wolfgang Herrndorfs Roman ist reich an direkter Rede und schließlich ist einer der Protagonisten auch noch Deutschrusse und muss deshalb natürlich mit dem richtigen Akzent rübergebracht werden.
Hanno Koffler zu lauschen war ein Genuss, nicht nur für die Ohren, denn der Schauspieler lebt seine Figuren, auch bei der Lesung. Seine Hände waren ständig in Bewegung und in seiner Mimik erlebte man auch optisch die Gefühle der beiden Hauptdarsteller mit. Dennoch ist es kaum zu glauben, dass das Hörbuch tatsächlich in nur drei Tagen im Tonstudio eingespielt wurde, zumal mir Hanno Koffler selbst versicherte, dass sein erstes Hörbuch eine echte Herausforderung gewesen sei. Mich und die anderen 129 Zuhörer hat er auf jeden Fall restlos begeistert.
Soviel steht jedenfalls fest, wenn ich das Buch zu Ende gelesen habe, werde ich es mir noch einmal von Hanno Koffler vorlesen lassen. Und wer die CD schon besitzt, sollte sich das Buch ebenfalls nicht entgehen lassen.
Schön war’s gestern. Ich freue mich schon jetzt auf die nächste Lesung der Schatzinsel … im Lampengeschäft natürlich
Nachtrag: Gerade sind auf der Facebook-Seite der Buchhandlung weitere Bilder online gegangen.



..und wieder ein Buch für meine Wunschliste. Danke für den tollen Bericht ! Ach hätte ich doch auch so eine tolle Buchhandlung in der Nähe !
Auf jeden Fall! Das Buch ist großartig und das Hörbuch ein Knaller
Wo wohnst du denn? Wer weiß, vielleicht hast du eine tolle Buchhandlung in der Nähe und kennst sie noch nicht!
[...] Meinen Lesungsbericht findet ihr wie immer bei Lovelybooks! [...]