Heinrich Pommerenke, Frauenmörder – ein verschüttetes Leben

Ein Buch fordert mich heraus!

„Ich wollte provozieren!”
“Das ganze Buch muss aus Opfersicht eine Provokation darstellen…”

Thomas Alexander Staisch,
Autor des Buches
„Heinrich Pommerenke, Frauenmörder. Ein verschüttetes Leben“,
in einem Interview am 18.10.2010. (BNN)

Provokation:

„Provokation ist das gezielte Hervorrufen einer Reaktion mit den Mitteln der Übertreibung oder Regelverletzung …

Dies ist dem Autor gelungen. Hier meine Reaktion. Selten hat mich ein Buch so aufgewühlt, so sprachlos und wütend gemacht, wie die Aufarbeitung des Lebens des Serienmörders Heinrich Pommerenke.

Mit jedem gelesenen Satz habe ich einen zweiten, ungelesenen, gedacht. Mit jedem geschriebenen Argument habe ich ein zweites, ungeschriebenes, verknüpft und mit jedem betrachteten Bild habe ich ein anderes, unbetrachtetes, wahrgenommen. Mit jeder vergossenen Träne, eine zweite. Mit jedem Schrecken, einen weiteren. Das hat dieses Buch mit mir gemacht!

Die Fakten:

Freiburg, 22. Oktober 1960:

Der 22-jährige Heinrich Pommerenke wird wegen vierfachen Mordes in Verbindung mit Schändung der Opfer (vor, während und nach dem Tat), siebenfachen Mordversuchs, 25-facher versuchter und zweifach vollendeter Vergewaltigung, gefährlicher Körper-verletzung, fünffachen schweren Raubes, zehnfacher Einbruchdiebstähle und sechsfacher Diebstähle zu sechs Mal lebenslang plus 15 Jahren verurteilt.

Die Gesamtstrafe beläuft sich somit auf 156 Jahre.

Die Morde und Vergewaltigungen stellen in ihrer unvorstellbaren Grausamkeit ein noch nie dagewesenes Verbrechen in der noch jungen Bundesrepublik dar. Die Todesstrafe war gerade erst abgeschafft und schon schreien das Volk und die Medien nach dem Kopf des “Monsters”.

Die Presse bezeichnet ihn fortan als “Grauenmenschen”, “Bestie ohne Eigenschaften” oder schlichtweg “Satan”. Die Justiz handelt im vorgegebenen Rahmen und sperrt den Serienmörder weg.

Fast 50 Jahre lang, fast 18000 Nächte. Einzel- und Isolationshaft. Ein verschüttetes Leben im Vergessen. Ein verschüttetes Leben voller Repressalien. Ein verschüttetes Leben ohne eine einzige Stunde therapeutischer Begleitung oder den Versuch, Heinrich Pommerenke in der Haft ein menschenwürdiges Dasein zu ermöglichen. Ein menschenunwürdiges Leben, dem erst ab dem Jahr 2001 ein gestuftes Vollzugslockerungsprogramm zugebilligt wurde – allerdings niemals mit dem Ziel der Freilassung

Am 27. Dezember 2008 stirbt Heinrich Pommerenke im Alter von 71 Jahren – er stirbt hinter Gefängnismauern.

Das Buch:

Thomas Alexander Staisch schildert mit bestechender und brillanter Stilsicherheit die menschenverachtenden Umstände der „trockenen Todesstrafe. Unvorstellbar in einem modernen Rechtsstaat, in dem die Grundfragen der Sicherheitsverwahrung und die Definition des Begriffes „lebenslange“ Haft immer und immer wieder diskutiert werden, einen Menschen fast 50 Jahre einfach nur einzusperren. Ihn seiner Würde zu berauben und gegen jedes Gebot der Mitmenschlichkeit zu verstoßen. Unvorstellbar.

Staisch listet akribisch auf, wie oft man Pommerenke die Zelle wechseln ließ, um jegliches Gefühl für Konstanz zu unterbinden („Das tut ihm gut“ – so die Justiz); wie selten er Besuch bekommen durfte („Die besondere Schwere der Schuld“ – so die Jusitz); wie oft seine persönliche Habe aussortiert und weggeworfen wurde („Es liegt alles durcheinander“ – so die Justiz) und wie häufig er in das Vollzugskrankenhaus Hohenasperg überstellt wurde, um dort alleine in 19 Fällen im Bereich der Psychiatrie mit Nervendämpfungsmitteln „behandelt“ zu werden.

