Jürgen Hees – Jungs lesen anders!

Jedes Jahr findet im Mai in Dipperz-Friesenhausen bei Fulda das avj-Praxisseminar statt. Vor drei Jahren widmeten sich knapp 50 BuchhändlerInnen und VerlagsmitarbeiterInnen dem Thema „Jungs lesen anders“. Beim zwanglosen Zusammentreffen in der Lobby lernte ich damals den Buchhändler Jürgen Hees kennen, nichtsahnend, dass dieser zu den Referenten gehörte und mit einer Aussage, die er später tätigen würde, meine Einstellung zum „guten“ Buch im Allgemeinen und zum Jungenbuch im Speziellen verändern würde.

Jürgen Hees vor "seinem" Jungs-Regal

Jürgen Hees ist Buchhändler bei Herwig in Schwäbisch Gmünd und leitet dort u.a. die Kinder- und Jugendbuchabteilung, aber in erster Linie ist Jürgen Hees ein Jungsbuchhändler. Er führte bei Herwig eine Jungsecke ein – möglichst weit entfernt von der Kinder- und Jugendliteratur – und füllte diese mit jeglicher Literatur für jedes Alter. Dabei hält er sich an keine literarischen Vorgaben sondern holt die Jungen dort ab, wo sie sich gerade befinden, und das kann in der heutigen Zeit auch ein Buch zum Computerspiel sein. So finden sich im Jungsregal auch Bücher zu den Computerspielen “Warhammer” oder “World of Warcraft”, denn für Jürgen Hees – und seit Dipperz Friesenhausen auch für mich – gilt: “Jedes gelesene Buch ist ein gutes Buch!” Und tatsächlich zeigen seine Erfahrungen, dass es manchmal gar nicht so lange dauert bis der “Warhammer”-Leser  bei “Eragon” landet und sich von dort aus langsam in die klassiche Fantasy Tolkiens wagt.

Seit dem avj-Seminar begegne ich – und natürlich auch die Leser des bjl – Jürgen Hees monatlich, denn sein Vortrag beeindruckte die damals anwesende Redakteurin Brigitte Briese derart, dass Hees nun in einer Kolumne über den ganz alltäglichen Wahnsinn eines Buchhändlers berichtet und jeden Monat vier Bücher für die Jungs-Ecke empfiehlt.

Was sich sonst noch für Jürgen Hees verändert hat, das konnte ich ihn in einem kleinen Interview gleich selbst fragen.

Das Jungs-Regal bei Herwig

Vor drei Jahren warst Du mit Deiner Jungs-Ecke noch ein Exot in der Buchhändlerwelt. Hat Dein Prinzip mittlerweile Nachahmer gefunden?
Ich weiß gar nicht, ob ich wirklich so ein Exot war oder bin. Es gibt ja in jeder Buchhandlung genügend Bücher für Jungs und junge Männer, der Unterschied ist, dass ich die Bücher räumlich getrennt gestellt habe. Anfangs war da nur die Idee, den Eltern eine Orientierungshilfe zu geben. Dann habe ich sehr schnell bemerkt, dass plötzlich die Jungs selbst dort gestöbert haben, mit deutlich höherer Frequenz. Der Erfolg zeigt nun, dass ein Jungsregal tatsächlich Nachfrage erzeugt. Insofern wäre es dumm, das nicht “nachzuahmen”. Allerdings hatte ich seit dem Vortrag in Fulda nur eine handvoll Buchhandlungen und Bibliotheken, die konkrete Tipps haben wollten. Aber die Dunkelziffer ist hoffentlich weitaus größer!

Wie sieht es am eigenen Arbeitsplatz aus, musst Du auch weiterhin um jeden Regalmeter für „Deine“ Jungs kämpfen oder sind vielleicht sogar weitere Aktionen rund ums Jungenbuch hinzugekommen?
Ja, leider ist der Platz in der Buchhandlung heiß umkämpft und das Jungsregal hat nur einen kleinen Regalzuwachs bekommen. Aber mittlerweile kommen immer mehr Lehrer auf die Idee, mit ihren Jungs mal gezielt eine Unterrichtsstunde im Buchhladen zu bestreiten. Neulich war eine reine Jungsklasse bei mir. Der Tumult war riesengroß und die Jungs so begeistert, dass der Elternbeirat tatsächlich 200 Euro für den Start einer Jungs-Klassenbibliothek gespendet hat. Das ist doch toll!

Hat sich das Leseverhalten der Jungen in der letzten Zeit verändert oder greifen immer noch ähnlich Bücher wie vor drei Jahren?
In den letzten drei Jahren hat sich am Leseverhalten nicht viel geändert, einzig die Titelschwerpunkte haben sich etwas verlagert, aber das ist ganz normal. Mal haben Drachen Saison, mal eher Witziges wie Gregs Tagebücher. Das liegt aber eher an der Gruppendynamik der Jungs-Cliquen als am veränderten Lesegeschmack. So war es halt schon immer: was der Tischnachbar in der Schule gelesen hat, das wollte man auch selber lesen! Daran hat sich bis heute nichts geändert, Trendverschiebungen sind das aber noch nicht. Nach wie vor liegt der Schwerpunkt auf Fantasy-Romanen aller Art, schnellen Action-Romanen wie Alex Rider oder Traces und Roman-Serien zu Filmen oder Konsolenspiele wie Star Wars.

