Oda Schaefer – mit “POLL” zurück aus dem Vergessen…

Film und Literatur stehen oftmals in einer nicht unproblematischen Beziehung zueinander. Als Leser geht man mit geprägten individuellen Lesegefühlen ins Kino und erlebt häufig Enttäuschungen, wenn der Film so gar nicht das Gelesene widerspiegelt.

Ich sehe mich heute noch im Kino sitzen und innerlich am Ende des Films „Der Pferdeflüsterer“ mit Robert Redford laut aufschreien:

„DER IST TOT – DER IST TOHOT!“

War er nicht – zumindest nicht im Film und ich war gebügelt! Und schrecklich sauer über diese massive Veränderung der Schlusssequenz des Romans von Nicholas Evans…

Ich kenne allerdings auch Filme, denen etwas ganz Besonderes gelungen ist. Durch die Adaption einer literarischen Vorlage wurden Autoren wiederentdeckt, das Interesse für Bücher geweckt, die schon lange nur noch bei tiefen Insidern überhaupt für lesenswert erachtet wurden. Ich denke nicht, dass wir heute ohne den Film „Jenseits von Afrika“ über die dänische Autorin Tania Blixen sprechen, geschweige denn ihre Bücher zur Kenntnis nehmen würden. Nur mutigen Produzenten und Regisseuren ist hier zu verdanken, dass wir uns anschließend mit Schriftstellern auseinandersetzen, weil wir mehr erfahren wollen als „Ich hatte eine Farm in Afrika – am Fuße der Ngong-Berge“.

JA – „Rosenlippenmädchen, leichtfüßige Jungs“ – unvergessen.
NEIN – der winkende Pferdeflüsterer am Ende des Films – schnell vergessen!

Einer dieser großen Filme, die solche Brücken schlagen können ist zweifelsohne „Poll“. Nur ein Hauch von Lebenserinnerungen der deutschen Lyrikerin Oda Schaefer (geb. 1900 gest. 1988 in München) bildet hier die Grundlage für ein optisches und inhaltliches Großereignis auf der Leinwand. Keines ihrer Bücher ist derzeit lieferbar, ausschließlich ein Glückstreffer bei modernen Antiquariaten kann dazu führen, ihre Autobiographie „Auch wenn Du träumst, gehen die Uhren“ in Händen halten zu dürfen, an der sich die Handlung des Films sehr lose aber eindringlich orientiert.

Tief bewegt habe ich den Film betrachtet, in den opulenten Bildern geschwelgt und in der Charakterzeichnung der jungen Oda Schaefer am Vorabend des Ersten Weltkrieges eine solche Vielschichtigkeit entdeckt, die mich veranlasste, mich auf die Suche nach der Schriftstellerin zu begeben.

Im Film kehrt die junge Oda mit ihrer toten Mutter im Gepäck auf das Landgut ihres Vaters zurück. Poll in Estland. Ein Herrenhaus im Widerstreit zwischen Verfall und Größe – ein Mahnmal längst vergangener Gutsherrenzeiten.

Odas Vater, ein von der Fachwelt verschmähter Pathologe, versucht sich dort in einem privaten Laboratorium auf seine Wiederentdeckung als anerkannter Wissenschaftler vorzubereiten. Russische Soldaten „beliefern“ ihn regelmäßig mit den Leichen getöteter Rebellen. Als eines Tages ein junger Anarchist das Landgut Poll ausnahmsweise nicht durch den Lieferanteneingang betritt, sondern schwer verletzt Schutz sucht, wird er in aller Heimlichkeit von Oda gepflegt.

Zwischen beiden entwickelt sich eine Liaison auf der Grundlage ungelebter Träume, nie verwirklichter Wünsche und verborgener Talente. Oda entdeckt den freigeistigen Schriftsteller hinter der Fassade des Flüchtlings und dieser weckt in ihr den Wunsch, auch schreiben und erzählen zu wollen. Die geheimen Tage auf Poll werden für beide zu einem unvergesslichen Erlebnis. Bis er eines Tages entdeckt, welchen Weg seine Freunde in das Haus von Odas Vater gefunden haben. Das Drama nimmt seinen Lauf und Oda ist ihrem Schicksal gnadenlos ausgeliefert.

