Es ist 05.30 Uhr in der Früh und ich sitze in der S-Bahn nach München. Mir gegenüber versteckt sich ein junger, etwas verschlafen wirkender Mann hinter seinen „Ich bin nicht alleine – Kopfhörern“ und wippt bedächtig langsam, wohl im Rhythmus der Musik, mit dem Kopf. Ich greife neben mich in den Rucksack und nehme meine Morgenlektüre heraus.
Es ist ein Vergnügen, ein Buch in Händen zu halten, das alleine schon durch seine Aufmachung etwas ganz Besonderes ist. Auf den ersten Blick halte ich zwei Bücher in Händen. Zwei unterschiedlich gestaltete Cover, mal mit Pilotenkoffer, mal mit weißen Handschuhen. Aber beide tragen den Titel „Die Leinwand“ von Benjamin Stein.
Ich beginne zu lesen. Nicht vorne natürlich – auch nicht hinten – es gibt keine Front- oder Rückseite – jedenfalls nicht eindeutig. Der Weg ist das Ziel könnte man meinen oder das Labyrinth einer Geschichte. Wenn man im Jan Wechsler Teil liest, dann steht für den Menschen der einem gegenüber sitzt das Cover des Zichroni Teils auf dem Kopf.
Wenn man dann, der heimlichen Spur im Buch folgend, dieses schließt, dreht, wieder öffnet und weiter liest, dann erntet man erste erstaunte und leicht neugierige Blicke. Die Kopfhörer meines Gegenübers werden fast beiläufig abgenommen und ich werde zögernd gefragt: „Was lesen sie denn da?“
„Ich lese EIN Buch – auch wenn es nicht so aussieht…“ antworte ich und es entwickelt sich ein angenehmes Gespräch über Autor und Inhalt.
Die Leinwand von Benjamin Stein
Ein Spiegelkabinett mit zwei Eingängen.
Hinter beiden Buchdeckeln beginnt je eine Geschichte. Genau in der Mitte kommt es zur Konfrontation, treffen die beiden Erzähler, Amnon Zichroni und Jan Wechsler, aufeinander.
Amnon Zichroni besitzt die Fähigkeit, Erinnerungen anderer Menschen nachzuerleben. Geboren in Jerusalem und streng jüdisch erzogen, studiert er in den USA und lässt sich in Zürich als Analytiker nieder.
Dort begegnet er dem Geigenbauer Minsky, den er ermuntert, seine traumatische Kindheit in einem NS-Vernichtungslager schreibend zu verarbeiten.
Beider Existenz steht auf dem Spiel, als der Journalist Jan Wechsler behauptet, das Minsky-Buch sei reine Fiktion …
Zehn Jahre später wird eben diesem Jan Wechsler ein Koffer zugestellt, der ihm bei einer Reise nach Israel verloren gegangen sein soll – doch Wechsler kann sich an den Koffer nicht erinnern. Auf den Spuren fragwürdig gewordener Erinnerungen reist er nach Israel und gerät in ein Verhör. Tatsächlich, stellt sich heraus, ist er schon einmal dort gewesen, und sein damaliger Gastgeber, Amnon Zichroni, gilt seither als vermisst …
Benjamin Steins Roman basiert auf dem authentischen Fall des Schweizers Binjamin Wilkomirski, der von sich behauptet hatte, er habe die Vernichtungslager der Nazis als Opfer überlebt. Sein Verarbeitungsbuch fand große Beachtung bis er schließlich als Schweizer entlarvt wurde, der die Lager erst später als Tourist kennengelernt hatte. Das alltägliche Leben orthodoxer Juden in einer modernen Gesellschaft und die allgemeinen Belange junger Menschen, die einer religiösen Minderheit angehören, bilden in der “Leinwand” den Rahmen der Handlungsstränge und erzeugen durch die eindringliche Art der Beschreibung mehr als Verständnis für ein Leben auf der Grundlage von Gesetzen, die niemals nur Selbstzweck sind.
