Graham Greene ist ein Schriftsteller, den ich immer gerne gelesen habe. Der erste Roman war – wie bestimmt bei vielen – „Der dritte Mann“, später folgten dann „Unser Mann in Havanna“ und „Das Ende einer Affäre”. Alle diese Romane wurden auch verfilmt, ohnehin ist Graham Greene einer der meistverfilmten Autoren. Unter anderem nahmen sich Regisseure wie John Ford, Otto Preminger, Carol Reed und Neil Jordan seinen Büchern an. Heute läuft in den Kinos der Film „Brighton Rock“ an, der auf dem Roman „Am Abgrund des Lebens“ basiert.
Spannender Thriller – „Am Abgrund des Lebens“
Graham Greenes Roman aus dem Jahr 1938 spielt in einer heute fast vergessenen Welt. In den 1930er Jahren wurde das englische Seebad Brighton zwar regelmäßig von Tagesurlaubern aus London heimgesucht, aber noch hatten Gangsterbanden das Sagen an diesem Ort. Unter diesen Gaunern ist der 17-jährige Anti-Held Pinkie, der nach der Ermordung seines Zieh-Vaters Kite dessen Bande übernommen hat. Pinkie ist mitleidlos, zynisch und zeigt psychopathische Züge. Er ist nahezu besessen von seiner Abscheu vor Sex und Gefühlen, und er will unbedingt Rache für Kites Ermordung nehmen, der von dem Reporter Charles „Fred“ Hale gelinkt wurde. Als Hale nun in Brighton auftaucht, ist Pinkies Stunde gekommen. Mit Spannung habe ich verfolgt, wie Fred versucht, seinen Häschern zu entkommen – aber selbst die Gegenwart von Ida Arnold, einer mütterliche, warmen und lauten Frau hilft ihm nicht. Fred stirbt scheinbar eines natürlichen Todes. Doch Ida ist misstrauisch geworden und forscht nach. Dabei kommt sie Pinkie auf die Spur, der sich mittlerweile auf eine Beziehung mit der 16-jährigen Kellnerin Rose eingelassen hat, weil diese sein Alibi zerstören könnte.
Das Buch ist in vielerlei Hinsicht spannend. Graham Greene lässt das verstaubte Seebad Brighton vor dem inneren Auge lebendig werden, seine Worte machen die bedrohliche Atmosphäre spürbar. Vor allem aber hat Graham Greene mit Pinkie einen faszinierenden Charakter entworfen. Er erscheint abgrundtief böse, aber insbesondere sein Verhalten gegenüber Rose lässt hoffen, dass es einen letzten Rest guten Kern in ihm gibt. Pinkie wird im Verlauf des Romans immer näher an den Abgrund des Lebens getrieben, daher verliert die Gangster-Geschichte auch im zweiten Teil des Romans an Gewicht. Stattdessen rückt die Beziehung von Pinkie und Rose in den Mittelpunkt, anhand der Greene auch wichtige Fragen über Moral und Schuld verhandelt. Rose und Pinkie sind – wie der Autor – katholisch und gläubig. Während Pinkie vor allem an die Existenz der Hölle glaubt, ist sich Rose bewusst, dass sie sündigt – doch diese Gewissheit hält sie nicht ab. Im Gegensatz dazu glaubt Ida an „Recht und Unrecht“ und hat ein natürliches Moralempfinden. Sie ist eine untypische Heldin, die aber das Böse im Namen der Gerechtigkeit bekämpfen will. Sie ist mutig, laut und herzlich – und der aufrichtigste Charakter dieser Geschichte.
„Brighton Rock“ im Jahre 1947
Erstmals wurde Graham Greenes Roman 1947 von John Boulting verfilmt. Die Hauptrolle spielte damals der junge Richard Attenborough, dem mit diesem Film der endgültige Durchbruch gelang. Tatsächlich ist Attenborough ein sehr überzeugender Pinkie. Mit blassem Babygesicht jagt er den Zuschauern einen Schrecken ein, seine Augen sind kalt und alterslos. Aber Attenborough verwebt in Pinkies Bösartigkeit den notwendigen Hauch von Unsicherheit, der diesen Charakter so faszinierend macht. Darüber hinaus bringt er auch den zunehmenden Kontrollverlust überzeugend auf die Leinwand. Ich kenne Richard Attenborourgh vor allem als Weihnachtsmann aus „Das Wunder von Manhattan“, daher hat mich seine Darstellung hier umgehauen. Aber gut, zwischen beiden Filmen liegen auch 47 Jahre!
