Eine Biographie über Robert Enke

Am 10. November 2009 hat Robert Enke Selbstmord begangen – und eine Welle der Erschütterung ausgelöst. Einen Tag später offenbarte Terese Enke auf einer Pressekonferenz, dass ihr Mann unter Depressionen litt. Damit war Robert Enke nach Sebastian Deisler schon der zweite daran erkrankte Profifußballer innerhalb kurzer Zeit. Kurz vor dem ersten Jahrestag seines Selbstmordes ist im Piper-Verlag nun eine Biographie über Robert Enke erschienen, die sein langjähriger journalistischer Vertrauter Ronald Reng geschrieben hat.

Für mich war dieses Buch eine Herausforderung: Ich bin Fan von Hannover 96 und Robert Enke war mein Lieblingsspieler – von ihm ist nach wie vor das einzige Fußballtrikot, das ich besitze. Und ich weiß ich noch, wie ich auf meinem Sofa saß und – einer schrecklichen Angewohnheit folgend – noch kurz vor dem Schlafengehen Videotext gelesen habe. Dort stand auf der ersten Seite, dass Robert Enke gestorben sei. Ich hielt es erst für einen Irrtum, überlegte, ob er vielleicht krank gewesen sei, und war einfach nur fassungslos. Dieses diffuse Gefühl hielt auch die nächsten Tage noch an, erstmals hatte mich der Tod eines Prominenten, eines Menschen, den ich nicht persönlich kannte, wirklich getroffen.

Ronald Rengs Biographie

Als ich nun dieses Buch gelesen habe, kamen die damaligen Gefühle durchaus hoch – aber ich schreibe nicht nur in diesem Blog, sondern auch für andere Magazine als Kritikerin und wollte das Buch rezensieren. Dafür ist eine gewisse Distanz nötig, ein kritischer Blick, um möglichst objektiv zu urteilen. Normalerweise kann ich zwischen den Lesehaltungen gut unterscheiden, aber bei diesem Buch war es schwierig.

Als Kritikerin stelle ich fest, dass Ronald Rengs Nähe zu Robert Enke und seinem Umfeld eine mögliche Schwachstelle des Buchs sein könnte. Ich muss erwägen, ob Reng manche Widersprüche, manche Schatten in Enkes Biographie und Persönlichkeit nicht gesehen hat. Zugleich kann ich konstatieren, dass diese Nähe auch ein Vorzug des Buches ist. Teresa Enke hat ihm Einblick in die Tagebücher ihres Mannes – seine „Depri-Ordner“ – gewährt, seine Familie und Freunde haben ihm mitunter sehr ehrliche Interviews gegeben. Deshalb konnte nur der Freund Ronald Reng ein derart intimes Porträt des Menschen Robert Enke entwerfen.

Als Anhängerin bin ich gerührt, wenn ich lese, dass Robert Enke als damalige Nummer eins der Nationalmannschaft den 19-jährigen Sven Ulreich anruft, nachdem er von seinem Stuttgarter Trainer Armin Veh öffentlich für die Niederlage verantwortlich gemacht wurde. In einem halbstündigen Telefonat analysierte er mit Ulreich die Tore, betonte sein Talent und sprach ihm Mut zu. Auch zu René Adler hatte er – allen medial inszenierten Duellen zum Trotz – ein gutes Verhältnis, sprach mit ihm sogar über die Ängste eines Torhüters. Und es ärgert mich, dass sein Gladbacher Trainer seine Wechselabsichten publik gemacht hat. Oder Uli Hoeneß und Ottmar Hitzfeld an seiner Eignung als Nationaltorwart zweifelten. Oder ein Mitspieler von Hannover 96 ihn in der Presse bloßstellen wollte.

Ronald Reng (c) Bettina Fürst-Fastré

Vielleicht kennt Ronald Reng diesen Zwiespalt, in dem ich mich bei der Lektüre befunden habe. Denn er war
nicht nur ein Freund von Robert Enke, sondern er ist auch Sportjournalist. Deshalb kennt er das Fußballgeschäft und erzählt in seinem Buch auch sehr viel über den Fußballer Robert Enke. Von seinem Aufstieg, der ihn von Jena über Gladbach bis nach Lissabon und Barcelona führte. Aber auch von seinem Karriereknick bei Barça und dem großen Tief in Istanbul. Man erfährt viel über den Alltag eines Profis, die richtige Ausrüstung, aber auch über Mannschaftsgefüge, Arbeitsmethoden von Trainern und das Verhältnis zu Mitspielern.

