Bei meinem diesjährigen Besuch auf der Frankfurter Buchmesse stieß ich im Zuge eines Speed-Datings mit unabhängigen Verlagen auf die „Bibliothek der Töne“ des Mandelbaum Verlags. Obwohl ich eigentlich kein Freund von Hörspielen bin, machte mich die Idee neugierig, zumal der Verlag ein neues Erleben von Literatur versprach. Tatsächlich macht das Klangbuch einen sehr edlen Eindruck: In einem Buchmantel steckt ein Umschlag mitsamt der CD und ein kleines Buch, das weit mehr als ein bloßes Booklet ist. Dort gibt es Fotos, Texte und Zeichnungen zu entdecken, die das Klangbuch zu einem
umfassenden Erlebnis machen.
Aber nun zum Kern des Klangbuches, dem Hörerlebnis. Empfohlen wurde mir vom Mandelbaum Verlag „Dracula Dracula“ von H.C. Artmann, das von Erwin Steinhauer gelesen wird und bei dem Georg Graf und Peter Rosmanith für die Musik verantwortlich sind. Die literarische Vorlage ist bestens gewählt. Sie spielt mit den typischen Elementen der Dracula-Geschichte in sorgfältig gewählten, beinahe lyrischen Sätzen. Die Handlung ist kurz zusammenzufassen – zumal sie wenig Überraschungen bereithält: Der junge Sir Johann Adderley Bancroft besucht mit seiner Verlobten Edwarda Cornwallis den Grafen Dracula im transsylvanischen Mandrak. Dort werden sie nicht nur mit ihrem merkwürdig-mysteriösen Gastgeber konfrontiert, sondern lernen auch seltsame Hochzeitsbräuche kennen. So wird die Tochter des Bürgermeisters einer alten Tradition folgend vor ihrer Vermählung mit dem jungen Jäger im Schloss des Grafen Dracula allein zurückgelassen. Dort wird sie auf ein Streckbett geschnallt – und verschwindet spurlos. Ihr Verlobter hingegen wird wenig später tot im Wald gefunden, ebenso wie der Postbote, der einen Brief von Bancroft nach London bringen sollte.
Dass auch Edwarda kein glückliches Ende mit ihrem Verlobten finden wird, muss ich wohl kaum mehr erwähnen – aber das Besondere an dieser Geschichte ist die Erzählweise. Artmann hat den Dracula-Mythos auf wenige Worte komprimiert, zugleich aber einen großen Interpretationsraum entstehen lassen. Gelesen werden diese wunderbaren Worte nun von Erwin Steinhauer, einigen von Euch vielleicht als Stimme des Privatdetektiv Brenners von den Hörspielbearbeitungen der Wolf-Haas-Bücher bekannt. Mit seiner volltönenden Stimme liest Steinhauer die meist aus kurzen Sätzen bestehenden 25 Kapitel, er setzt gekonnt Betonungen, spielt mit der Lautstärke und spricht die Wörter nahezu bedächtig, aber stets wohlgesetzt. Jedes Wort erhält dadurch eine tiefe Bedeutung, ohne dass das Geschehen langatmig und gar langweilig werden würde. Eine herausragende Rolle spielt zudem die Musik, die die gesprochenen Worte nicht einfach untermalt, sondern vielmehr die Interpretationsräume des Textes mit Imaginationen füllt. Durch die Blas- und Schlaginstrumente entsteht eine schaurige Atmosphäre, die von den Klängen der osteuropäischen Volksweisen durchbrochen wird. Dadurch entsteht eine Klangwelt, die mich tief in die Geschichte gezogen hat.
Dieses einzigartige Zusammenspiel von Musik und gesprochenem Wort hat mir mehr als einmal einen Schauer über den Rücken gejagt – oder mich über die Ironie schmunzeln lassen. Schon in der im Begleitbuch enthaltenen „Gebrauchsanweisung“ wird vor „emotionen in hoher intensität“ gewarnt. Und tatsächlich: Das Klangbuch konnte ich nicht einfach nebenbei hören, sondern ich musste aufmerksam zuhören und mich auf dieses Hörexperiment einlassen. Letztendlich habe ich mir das Klangbuch sogar mehrfach angehört und jedes Mal eine neue Feinheit entdeckt. Bei aller Begeisterung glaube ich zwar nicht, dass das Klangbuch jedermanns Geschmack treffen wird – aber wer auf der Suche nach einem spannenden und einzigartigen Hörerlebnis ist, liegt hier richtig!
Weitere Klangbücher findet ihr auf der Seite des Verlags – und ich glaube, ich werde mir als nächstes den „Gruftwächter“ von Kafka anhören.



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