Lutz Seiler – der mit dem Ohr schreibt

Noch ganz beschwingt bin ich von Lutz Seiler’s Lesung aus seiner Zeitwaage. Als dieses Buch für den Leipziger Buchpreis nominiert wurde, bin ich darauf aufmerksam geworden. In Leipzig hat er nicht “gewonnen” (als wär das ‘ne Lotterie), aber der Autor hat 2007 bereits den den begehrten Ingeborg-Bachmann-Preis erhalten und “Die Zeitwaage” wurde inzwischen mit dem Deutschen Erzählerpreis und dem Fontane-Preis bedacht.

Diese Woche veranstaltet die Stadt Frankfurt das Literaturfestival literaTurm, und in diesem Rahmen hat Seiler heute im 18. Stock des OpernTurms gelesen.

Blick aus dem 18. Stock des OpernTurms Frankfurt

Unter den 13 Erzählungen, die in “Die Zeitwaage” erschienen sind, ist “Der Kapuzenkuß” – die erste Erzählung, die Seiler überhaupt geschrieben hat. Und genau daraus hat er Teile gelesen. Diese Erzählung enthält viele autobiographische Elemente und handelt vom Schulalltag eines kleinen Jungen.  Dieser Junge verliert immer wieder Sachen in seiner Schule und muß sich einem griesgrämigen Hausmeister gegenüber rechtfertigen, wenn er sie wiederhaben will. Der Hausmeister ist ein ungepflegter Kerl, der die Schüler “Hottentotten” nennt und ihnen die Sachen nicht wiedergibt, wenn sie sie nicht genau beschreiben können. Also notiert sich der Junge genaue Beschreibungen seiner Besitztümer, lernt die auswendig und wird so zum “Liebling” des Hausmeisters, dem er regelmäßig diese Beschreibungen vorträgt, um wieder an seine verlorenen Sachen zu gelangen. Der Hausmeister zeigt sich in der Tat beeindruckt und läßt den Jungen bis zu 5 Beschreibungen aufsagen, obwohl er die dazugehörigen Gegenstände gerade gar nicht verloren hat… Wenn Lutz Seiler dann erzählt, daß er heute noch seinen Stoffturnbeutel besser beschreiben kann als das Kind, das er mal war, dann hab ich mir das ganze lebhaft vorstellen können.

Lutz Seiler beim literaTurm 2010 in Frankfurt

Überhaupt erzählt der Autor ungemein fesselnd. Er hört genau zu und antwortet genau so präzise, ohne jedoch gestelzt zu wirken. Jedes Wort zählt bei ihm und genauso liest er auch, jedes Wort betonend und lebendig.

Sich selbst beschreibt er als einen Autor, für den jede Seite eine akkustische Skulptur für das Ohr darstellt. Der jeden Satz immer wieder laut ausspricht, bis ihm sein Klang gefällt. Da verwundert es nicht, wenn er über sich selbst sagt “Für jemand, der vom Ohr schreibt, spielt die Musik eine wichtige Rolle”. Fasziniert war er, daß einige seiner Gedichte gerade als Lieder in Leipzig aufgeführt wurden – vertont vom Komponisten  Schleiermacher, und sogar Sänger und Orchester hätten sich gefunden ;) Diese Gedichte erscheinen im Herbst … ich bin gespannt.

Zum akkustischen Faible des Autors paßt dann auch der Buchtitel. Eine Zeitwaage ist nämlich ein Gerät, auf das eine Uhr gelegt wird und die dann leise Geräusche von sich gibt. Der Uhrmacher kann so dem “Herzschlag der Uhr” lauschen und Diagnosen stellen wie z.B. eine “fehlende Hemmung”.

Das Buch ist natürlich direkt signiert mit mir nach Hause gekommen :)

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