Ich musste mehr erfahren. Broesel hatte ja schon beim Lovelybooks-Gewinnspiel zum Filmstart des Dramas einen mehr als wertvollen Preis gewonnen. Eine vom Film-Cast signierte antiquarische Ausgabe eines Oda Schaefer – Buches.

Ein paar gezielte Anrufe, ein freundlicher Antiquar und ein Zufall sind nun dafür verantwortlich, dass eine gut erhaltene Ausgabe von „Auch wenn Du träumst, gehen die Uhren“, 1970 erschienen im Piper-Verlag, mit der persönlichen Notiz des ehemaligen Besitzers „Weihnachten 1971“ auf meinem Stapel der „Kostbarkeiten“ liegt.

Schon beim ersten Stöbern in den einzelnen Kapiteln findet man sich in wundervoll melancholischen Gedichten und schließlich auch in Oda Schäfers Poll zu Beginn des Jahres 1914 wieder.

„Der Garten – immer war es der Garten, überströmend von der Fülle leuchtender Blumen, in den Farben rosa, karmin, gelb, weiß und orange, und nur ganz wenig blau.

Ich hatte sein Bild als Kind zum erstenmal im Traum erblickt, da kannte ich seine Wirklichkeit noch nicht.

Später beschwor ich ihn aus der Vergangenheit herauf, wenn ich nicht schlafen konnte: es war der Garten des Gutes Poll in Estland, in dem ich nur kurz verweilen durfte …

Wie gerne flüchtete ich mich in Zeiten der Not, der Finsternis und der Trauer zurück in dieses versunkene Paradies, dessen Bäume abgeholzt waren und das ich niemals wiedersehen würde …

Wenn das Leben mich nicht mehr tragen wollte auf seiner großen Welle – aber im Grunde trug es mich weiterhin, nur die Furcht hatte sich meiner bemächtigt, dann versuchte ich, von jeher geübt in der Imagination, mir etwas vorzuspielen auf einer Bühne, die es gar nicht gab, nur in meinem Kopf:

Manchmal war es eine Musik, die ich liebte und deren Noten ich genau kannte, meist aber das Bild des immergrünen, immerblühenden Gartens vor dem dunklen, schweigenden Park in Poll.”

Diese Zeilen alleine lassen das Gefühl des Films auch in diesem beeindruckenden Buch lebendig werden. Zeigen das Erwachen einer jungen Schriftstellerin im Wechselspiel zwischen Licht und Schatten der eigenen Jugend und dem aufziehenden Kriegsgewitter. Ich lehne mich zurück und genieße die Zeilen, lasse die Bilder der Leinwand mit den Wortbildern Odas ineinander fließen und bin dankbar um die Erfahrung, eine vergessene Autorin für mich wiederentdeckt zu haben.

Wie einst in Afrika, am Fuße der Ngong-Berge…. anders kann ich dieses Gefühl nicht beschreiben, nun Oda durch die Haustür des Herrenhauses zu folgen und die Stimmung dieses Sommers zu inhalieren.

Eines habe ich bereits gelernt von Oda Schaefer. Eine fast vergessene Lehre, die mich inspiriert und nachdenklich macht. Sie schrieb:

HABENT SUA FATA LIBELLI

Bücher haben Schicksale. Dieser Überschrift widmet sie ein ganzes Kapitel ihres Lebens. Ich kann dies nachvollziehen und mir fallen viele literarische Schätze ein, auf die das lateinische Sprichwort uneingeschränkt zutrifft!