Staisch führt die wenigen Menschen auf, die engeren Kontakt zu ihm hatten. Darunter die wohl wichtigste Person seines Gefängnislebens. Der einzige Freund – der Gefängnispfarrer. Eine Verbindung, die erst mit dem Tod Pommerenkes endete.

Staisch führt uns die Medien vor Augen, die ein Zerrbild eines Inhaftierten zeichneten, Interviews veröffentlichten, die niemals geführt wurden und Geschichten erzählten, die jeglicher Grundlage entbehrten und nur dem Ziel dienten die Angst vor Pommerenke am Leben zu halten.

Und – Staisch führt uns die Taten des Serienmörders vor Augen. In aller Schonungslosigkeit und Detailschärfe, in aller menschenverachtenden Brutalität und mit all den Auswirkungen auf die Familien der Opfer und die Überlebenden bis zum heutigen Tag!

Staisch führt uns die Entwicklung des Menschen Pommerenke in zermürbenden 50 Jahren Isolation und Bestrafung vor Augen. Er konnte selbst mit ihm sprechen und hat damit einen Verschütteten ans Tageslicht gebracht.

Staisch vermag es, durch die unterschiedlichen Betrachtungsweisen, dem Täter Pommerenke einen Teil der Menschenwürde zuzubilligen, die ihm zeitlebens im Gefängnis verwehrt wurde. Staisch suchte einen Täter und fand einen Menschen, der auch Opfer war.

Ich:

Fühle mich auf jeder Seite des Buches provoziert. Beim Lesen nistet sich ein Satz in meinem Kopf fest, den ich einfach nicht verscheuchen kann. Ein Satz, der alle Auflistungen Staischs in meinem Inneren überstrahlt. Die Listen über Besuche, Gespräche, Freigänge (18 in 49 Jahren) und die schrecklichen Verhältnisse der Haft („ein verschüttetes Leben“). Der Satz schreit mich an:

ABER DIE OPFER SIND LEBENSLANG TOT!

Dagmar Klimek, Hilde Conther, Rita Wallerspacher und Karin Wälde - mehr als 18000 Nächte tot!

Die Schicksale derer, die den Weg des Serienmörders kreuzten verschwimmen zu Taten. Tatortskizzen und Gewaltbildern. Pommerenke erhält eine Identität im Buch, die den Opfern lebenslang verwehrt bleibt. Er erhält Besuch, der den Opfern lebenslang verwehrt bleibt und er wird Freigänger – den Opfern verwehrt. Verwehrt. Verwehrt.

Die Mordopfer tauchen in Staischs Gliederung unter der Überschrift „Einwurf“ auf. Eingeworfen in das Leben eines Mörders und verworfen als Opfer.

Die Provokation im Buch setzt Gedanken frei – lässt mich aufhorchen, wenn es um Aspekte der Sicherheitsverwahrung geht. Lässt mich tief durchatmen, wenn es um Diskussionen geht in denen Täter zu Opfern werden. Lässt mich böse werden, wenn ich daran denke, dass es in unserem Rechtsstaat möglich sein kann „verschüttet“ zu werden – gegen jeglichen Anspruch an alle Aspekte unseres Grundgesetzes. Aber es lässt mich auch verzweifeln im Gedanken, wie die Angehörigen der Opfer dieses Buch wohl empfinden.

Ein mutiges Buch – ein nervenaufreibendes Buch – eines, das nicht aufhört zu wirken, nachdem man es gelesen hat. Eine Provokation in Reinkultur! Staisch hat diese Reaktion gezielt hervorgerufen!

Das Buch ist wichtig – erstmals war es durch die Aufarbeitung aller Fakten einem renommierten Psychiater möglich, die Schuldfähigkeit Pommerenkes zu durchleuchten und zu dem Ergebnis zu kommen, dass er die Morde in “weitgehend schuldunfähigem Geisteszustand” begangen habe. Damals wurde er für voll schuldfähig erklärt! Das reine Wegsperren war der falscheste Weg – das war unwürdig!

