Gefühlt ist das Frankfurter Literaturfestival literaTurm gerade warmgelaufen, da ist es auch schon wieder vorbei. Schade, von mir aus könnte es jeden Abend eine interessante Lesung in schönem Ambiente geben (hoffentlich liest dies jemand aus dem Frankfurter Kulturdezernat
)
Trotzdem bin ich mit dem Abschluß versöhnt, weil gestern Abend sich gleich 6 Autoren gemeinsam die Ehre gegeben haben. Was diese 6 verbindet? Sie alle haben das Deutsche Literaturinstitut in Leipzig oder das Junge Literaturforum Hessen-Thüringen besucht. Und natürlich haben sie zu Anfang diskutiert, ob man das Schreiben lernen kann. Die einhellige Meinung dazu hat mich nicht überrascht: Jemand, der kein Talent hat, kann man nicht zum Autoren ausbilden. Aber die dort gewonnenen Kontakte zu Mitstudenten und Dozenten können einen prägen und über die Lehrzeit hinaus begleiten. Und wie Anke Stelling anmerkte, durchlaufen die eigenen Texte dort so etwas wie ein “Gruppenlektorat”.
Nach dieser kleinen Diskussion hat jeder der Autoren gelesen und dadurch ging die Veranstaltung 2.5 Stunden. Das ist doch mal eine anständige Länge
Den Anfang hat Anke Stelling gemacht, die aus ihrer Erzählung “Horchen” gelesen hat. Darin geht es um eine Schülerin eines Literaturinstituts, die sich auf eine erotische Beziehung mit ihrem 60jährigen Professor einläßt. (ob die Erzählung von persönlichen Erlebnissen inspiriert wurde, hat der Moderator leider nicht gefragt…) Als nächste kam Nadja Einzmann, die aus ihrem momentanen Romanprojekt gelesen hat, das noch gar nicht abgeschlossen ist. Auch bei ihr ging es um eine Paarbeziehung, aber zwischen Gleichaltrigen, die einander schon seit Jahren kennen, gut befreundet sind, und er sich schon vor Jahren jegliche erotische Gefühle bei ihrem Anblick abgewöhnt hat. Statt dessen frönt er der Pornowelt, in der er sich gut eingerichet hat. Bis sie eine Beziehung mit ihm anfangen will und er lernen muß, sie als erotische Person wahrzunehmen.
“Das erotische Talent meines Vaters” von Björn Kern wurde ja hier im Blog von Mr. Rail und Binea schon ausgiebig besprochen und nachdem ich den Autor nun auch hab lesen hören, teile ich deren Begeisterung. Clara Ehrenwerth las eine ganze Erzählung mit dem Titel “Heringe”, die von einigen Jugendlichen handelt, die sich auf einem Musikfestival aufhalten und das Leben auf sich wirken lassen. Und dabei immer wieder sinieren, ob sie doch ein Zelt hätten mitnehmen sollen – die Heringe hätten sie in die Wiese stecken können.
Christophe Fricker hat letztes Jahr “Larkin Terminal – Von fremden Ländern und Menschen” veröffentlicht und daraus eine Reisegeschichte gelesen. In dieser nimmt er die Leser mit nach Namibia, um dort einen deutschen Studenten zu begleiten. Der hat in Hessen nicht mehr so recht was mit sich anzufangen gewußt und hat sich bei der Uni in Namibien eingeschrieben, wo man sich sehr wundert, daß mal ein Student außerhalb eines Austauschprogramms zu ihnen findet. Er stößt dort auf Gedichte von Stefan George, mit denen er sich intensiv auseinandersetzt … aber ob er sich dadurch findet, dafür reichte die Zeit der Lesung leider nicht.
Als krönender Abschluß hat Clemens Meyer dann noch einen Teil aus “Gewalten” gelesen. Und Gewalt war in dieser Geschichte über einen Kinderschänder durchaus physisch zu verstehen. In Dialog erzählt dieser, wie er in einem Haushalt mit lauter Frauen aufgewachsen ist, wie schwierig es war, dort Pornohefte geheim zu halten, wie er mit seiner Mutter als Kind mehrfach zum Irrenarzt mußte und wie gerne er mit dem Fernglas Schüler beobachtet. Da lief mir schon ein kalter Schauer über den Rücken…
So viele unterschiedliche Themen, so viele Stile, Blickwinkel, Gedankenanregungen… Auf der einen Seite fand ich es toll, ein so großes Podium zusammenzustellen und einen so langen Abend zu veranstalten. Auf der anderen Seite fand ich es total schade, daß zwischen den Lesungen so wenig Zeit war, mit den einzelnen Autoren über ihr Werk zu sprechen. Trotzdem, ein gelungener Abend und ich freu mich auf die nächste literaTurm in 2012.









Wow – sowas hab`ich ja noch nie gesehen: vier Bilder nebeneinander;-)) Kompliment. Klasse Bericht und allein die Tatsache, dass Björn Kern dabei war muss ein Genuss gewesen sein. Viele Grüße, Raily
Klingt nach einer super Veranstaltung.
Kann mich nur anschließen, hoffe du hast den Björn von uns – Bini und Raily – gegrüßt ;o)))
Herzlichen Dank für den guten, informativen Bericht. Ich konnte bei der Veranstaltung leider selbst nicht dabei sein – und war darüber sehr traurig, denn Nadja Einzmann und Clara ehrenwert kenne ich als sehr lesenswerte Autorinnen – und den Moderator des Abends, Björn Jager als jemanden, der sich kenntnisreich mit Texten auseinandersetzt. Ich war mir sicher, das wird ein guter Abend!
Einen Auszug aus Clemens Meyers Text hatte ich am, Abend zuvor in Osnabrück gehört. Ein beeindruckender Beitrag zu einem gerade viel diskutierten Thema – mal aus der Sicht der “anderen” Seite.
Kompliment an literaTurm!
Elisabeth Abendroth
Hallo Krimimimi,
toller Bericht, man hat wieder mal das Gefühl neben dir gesessen zu haben.
Ich liebe ja Clemens Meyer, dass war sicher wieder sehr lustig mit ihm…
lg
Karin
Das hört sich ja wunderbar an, dass Autoren von hier wie Nadja Einzmann und aus Leipzig wie Clemens Meyer auf der langen literaTurm-Bühne im Chagallsaal so gut ankamen. Es ist aber gar nicht so einfach, so viel Hochkarätiges auf engem Raum und schmaler Zeitschiene zu vereinen. Jeden Abend eine Lesung wie die 30 Lesungen und Gespräche Ende Mai 2010 bei literaTurm – das wird schwierig. Aber es gibt ja Freunde, die lesen können, es gibt wunderbare Hörbücher und Verfilmungen, die einem das Leben bis zum nächsten Literaturfest versüßen, wenn man mal nicht selbst den Kopf zwischen zwei Buchdeckel stecken möchte. Danke also für die Geduld bis 2012, wenn in den Türmen der Stadt die sechste Ausgabe des städtischen Literaturfestes abgehalten wird. Florian Koch (einer der Organisatoren von literaTurm)