Extrem laut und unglaublich nah – Folge 2

Extrem laut und unglaublich nah

Erinnert Ihr Euch? Das Schauspielhaus Frankfurt führt gerade diesen Roman von Jonathan Safran Foer auf – als szenische Lesung in 5 Teilen. Nachdem ich vom 1. Teil so rettungslos begeistert war, konnte ich die Fortsetzung kaum erwarten. Wie spannend in 3erlei Hinsicht: die Besetzung hat sich teilweise verändert, jeder Teil wird von einem anderen Regisseur inszeniert und last but not least wollte ich natürlich wissen, wie die Geschichte weitergeht.

Der kleine Oskar hat bei den Anschlägen auf’s World Trade Center seinen Vater verloren und wächst nun mit seiner Mutter und Oma auf. Er findet in den Sachen seines Vaters einen Schlüssel in einem Umschlag, auf dem “Black” steht und begann sich in der 1. Folge auf die Suche nach dem passenden Schloß zu machen.

Heute hat er nun tatsächlich die ersten Menschen aufgesucht, deren Nachname “Black” lautet. Systematisch wie er ist, natürlich in alphabetischer Reihenfolge. Die erste “Zielperson” ist ein Mann, der erst sehr unwirsch reagiert, aber fast warmherzig wird, als Oskar ihm von seinem verstorbenen Vater erzählt. Leider kann Oskar nicht ausprobieren, ob der Schlüssel bei ihm paßt. Zum einen wohnt der Mann im 9. Stock eines Hochhauses und Oskar ist ein Besuch bei ihm einfach zu gefährlich. Zum anderen kann der Mann leider nicht herunterkommen, weil er zu krank ist und an zu vielen Geräten angeschlossen ist. Aber da der Mann den Namen von Oskar’s Vater nicht kannte, macht Oskar sich auf den Weg zur nächsten Person mit Namen “Black” – diesmal eine Frau. Auch sie möchte Oskar zuerst nicht in ihre Wohnung lassen, aber Oskar ist mit seinen 9 Jahren schon sehr zielstrebig und, zack, ist er in ihrer Küche. Er verliert sich fast im Gespräch mit ihr über Elefanten, findet sie unglaublich schön und fragt sie direkt, ob sie sich nicht ein wenig küssen wollen. Daß sie 48 ist, stört ihn dabei nicht im Geringsten. Doch auch bei ihr findet er nicht das passende Schloß zu seinem Schlüssel – und küssen will sie ihn (leider) auch nicht.

Diese Suche wird unterbrochen von Erinnerungen der Großmutter. Wie sie ihren Mann kennengelernt hat, wie schnell sie geheiratet haben, wie sie über die Zeit mehr und mehr “Nicht-Orte” in ihrer Wohnung einrichteten. Das sind Teile der Wohnung, die von ihnen behandelt wurden, als würden sie nicht existieren und in denen man im Prinzip aufhörte zu existieren. Sie sprachen immer weniger miteinander, mißverstanden einander immer öfter und eines Tages verließ er sie.

Probenfoto von Benedikt Greiner und Christoph Pütthoff als Oskar in 2facher Ausfertigung (Danke an's Schauspielhaus für das Foto)

Beide Handlungsstränge empfinde ich als traurig, manchmal geprägt von Melancholie und Verzweiflung. Und jetzt kommt der Zauber der szenischen Lesung in’s Spiel. Die Darstellung schafft es, das alles erträglich erscheinen zu lassen. Daß das Leben eben manchmal so ist. Und daß man es halt so lebt, wie es kommt. Schon mal traurig, aber auch eben auch mal verträumt und manchmal sogar witzig. Manchmal entstand heute sogar eine Situationskomik, die selbst die Darsteller hat schmunzeln lassen. Zum Beispiel, als einer neben dem Piepen der Herzmaschine auch noch die Jalousien im Wind imitiert hat im Hintergrund des schwerkranken Mannes. Oder als einer mit unblaublich wallender Perrücke als Frau auf die Bühne kam und von Oskar angeschmachtet wurde. Ganz zu schweigen von einem charmant überspielten Texthänger zwischen Oskar und seiner Oma, die einander gefühlte 20 Mal “hallo” und “es geht mir gut” sagten, bis “die Oma” sein Textbuch wiedergefunden hatte :D

Genau da ist die szenische Lesung dem Lesen des Buchs im stillen Kämmerlein in meinen Augen überlegen. Sie fügt der Handlung andere Facetten hinzu, die gut zur Handlung passen, die meine Phantasie mir aber vielleicht nicht gezeigt hätte.

Am 6.10. zeigt das Schauspielhaus die erste Folge nochmal. Und darüberhinaus kann man bei jeder Folge einsteigen, weil zu Anfang immer die bisherige Handlung zusammengefaßt wird. Ich wiederhol mich also gerne und kann allen Frankfurtern nur raten, sich diesen Leckerbissen nicht entgehen zu lassen.

2 Kommentare

  1. [...] . Mir gefällt diese Darstellungsform außerordentlich gut und ich durfte Frau Leyerle dazu vor der Premiere der 2. Folge [...]

  2. [...] und er sie dann bei den Bombenangriffen verlor. Wie er ihre Schwester kennenlernte und heiratete. In der letzten Folge hat Foer ja eindringlich beschrieben, wie, wie distanziert sie miteinander in der gleichen Wohnung [...]

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