„Man hätte eine Therapie versuchen müssen…“

Schlussbemerkung:

Thomas Alexaner Staisch

Ein Buch endet für mich mit dem letzten Satz des letzten Kapitels. Im Buch lasse ich mich gerne provozieren – im Buch lasse ich vieles gelten, was Grenzen überschreitet.

Aber wenn ich das Buch verlasse, erwarte ich vom Provokateur eine Position zu seinem Handeln.

Staisch hat in seinem Nachwort das Buch verlassen. Hier schreibt er nicht mehr als „Agent Provocateur“ sondern bedankt sich. Bei seiner Frau und seiner Familie. Bei Archiven für Unterstützung und guten Kaffee. Hier ist Thomas Alexander Staisch privat.

Wenn aber dann der letzte Satz des Nachwortes lautet:

„Ich danke Heinrich Pommerenke für sein Leben

dann hat der Autor genau an dieser Stelle für mich den Bogen des Nachvollziehbaren überspannt. Dieser Satz macht mich sprachlos! Aber es scheint typisch für Thomas Alexander Staisch, den Schwung seiner aufrüttelnden Gedanken nicht im Buch enden zu lassen.

Ende:

Sind wir heute weiter als vor 50 Jahren? Haben uns Fußfesseln, Internet-Outing oder psychologische Gutachten und ein moderner Strafvollzug innerlich weitergebracht in unserer Hilflosigkeit gegenüber den Abgründen der menschlichen Psyche? Reagiert die Gesellschaft differenzierter, wenn dem Täter Opferaspekte zugebilligt werden? Ich wage dies zu bezweifeln.

Staischs Buch ist ein wichtiger Beitrag in der zeitgemäßen Auseinandersetzung mit diesem Thema. Ein schonungsloses Buch… auch für den Leser.

Provokation als Stilmittel – in diesem Fall ein gerechtfertigter Weg. Mit Ausnahme des Nachwortes vielleicht!

Heinrich Pommerenke - 18000 Nächte verschüttetes Leben

Weitere Hintergründe in der aktuellen ARD – Dokumentation von Tom Ockers: “Die großen Kriminalfälle – Wehe wenn der Pommerenke kommt!” Die Reportage wurde im Juli 2010 ausgestrahlt und es kommen erstmals Zeitzeugen und die Schwester des Täters zu Wort, die seit 1960 geschwiegen haben – aus Angst, Heinrich Pommerenke würde frühzeitig das Gefängnis verlassen! (sehenswert)…

In einer vierteiligen Fassung auf Youtube - einfach anklicken...

Ein Nachwort:

“Es war nicht human, ihn wegzusperren – es wäre nicht human gewesen, ihn freizulassen.” (Ein Freund Heinrich Pommerenkes)

10 Kommentare

  1. Unheimlich mörderisch-spannender Bericht! Klingt nach einem interessanten Buch…

  2. [...] ist dem Autor gelungen. Hier meine Reaktion auf dem Blog Lovelybooks. Selten hat mich ein Buch so aufgewühlt, so sprachlos und wütend gemacht, wie die Aufarbeitung des [...]

  3. Sabine

    Ich habe gerade eine mordsmäßige Gänsehaut! Und mir geht es oftmals auch so, dass ich denke, was ist mit unserer Gesellschaft los, dass solche Straftäter -man möge mir das Überziehen verzeihen!- in Watte gepackt werden und es sind Menschen tot, umgebracht, Familien zerstört, weitere Leben auf immer traumatisiert…. Fragt einer danach? Schreibt einer darüber ein Buch? Und wenn, werden diese Bücher auch so beachtet?

    Aber dieses Buch würde ich denn trotzdem gerne lesen, nach Deinem Bericht! Danke Raily!