Die schwersten Kapitel waren für mich Robert Enkes Jahre in Hannover. Nachdem er im Jahr 2003 mit einer Therapie seine Depression überwunden hatte, kam er über den spanischen Zweitligisten Teneriffa nach Hannover. Hier habe ich einige öffentliche Auftritte miterlebt, ich mochte ihn, weil er eigentlich zu gut für Hannover war, aber trotzdem blieb, weil er so ruhig und zurückhaltend war. Und es war schwer, Rengs Ausführungen zu Robert Enkes vorletztem Bundesligaspiel in Köln zu lesen. Ich war im Stadion, habe Enke bei seinem Comeback nach einer – wie ich damals dachte – Viruserkrankung zugejubelt und mich über Hannovers Sieg gefreut. Wenn Reng schreibt, dass damals im Stadion kaum jemandem aufgefallen ist, dass Enkes Bewegungen durch die Antidepressiva langsamer geworden sind, dann fühle ich mich betroffen. Denn mir ist damals nichts aufgefallen.

Das Buch hat mich sehr nachdenklich gestimmt. Jeden Tag können wir irgendwo eine abfällige Bemerkung über einen Prominenten lesen und machen uns keine Gedanken, wie sich der Betroffene dabei fühlt. Aber vielleicht sollten wir das. Es mag utopisch sein, dass sich das Fußballgeschäft durch den Selbstmord Robert Enkes oder das Bekenntnis von Sebastian Deisler wirklich ändert. Doch vielleicht sollten wir uns wenigstens bemühen. Und es geht nicht nur um den Profisport. Kurz vor seinem Selbstmord haben Teresa und Robert Enke eine psychiatrische Klinik besucht, in der er sich vielleicht behandeln lassen wollte. Sein Haupteinwand war, dass er damit seine Karriere beenden würde. Doch Teresa Enke entgegnete, dass es allen Menschen, die sich dort behandeln lassen, schwer fallen wird, sich wieder in das Leben zu integrieren – ob sie Profifußballer oder Handwerker sind. Das ist für mich eine starke Aussage in diesem bewegenden Buch. Als Biographie, aber auch als Fußballbuch ist dieses Porträt von Robert Enke für mich gelungen – als Kritikerin und als Fußballfan. :-)

Ronald Reng: Robert Enke – Ein allzu kurzes Leben. Piper Verlag 2010.

4 Kommentare

  1. [...] enttabuisieren. Das versucht auch der Autor Ronald Reng, der Robert Enkes Leben in seinem Buch Ein allzu kurzes Leben beleuchtet. Die Biographie ist in enger Zusammenarbeit mit Enkes Witwe Teresa entstanden. [...]

  2. libRero

    Mich hat der Selbstmord damals auch total mitgenommen. Leider hat sich, entgegen der damaligen Verlautbarungen, doch nicht viel im Fußballgeschäft geändert.

    Es ist über den Verlust eines Menschen hinaus bedauerlich, dass Enke nicht, wie zunächst geplant, nach dem Ende seiner Karriere das Buch zusammen mit Reng geschrieben und veröffentlicht hat. Leider hat er die Kraft dazu nicht gefunden. Und es ist müßig zu überlegen, welche Auswirkungen dieses Buch auf das System Fußball gehabt hätte.

    Bewunderswert finde ich, wie Teresa Enke schon damals, aber auch heute mit dem Selbsttötung ihres Mannes umgegangen ist. Vor allem, dass sie Reng den “Depri-Ordner” zugänglich gemacht hat. Damit bekommt man einen nahezu unmittelbaren Einblick in die tragischen Hintergründe.

  3. Benita Castillo

    als ich im Auto saß und in den Nachrichten über den Tod von Robert Enke erfuhr, dachte ich anfangs die Nachrichtensprecherin hätte sich in der Meldung vertan.
    Da war erstmals von Selbstmord keine Rede sondern als Todesursache wurde von einem Darminfekt geredet. Als später das Fernsehen den Zug, die Gleise, den tragischen Ort zeigte, bekam ich eine Gänsehaut vor Schock, Betroffenheit und Trauer. Ich dachte mir wie einsam, verzweifelt und hilflos kann so ein Mensch, der in den Medien steht? Es ist ein gesellschaftliches Problem. Jeder soll in einer immer mehr leistenden Business-Gesellschaft keine Schwächen zeigen. Aber ich finde wer seine Schwächen zeigt, zeigt Stärke.

    Heute Abend zeigt der Sender Sport1 um 18.30 Uhr einen Bericht über Robert Enke, seinen Freund und Journalisten Ronald Reng und das veröffentlichte Buch “Ein allzu kurzes Leben”

  4. starone

    Ja , es ist wirklich schade um jeden ,dem man da nicht helfen kann und so ein Mensch den Tod findet .Egal ob Fussballer oder Promi oder der Mann oder die Frau von nebenan .

    Leider wird das Thema immer noch zu wenig beachtet ,da gibt es noch viel zu tun, finde ich .

    LG..starone…

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