Benjamin Stein ist 1970 in Ost-Berlin (DDR) geboren, veröffentlichte bereits 1992 den Roman “Das Alphabet des Juda Liva”, nahm 1993 am Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt teil.Er studierte in Berlin Judaistik und Hebraistik, arbeitete später als Redakteur und Korrespondent einiger Computerfachzeitschriften, war freiberuflicher Berater im IT-Bereich, Geschäftsführer einer Computerfirma und ist heute freischaffender Autor.
Er betreibt das mehr als lesenswerte literarische Weblog Turmsegler, das viele Hintergrundinformationen zur Entstehung des Buches beinhaltet, und lebt in München.
Nachdem wir (Binea & Mr. Rail) das Buch, von jeweils unterschiedlichen Seiten beginnend, gelesen haben war uns klar, dass wir uns zu einem Interview mit Benjamin Stein verabreden mussten. Es gab so viele Fragen und nach unserer ersten Begegnung auf der Leipziger Buchmesse bestand die Zusage für dieses Gespräch.
Wir trafen uns am Karfeitag mit Benjamin Stein in den “heiligen Hallen” der LB-Redaktion München. Hier geht`s einerseits zum ausführlichen INTERVIEW und andererseits zum gemeinsamen Rezensionsprojekt von Binea und Mr. Rail.
Randbemerkung: einer meiner Kollegen ließ sich von meinen Erzählungen über dieses Buch dazu verleiten, es in einer kleinen Buchhandlung zu bestellen. Die Buchhändlerin hatte noch nichts von der “Leinwand” gehört. Als er es schließlich abholte und die Buchhändlerin ihm seine Bestellung aushändigte, schaute er ein wenig enttäuscht und sagte: “Nein – das Buch meinte ich nicht – das sah ganz anders aus!” Ein wenig konsterniert wendete die Buchhändlerin das Buch und zeigte ihm die “Rückseite” worauf er erfreut entgegnete: “Jawoll – das meinte ich – das Buch hab ich bestellt!” Mit einem Augenzwinkern erzählte er mir diese kleine Geschichte und meinte, dass er im Wissen um beide Cover einfach nicht widerstehen konnte, diesen kleinen Spaß zu machen. (Es ist glaubhaft überliefert, dass die Buchhändlerin kurze Zeit später ebenfalls im Besitz der “Leinwand” war).









Ihr beiden könnt es einem echt schwer machen mit euren genialen Berichten, sich beim Bücherkauf zu beherrschen.
Bei mir ist es Binea gelungen, mich zum Kauf zu verleiten. Nach einen gemütlichen Abend in einem Kaffee mit weiteren LB-Usern hatte sie es bei mir geschafft. Ich möchte auch dieses Strahlen in den Augen haben, wenn ich von diesem Buch erzähle.
Ich musste es mir also noch am selben Abend bestellen. Nun steht es bereits in meinem Regal und ruft ganz laut. “Lies mich endlich”
Ihr beide seid ein so tolles Team!
Jeder eurer Artikel ist unschlagbar und ihr macht diesen Blog besonders lesenswert, was aber nicht heißen soll, dass die anderen Bloggerinnen udn Blogger schlechte Artikel schreiben, aber ihr seid nun einmal die Krönung!
Ich hoffe, dass ihr ewig weiterbloggt und von jedem großen Event, von jeder Lesebesonderheit und von allem anderen rund ums Buch berichtet
Bin schon gespannt, was noch alles kommt!
Die Leinwand von Benjamin Stein ***** (7/5) :-)…
Die Leinwand Gebundene Ausgabe: 416 Seiten Verlag: C.H. Beck; Auflage: 3. (27. Januar 2010) Sprache: Deutsch ISBN-10: 3406598412 ISBN-13: 978-3406598418 Der Stein der Weisen Beim Lesen dieses Romans wird man mehr als belohnt. Allein mit den mehr…