  4. Hui, als ich den Ausschnitt auf eurem Team Blog gelesen habe, dachte ich, dass du es nicht verstehst, wie diesem Menschen 156 Jahre Haft verpasst werden konnten. Das Bild hat sich jetzt zum Glück verdünnisiert. Mal abgesehen davon, dass die getöteten Menschen nicht mehr Leben können, sehen es einige als größte Strafe an nicht mehr frei Leben zu können. Ich kann nicht genau sagen, was ich davon halte. Was wäre in diesem Sinne Gerechtigkeit? Gleiches mit Gleichem?
    Auf jeden Fall ein toller Bericht. Aber das brauche ich nicht mehr sagen. Liebe Grüße, Mandy

  5. ELLI

    Ein schwieriges Thema. Wirklich. Ich bin manchmal schnell bei der Hand wenn es darum geht zu fordern, dass unsere Gesellschaft vor den Wiederholungen solcher Taten geschützt werden muss und denke mich oft in die Opfer hinein. Ich glaube meine innere Wut setzt sich dann durch.
    Den Blick auf die andere Seite schaffe ich dabei nicht. Aber das Buch denke ich wird mir diese Sichtweise mal vermitteln. Wegsperren ist wohl auch nicht der Weisheit letzter Schluss.
    Differenzierte Meinung, Mr. Rail. Danke dafür.

  6. Lieber Mr. Rail,
    vielen Dank für eine sehr beeindruckende und treffende Analyse. Ich kann Ihnen sagen: Nicht viele Menschen haben den “Mut”, sich auf den Mörder Pommerenke einzulassen! Viele Leser sind geschockt, wenn sie bei der Lektüre z.B. plötzlich Mitleid mit einem Frauenschlächter bekommen. Mein Buch soll beweisen: Auch bei einem so klaren Fall – jeder verteufelt den selbsternannten Teufel (und das zurecht) – gibt es eine zweite, unbekannte Seite. Denn egal, was Pommerenke getan hat, Deutschland kann es sich als Rechtsstaat nicht erlauben, einem Häftling nicht alle Menschenrechte zukommen zu lassen. Oder wie in meinem Buch zitiert: “Humanität misst sich auch im Umgang mit dem Bösen”. Ich finde es zudem wunderbar, dass meine bewusste Provokation verstanden wurde – ich glaube, nur so kann man die Leser auf das Unfassbare dieses einmaligen Kriminal- und Justizfalls, Gesellschaftsstücks und menschlichen Dramas vorbereiten.
    Noch einen Satz zu meinem letzten Satz, der Ihnen so missfallen hat: Natürlich käme mir nicht in den Sinn, einem Mörder für sein tödliches Treiben zu danken – das ist wirklich abwegig. Ich wollte lediglich dafür danken, dass ich diese unglaubliche Geschichte enthüllen und schreiben durfte – und vielleicht die eine oder andere Überlegung zum Thema Umgang mit Schwerverbrechern anregen konnte.
    Noch einmal vielen Dank,
    Thomas Alexander Staisch

  7. Mr. Rail

    Ich danke für die wohlwollenden Kommentare zum Artikel. Beim Schreiben hatte ich die Befürchtung zu sehr anzugreifen, zu polarisieren oder zu emotional zu sein. Danke für das Verständnis. Das Buch hat vieles ausgelöst bei mir.

    Dem Autor danke ich für die Relativierung des Nachwortes. Mir war klar, dass Thomas Staisch sich nicht für Morde bedankt. Jedoch – die Formulierung aus dem obigen Kommentar wäre aber für mich versöhnlicher gewesen – der Dank für die Chance der Enthüllung.

    Ich danke an dieser Stelle… aufrichtig! Ein umfangreiches Interview ist fällig, Herr Staisch! Wahrlich… und frohes neues Jahr!

  8. Immer gerne!
    Und Ihnen auch ein frohes neues Jahr….

  9. [...] ich im Blog.Lovelybooks bereits über das Buch „Heinrich Pommerenke, Frauenmörder – ein verschüttetes [...]

  10. Mr. Rail

    Unter dem Link http://literatwo.wordpress.com/2011/01/04/stadtfuhrung-auf-den-spuren-eines-frauenmorders/ kann man die aktuelle Diskussion verfolgen, die das Buch gerade auslöst. Und Fragen an den Autor Thomas Alexander Staisch werden gerne entgegen genommen und Bestandteil des geplanten Interviews.

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