Am 23. September fand die 3. ZEIT Konferenz Finanzplatz in Frankfurt statt. Einige hochkarätige Gäste haben dort über die Auswirkungen des Finanzmarkts auf die Wirtschaft diskutiert und als krönender Abschluß hat Peer Steinbrück sein neues Buch “Unterm Strich” vorgestellt. Er hat allerdings nicht daraus gelesen, sondern ca. 90 min mit Helmut Schmidt darüber gesprochen. Moderiert wurde das ganze vom stellvertretenden Chefredakteur der ZEIT Matthias Naß.
Ich besuche ja viele Lesungen, aber diese Buchvorstellung war wirklich sehr speziell. Als ich ankam, standen vor dem Gebäude nicht nur ein paar schwarze Limousinen, sondern auch betont unauffällig in jeder Richtung gestählte Leibwächter. Das Publikum bestand zu 99% aus Männern, ausnahmslos alle in dunklen Anzügen gekleidet. Nun, ich gestehe allerdings auch, daß dies meine erste Vorstellung eines Sachbuchs war.
Eine gute Stunde lang haben Helmut Schmidt und Peer Steinbrück die aktuellen politischen Entwicklungen diskutiert. Die beiden sind ja dafür bekannt, daß sie kein Blatt vor den Mund nehmen, die Zeit flog also nur so dahin. Schmidt saß im Rollstuhl, rauchte aber wirklich eine Zigarette nach der anderen und mehr als einmal hab ich mir gewünscht, in seinem biblischen Alter wie er noch so klar denken und formulieren zu können.
Steinbrück will mit diesem Buch keine weitere Chronologie der Finanzmarktkrise darlegen, sondern von einigen Schlüsselerlebnissen berichten, die er in seiner Zeit als Finanzminister erlebt hat. Ihn treibt die Frage um, ob unsere momentane Vorstellungen von Wohlstand und Wachstum auch im kommenden Jahrzehnt weiterhin so Bestand haben. Das Gespräch mit Schmidt beleuchtete diese Fragen, aber auch die aktuellen politischen Entwicklungen. Ausführlich haben sie über Bedeutung und Entwicklung von China, Japan, den USA und Europa gesprochen.
Aber nicht nur die Weltwirtschaft wurde kommentiert, sondern auch ganz konkret die Entscheidungen der aktuellen und der letzten Regierung. Und bei aller Selbstsicherheit der beiden Politiker hat Steinbrück doch tatsächlich auch Selbstkritik geübt. Auf Naß’ Frage, warum er der Rentengarantie zugestimmt habe, sagte er klar: “Ich habe der Rentengarantie zugestimmt und bedaure das bis heute.” Und dann erklärt er, daß die Rentengarantie aus 2 Gründen falsch war. Zum einen hebele sie das dynamische System aus, daß mit Konrad Adenauer 1947 eingeführt wurde. Zum anderen wurde damit die Generationsgerechtigkeit verletzt.
Auch das deutsch-französische Verhältnis kam zur Sprache und folgender Dialog hat Schmidt durch seine trockene Art eine Menge Lacher eingebracht:
Naß: “Warum läuft der deutsch-französische Motor im Moment nicht rund? Nur, weil Sarkozy uns das im Moment ein bischen schwer macht, oder was sind die Gründe dafür?”
Schmidt: “Die Gründe dafür liegen wie meistens im Leben auf beiden Seiten. Nur Herrn Sarkozy schuldig zu sprechen ware zwar sehr schmeichelhaft für Frau Merkel, aber es ware leider ganz falsch.”
Naß: “Können Sie das noch ein bisschen erläutern?”
Schmidt: (Pause) ”Ich dachte, das wäre schon deutlich genug…Es geht da auch um persönliche Eigenheiten, um nicht zu sagen um persönliche Eitelkeiten.”
Mit viel Sachverstand und gekonnter Rhetorik haben Schmidt und Steinbrück die ca. 300 Zuhörer zum Mitdenken angeregt und dabei gut unterhalten. Ich habe dabei Lust bekommen, das Buch zu lesen. Auch, weil Steinbrück betont hat, er habe jede Zeile selbst geschrieben. Da bin ich ja mal gespannt.





Danke für deinen Bericht. Ich hatte ja schon deine Tweets vorab gelesen. Das war sicherlich eine Buchvorstellung der etwas anderen Art. Sag mir mal später, wie das Buch ist und ob man als normal Sterblicher den Ausführungen des Herrn Steinbrück auch folgen kann
Steinbrück hatte mich schon einmal überrascht, als er in einer Doku über John le Carré als Fan outete und einige sehr schöne Äusserungen brachte. Ich glaube ihm also sehr gerne, wenn er sagt, er habe alles selber geschrieben.
Jedenfalls ein interessante Rezi zu einem interessanten Buch.
Gruss Vega
Ich mag ja keine Sachbücher – aber Dein Artikel macht richtig Lust