Auch das vor mir liegende Buch hat ein Schicksal. Weihnachten 1971 – aber das ist nur ein Teil. Das Werk trägt das Schicksal einer fast vergessenen Schriftstellerin. Dagegen kann man ankämpfen – nicht nur durch den Besuch des Films, sondern auch durch Lesen! Eine Vielzahl ihrer wundervollen Gedichte ist hier zu finden. einfach das Cover anklicken und mitfühlen

Oda Schaefer…. Oder was vergessen ist…

Schaefers literarisches Werk besteht in erster Linie aus Lyrik in traditionellen Formen nach dem Vorbild der Naturlyriker Wilhelm Lehmann und Georg von der Vring. Sie war Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt und des PEN-Zentrums der Bundesrepublik Deutschland, erhielt u. a. 1951 den Preis der Akademie der Wissenschaften und der Literatur, 1952 die Ehrengabe der Bayerischen Akademie der Schönen Künste, 1955 den Literaturpreis der Gesellschaft zur Förderung des Deutschen Schrifttums, 1959 den Literaturförderpreis der Stadt München, 1964 das Bundesverdienstkreuz I. Klasse, 1975 den Literaturpreis des Kulturkreises im Bundesverband der Deutschen Industrie und 1973 den Schwabinger Kunstpreis für Literatur.

Ich habe dem Film “Poll” viel zu verdanken und hoffe, Euch eine kleine Anregung mit auf den Weg gegeben zu haben. Viel Spaß bei der Neuentdeckung einer lesenswerten Autorin!

8 Kommentare

  1. [...] über den Film und die fast vergessene Autorin Oda Schaefer findet Ihr im aktuellen Artikel auf dem Blog.Lovelybooks! Hier geht`s zum [...]

  2. Stimmt, Jenseits von Afrika ist einer der Filme, die herausragend sind. Dagegen ist das Buch weniger toll, ich habe mich durch die ersten 30 Seiten gequält und dann aufgegeben.
    Aber es gibt noch mehr Filme, wo das Buch nicht so toll ist und der Film beeindruckend: Der Englische Patient oder Vom Winde verweht….
    Was mir aber auffällt, wenn ich ein Buch ganz besonders toll fand und erst später die Verfilmung gesehen habe, war ich immer enttäuscht. Andersherum, wenn mir ein Film gefallen hat u. ich unbedingt dazu das Buch lesen wollte, fand ich das wiederum nicht gut. Ganz schön verzwickt….

  3. Binea

    Näher und immer näher bringst du mir die Filme. Bis ich mal wieder mit ins Kino komme ;o) Aber ich komme gern mit.

    Ich habe “Poll” nicht gesehen, war aber doch irgendwie mit und finde in deinen Worten viel wissenswertes. Der Link zu ihren Balladen und Gedichten ist kostbar und ich lese wieder und wieder was sie schrieb.

    Und wie wahr – jedes Buch hat ein Schicksal…

    Das Schicksal deines Exemplars wäre sicher auch interessant – sehr sogar ;o)

  4. [...] und bringt es nun mit geschwärzten Stellen in die Läden (Börsenblatt). /// Das Lovelybooks-Blog widmet sich noch einmal ausgiebig dem Fill Poll und der darin porträtierten Autorin Oda Schaefer. /// Der Münchner Autor Nicola [...]

  5. [...] schrieb ich einen Artikel über den Film „POLL“ des bekannten Regisseurs Chris Kraus. Eigentlich schrieb ich über die Leistung dieses Films, die [...]

  6. Mr. Rail

    Den Kampf gegen das Vergessen alleine aufzunehmen ist aussichtslos. Aber manchmal helfen die Zufälle im Leben – manchmal hilft ein einziger Kommentar zu einem Artikel…

    Danke sag` ich einfach an dieser Stelle….

    http://literatwo.wordpress.com/2011/04/24/oda-schaefer-was-vergessen-wirklich-bedeutet/

  7. [...] Im Februar ist der Film “Poll” auf den deutschen Kinoleinwänden erschienen und Mr. Rail hat daraufhin einen umfassenden Bericht geschrieben. In diesem steht nicht nur der Film im [...]

  8. [...] die nach Erscheinen des monumentalen Kino-Epos dazu beitragen sollen, dass die deutsche Lyrikerin Oda Schaefer nicht zum zweiten Mal in Vergessenheit [...]

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