Was sind Deine persönlichen Jungen-Highlights aus diesem Frühjahr?
Diese Frage habe ich befürchtet, es gibt doch so viele Highlights! Aber gut: unbedingt lesenswert ist Erebos von Ursula Poznanski. Das ist mit Abstand der spannendste Roman über PC-Spiele, der momentan zu haben ist. Das gleiche gilt für Little Brother von Cory Doctorow. Ein Wahnsinns Game-Guerilla Roman, der explizit politisches Denken fordert und fördert. Für die etwas realistischere Klientel empfehle ich Margos Spuren von John Green und Runaway von Oskar Hijuelos. Ersteres ist ohne Frage die schönste Liebesgeschichte ohen eigentliche Liebesgeschichte für Jungs, Letzteres ein wunderbares, zeitloses Buch über das Erwachsenwerden. Und im Herbst kommt mit Di Tofts Der Clan der Wolfen ein ganz besonderes Highlight für Jungs ab 10. Kann man eine Werwolf-Geschichte gleichzeitig super-gruselig und zum totlachen witzig erzählen? Man kann!

Welchen Tipp kannst Du Buchhändlern geben, die sich dem Thema „Jungs lesen anders“ auch in ihrer Buchhandlung widmen wollen?
Es gibt keine “Regeln” mit falsch oder richtig, fast alles, was gelesen wird, darf rein ins Regal. In erster Linie muss man sich als Buchhändler klar werden, was Jungs und junge Männer lesen möchten. Dabei kommt es überhaupt nicht darauf an, was man selbst gut findet und der Geschmack der Eltern zählt schon mal gar nicht! Es gibt natürlich immer Grenzen: allzu gewalttätige Bücher oder gar sexistische Titel haben in einem Jungsregal nichts verloren! Aber ansonsten heißt es ausprobieren. Bewährt hat sich in der Praxis, Bücher aus dem Erwachsenen-Segment im Jungsregal zu integrieren, allen voran die üblichen Fantasy-Reihen von Hennen, Heitz und Co und Serien wie Star Wars. Mittlerweile haben das auch Verlage entdeckt und bieten Bücher mit zwei verschiedenen Covern für die Belletristik und fürs Jugendbuch an (z. B. Bloomsbury crossover). Mein Tipp: Scheuklappen ablegen, ramschig-schrottige Bücher zulassen und nach und nach das Niveau steigern.

Lieben Dank für das Interview :-)

Eine kleine Auswahl

8 Kommentare

  1. Mr. Rail

    Ich fühle mich von der “Jungs-Ecke” persönlich sehr angesprochen. (ist ja hoffentlich keine Frage des Alters). Der Leitsatz “Jedes gelesene Buch ist ein gutes Buch” wird ab heute meinen bibliophilen Sprachschatz erweitern. Danke für den Bericht und diese besondere Sichtweise. “Scheuklappen ab” und bitte weite so!

  2. Wir versuchen das in unserer Buchhandlung auch – vielleicht nicht mit dieser Konsequenz, was die räumliche Trennung (ganz raus aus dem Kinderbuch) anbelangt und das wird auch gut angenommen. Ich unterschreibe auch den Satz “jedes gelesene Buch ist ein gutes Buch”, aber ich würde niemals Bücher über “World of Warcraft” dort einstellen – dazu habe ich im weiteren persönlichen Umfeld zu sehr gesehen, wie fatal dieses Computerspiel sich auswirken kann. Ein klein wenig Selektion darf sich die Buchhandlung also schon erlauben finde ich!

  3. Biblio

    Im Sektor Bibliothek habe ich bei den Jungs sehr große Erfolge mit Büchern aus der Reihe “Du entscheidest selbst”. Mittlerweile gibt es aber auch andere Bücher, die nach dem gleichen Schema gestrickt sind. Der Leser hat während des Lesen die Möglichkeit an der Geschichte mitzuwirken, indem er sich zwischen 2 oder 3 Handlungsverläufen entscheidet.
    Ich habe bereits zahlreiche Rückmeldungen von Eltern erhalten, die mir aufatmend mitteilten, daß ihr Junge endlich mal mit Begeisterung ein Buch gelesen hat.

  4. Wunderbare Idee! Und, “Little Brother” von Cory Doctorow ist hier sehr richtig. Der Bestsellerroman über die Kraft der jungen Medien gegen die Macht des Staates… :-) )
    Grüsse, Bernd

  5. [...] eigenes Bücherregal. Warum das so ist und welche Bücher gerade angesagt sind, das könnt ihr im Interview mit Jürgen Hees im Lovelybooks Blog [...]

  6. Ich bin von der Idee als Mutter von 4 Kindern, davon 3 Jungs sehr begeistert. Hoffe das sie bald in mehreren Buchhandlungen umgesetzt wird.

  7. sibylle

    tolle antworten! Mach weiter so, lieber jürgen…

  8. laurana

    wie schön, hier einen bekannten artikel zu finden :-)
    mein chef hat den gelesen (schon ne weile her) und seitdem haben wir auch jungsregale- die laufen gut, zu unserer freude- gerade in den letzten monaten mit greg *g*
    weiter so!

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