Stephan Kulle ist katholischer Theologe, Journalist, Fernsehmoderator (hauptsächlich bei Phoenix) und hat inzwischen sein 6. Buch veröffentlicht mit dem Titel „40 Tage im Kloster des Dalai Lama“. Aus diesem Buch hat er gestern gelesen und was mich daran besonders reizte, war der Ort: Sie fand im Tibethaus Frankfurt statt. Da zeigt doch die Ortswahl bereits, dass beide Religionen freundlich und respektvoll miteinander umgehen können
Und schließlich war ich noch nie im hiesigen Tibethaus – das ändert sich ab jetzt allerdings. Sobald ich die Räume betreten hatte, fühlte ich mich wohl und lange nach der Lesung war ich noch im Gespräch mit den guten Geistern, die das Tibethaus betreiben. Doch das nur am Rand
Stephan Kulle hat sich insgesamt 2 Stunden Zeit genommen, die er sogar ganz allein bestritten hat. Es gab keinen Moderator und kein Interview mit ihm. Statt dessen hat er selbst in die Hintergründe seines Buchs eingeführt, einige Stellen daraus gelesen und immer wieder zwischendrin von seinen Erlebnissen erzählt. Dabei hab ich ihm schon angemerkt, dass er ein geübter Moderator ist. Stilistisch gibt es bei ihm kaum einen Unterschied zwischen geschriebenem und gesprochenem Wort. So gingen die Erzähl- und die Leseteile nahtlos ineinander über. Und er hatte offensichtlich den Anspruch, sein Publikum die Zeit über gut zu unterhalten. Ca. 40 Zuhörer lauschten im Tibethaus, als er von seinem persönlichen Eindruck des Dalai Lamas berichtete. Besonders beeindruckt und auch überrascht hat ihm dabei das Wechselspiel dessen Wirkung: eben noch einfacher, bescheidener Mönch kann der Dalai Lama mit einer einfachen Geste eine große Menschenmenge zum Schweigen bringen und erscheint plötzlich erhaben, ja, fast göttlich. Mit seinem christlichen Hintergund kann Kulle nicht anders, als ihn mit dem Papst zu vergleichen. Kulle berichtet, wie es im Vatikan bei einer Generalaudienz auf dem Petersplatz zugeht. Da wird das Papamobil laut begrüßt. Von überall hört man Rufe, Gesang, Musik etc. Im Gegensatz dazu empfängt den Dalai Lama Stille, wenn er vor seine Anhänger tritt.
Aber nicht nur von Unterschieden berichtet er, sondern auch von Gemeinsamkeiten. Sehr habe er gestaunt, als er den Karmapa fragte, was dieser zu einer der größten westlichen Frage des Christentums, der Auferstehung, meinte und dieser einfach antwortete „Ja, das geht“. So eine schlichte Antwort, so überzeugt gesprochen, auf eine Frage, an der so manche christliche Theologen verzweifeln … das hat den Autor nachhaltig beeindruckt. Nach seiner Rückkehr von Kirchenmännern im Vatikan gefragt, was die Christen vom tibetischen Buddhismus lernen können, antwortet Stephan Kulle mit „Milde“. Das sei zwar ein altmodisches Wort, aber in vielen Situationen im Westen würde er sich mehr Milde im Umgang miteinander wünschen. Aber er sei Realist genug, um zu wissen, dass auch bei Phoenix niemand einen Vortrag zu „Mehr Milde“ hören wolle und daher habe er nach seinem Klosteraufenthalt in Dharamsala zumindest versucht, mehr Milde in seinem Privatleben walten zu lassen.
Ich hatte das Buch bereits letztes Jahr auf der Frankfurter Buchmesse gekauft und ich gestehe, es nach 30 Seiten erstmal wieder weggelegt zu haben. Ob ich es nach der Lesung noch einmal zur Hand nehme? Ich weiß es noch nicht. In meinen Augen hat sich der Autor nicht sehr flexibel auf die Umgebung eingelassen – aber das liegt sicher daran, dass meine religiösen Ansichten alles andere als dogmatisch sind und ich auch klimatisch weiß, was mich in Nordindien erwartet. Für christlich geprägte Leser, die einen ersten Eindruck vom tibetischen Buddismus gewinnen möchten, ist dies sicher ein lesenswerter Erfahrungsbericht.


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