Das Drehbuch hat Graham Greene zusammen mit Terence Rattigan geschrieben, so dass die Verfilmung recht nah an dem Roman ist. Vor allem aber ist John Boultings Film ist ein gelungener britischer noir-Film mit atmosphärisch dichten Schwarz-Weiß-Bildern, gefährlichen Gangstern und gebrochenen Charakteren. Diese Verfilmung verbindet das für Greene wichtige Thema des Katholizismus und eine filmische Erzählweise auf gute Weise, in dem der Film die Sünde thematisiert, aber gleichzeitig mit gekonnter Lichtsetzung arbeitet. Außerdem ist er für einen europäischen noir aus den 1940er Jahren überraschend brutal und düster, vermutlich ist deshalb auch das Ende gegenüber dem Roman abgeschwächt. Hier hat Greene zugegeben, dass er selbst diese Änderung zu verantworten hat. So viel Zynismus und Unsicherheit wollte er den Zuschauern dann wohl noch nicht zumuten.
„Brighton Rock“ im Jahre 2010
Das Ende, so viel sei hier schon gesagt, hat Rowan Joffe von John Boulting übernommen. Ansonsten hat er sich aber sowohl vom literarischen als auch filmischen Vorbild entfernt, um ein eigenständiges Werk zu schaffen. Daher spielt die Handlung nun nicht mehr in den 1930er Jahren, sondern über 30 Jahre später während Brighton Riots, jenen Massenschlachten zwischen Rockern und Mods, die das Seebad in Atem hielten. Vor diesem Hintergrund kreiert John Mathieson stimmige, dichte Bilder, die zusammen mit dem gelungenen Soundtrack eine bedrohliche Atmosphäre schaffen. Aber Joffe nutzt das dramaturgische Potential dieses Konflikts nicht aus, stattdessen rückt er in seinem Film die Beziehung von Rose und Pinkie in den Mittelpunkt. Dadurch wird insbesondere Rose gegenüber dem Roman und dem früheren Film aufgewertet – und noch dazu wird sie von Andrea Riseborough mit viel Charisma und Präsenz gespielt. Sie verkörpert Roses bedingungslose Liebe – wenn ihr auch die Abgeklärtheit der Roman-Rose fehlt. Stattdessen fügt Joffe mit Roses Familiengeschichte eine mögliche Erklärung für ihr Verhalten ein, die deutlich macht, dass sie in dem Verhältnis mit Pinkie nicht nur Opfer ist. Sam Riley als Pinkie hat mich allerdings allzu oft an Leonardo DiCaprio erinnert, er wirkt weniger wie ein Psychopath als vielmehr wie ein zorniger, junger Mann, der erst noch richtig böse werden muss.
„Brighton Rock“ ist ein durchaus unterhaltsamer Film, der aber gerade im Vergleich mit seinen Vorbildern verblasst. Dieser Pinkie wird ebenso in Vergessenheit geraten wie die von Helen Mirren verkörperte Ida Arnold, der jegliche Mütterlichkeit und Wärme fehlt. Fraglos ist Helen Mirren für jeden Film ein Gewinn, aber sie hatte schon dankbarere Rollen. Mit Rowan Joffes Film ist ein wie mit der titelgebenden Zuckerstange, die „Brighton Rock“ genannt wird. Im Buch heißt es, dass an ihr schon so mancher Gangster erstickt sei, doch so viel man auch von ihr abbeiße, das Wort Brighton wird immer zu lesen sein. Zugleich ist diese Zuckerstange auch ein Symbol für die Sünde, dennegal wie tief man in Pinkie blickt, man wird immer etwas originär Böses in ihm finden. In Joffes Verfilmung hingegen essen Rose und Pinkie eine Zuckerstange am Pier und erweisen dem Vorbild eine nette Referenz.
Mein Fazit: „Am Abgrund des Lebens“ ist sicherlich nicht mein Lieblingsbuch von Graham Greene, aber ich halte den Roman auch heute noch für lesenswert – vor allem im Zusammenspiel mit der aktuellen Verfilmung. In dem Buch werden manche Fragen, die der Film offen lässt, beantwortet. Vor allem aber hat die aktuelle Verfilmung dazu beigetragen, dass der tolle Boulting-Film endlich auf DVD erhältlich ist. Und eines zeigen diese Verfilmung wie fast alle Filme nach Vorlagen von Graham Greene: Seine Geschichten sind ungeheuer belastbar. Sie lassen sich für einen Film umdeuten, korrumpieren und dehnen – im besten Sinne.
Der Roman “Am Abgrund des Lebens” von Graham Greene ist bei dtv (ISBN: 978-3-423-13951-9) erschienen und kostet 9,90 Euro.
Die DVD “Brighton Rock” ist bei Kinowelt erschienen und ab 16 Jahre freigeben.
Der Film von Rowan Joffe läuft ab 21. April 2011 im Kino.








[...] diesem Roman hat nun Rowan Joffe, dessen Regiedebüt „Brighton Rock“ derzeit im Kino läuft und das ich hier bereits vorgestellt habe, ein Drehbuch geschrieben und verfilmt wurde es von Anton Corbijn. Im Hauptberuf ist Anton Corbijn [...]