Statt einer Lesung: Thomas Hettche, eine Bronchitis und ein guter Krimi

Eigentlich wollte ich längst einen Beitrag über die Lesung von Thomas Hettche in der Bonner Buchhandlung Böttger geschrieben haben. Aber im Gegensatz zu Thomas Hettche, der mit Gipsbein zu der Lesung erschien, zwang mich eine Bronchitis zum Fernbleiben, so dass ich über die Lesung aus „Die Liebe der Väter“ nur vom Hörensagen berichten könnte. Also habe ich mich entschlossen, stattdessen mein Lieblingsbuch von Thomas Hettche vorzustellen, das ich darüber hinaus für einen der besten deutschsprachigen Kriminalromane halte.

Begegnet bin ich Hettches „Der Fall Arbogast“ durch den Buchhändler Alfred Böttger, der zwar meine Vorliebe für Kriminalromane nicht unbedingt teilt, aber dieses Buch ungemein schätzt. Und in der Gewissheit, dass er mir niemals ein schlechtes Buch empfehlen würde, las ich den Roman – und mittlerweile ist „Der Fall Arbogast“ eines meiner meistverliehenen, -verschenkten und -empfohlenen Romane.

In „Der Fall Arbogast“ erzählt Thomas Hettche von Hans Arbogast, der im Jahr 1955 zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe wegen Mordes verurteilt wird. Sein Verhängnis: Er traf die junge Marie Gurth und hat sie in seinem Wagen mitgenommen. Sie hatten leidenschaftlich-brutalen Sex, dann starb Marie und Arbogast hat ihren leblosen Körper weggeschafft. Nachdem die Leiche entdeckt wurde, sah die Polizei Verbindungen zu zwei weiteren Frauenleichen, die in der Nähe ebenfalls ermordet aufgefunden wurden. Wenige Tage später stellte sich Arbogast der Polizei. Obwohl die erste Obduktion ergab, dass Marie an Herzversagen starb, wird Arbogast aufgrund eines Gutachtens des renommierten Gerichtsmediziners Professor Maul verurteilt, nach dem Marie mit einem Kälberstrick erwürgt wurde. Stets beteuert Arbogast seine Unschuld, aber erst nach 13 Jahren erreicht der Anwalt Ansgard Klein eine Wiederaufnahme des Verfahrens. Mehr will ich über die Handlung auch gar nicht verraten.

In seinem Roman greift Thomas Hettche nur wenig verschlüsselt den Fall Hans Hetzel aus den frühen Jahren der Bundesrepublik Deutschland auf, bei dem Hetzel trotz einer unzureichenden Beweisführung zu einer lebenslangen Zuchthausstrafe verurteilt wurde. Aber Hettches Buch ist mehr als eine Aufarbeitung dieses Falls. Er liefert ein spannendes Panorama der Sitten- und Justizgeschichte der BRD in den 1950er Jahren und zeigt, dass nicht nur Gutachten, sondern auch scheinbar objektive Beweismittel wie ein Foto von der zeit- und weltanschaulichen Mentalität beeinflusst sind. Schon die animalische Leidenschaftlichkeit, mit der Hans Arbogast und Marie Gurth übereinander herfallen, macht Arbogast zu dieser Zeit sehr verdächtig. Diese Art von Geschlechtsverkehr galt als anormal. Bei der erneuten Verhandlung des Falls 1969 ist nicht nur die technische Entwicklung vorangeschritten, sondern die Mentalität der Menschen hat sich ebenfalls verändert. Was 1955 als pervers angesehen wurde, ist mittlerweile vielleicht nur noch ungewöhnlich oder aber erklärbar. Heutzutage machen wir uns über die Sexualpraktiken keine Gedanken mehr. Diese Diskrepanz in der Wahrnehmung fand ich sehr spannend an dem Buch, zumal es in einer Zeit spielt, die nur wenige Jahrzehnte zurückliegt.

Daneben flicht Hettche zahlreiche Beobachtungen des deutschen Alltags zwischen 1953 und 1969 in seinen Roman ein. Durch die ostdeutschen Gerichtsmedizinerin Dr. Katja Lavans, die in Arbogasts Wiederaufnahmeverfahren eine entscheidende Rolle spielt, wird beispielsweise der komplizierte Grenzverkehr zwischen der BRD und DDR deutlich. Mit Details wie der Kleidung der Figuren, Schnurtelefonen, Zigarettenmarken und anderen Accessoires schafft Hettche atmosphärisch dichte Bilder dieser Zeit. Dabei war ich erstaunt, wie wenig ich letztendlich über diese Zeit weiß – zumal meine Wahrnehmung dieser Jahrzehnte auf Bildern aus Filmen oder auch Erzählungen beruht. Aber Hettche vermittelt Einblicke in die 1950er und 1960er Jahre, die mit den heutigen Klischees nicht übereinstimmen.

Beeindruckt hat mich aber vor allem die klare, bisweilen kaltblütige Sprache, mit der Hettche von dem Fall, aber auch der Körperlichkeit und der Faszination für die Verbindung aus Tod und Lust erzählt. Eindrucksvoll beschreibt er, wie sich Arbogast im Gefängnis zusehends auflöst, wie er immer mehr mit den Mauern seiner Zelle verwächst. Aber auch das mitunter schon an eine Obsession grenzende Hinaufbeschwören von Maries letzten Minuten wird von Hettche sehr eindringlich geschildert. Hier hat mich nur eine Episode am Ende des Romans gestört, in der Hettche dieser Entzückung zu viel Raum gibt.

Alles in diesem Roman ist äußert gut durchdacht – und ich schätze klug konstruierte Plots sehr. Dabei gelingt es Hettche, dem Leser das Gefühl scheinbarer Objektivität zu vermitteln. Durch Zitate aus Obduktionsberichten, Gerichtsprotokollen und Zeitungsmeldungen, die Angabe von Zeit- und Ortsangaben entsteht der Eindruck von Authentizität, man glaubt sich stets in Distanz zu dem Geschehen. Aber zugleich schafft Hettche dadurch eine bedrohliche Atmosphäre, die mich von der ersten bis zur letzten Seite an das Buch gefesselt hat. Denn eines bleibt stets ungewiss: Die Wahrheit über Maries Tod.

Thomas Hettche: Der Fall Arbogast. Als Taschenbuch im Dumont Verlag erschienen. ISBN: 978-3-832-16111-8. 9,95 Euro.

2 Kommentare

  1. Perlector

    Der Fall Arbogast hat mich bei mir großen Anklang gefunden, weil er nicht das typische Schwarz-Weiß-Muster vieler Krimis bedient. Zudem führt Hettche in einer präzisen, dabei aber nicht langweiligen Sprache aus, viele Wendungen sind sprachlich schlichtweg schön.
    Interessant war nach der Lektüre des Buchs, Berichte über die wahre Geschichte zu lesen, zum Beispiel im Online-Archiv vom Spiegel, Suchwörter “Hetzel+Justizirrtum”.

  2. Mr. Rail

    Das Lesen Deines Artikels hat mich an meine Recherche zum Pommerenke – Frauenmörder Buch erinnert. Das Thema ist heute ebenso akut – Deutschland wurde gerade erst wieder gemahnt, die Richtlinien der Sicherheitsverwahrung menschenrechtskonform zu handhaben. Damals waren Gutachten anders ausgeprägt und psychische Erkrankungen oder “abnorme Verhaltensweisen” in der Beurteilung der Meschen durch eine andere Mentalität, Erziehung und den Stand der Wissenschaft definiert.

    Klingt sehr interessant – Artikel und Buch;-)

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