Benjamin Stein im Gespräch

Zeit Online titelt:

“Es ist nicht ganz einfach, sich mit Benjamin Stein zu verabreden. Freitagnachmittag vor dem Gottesdienst ist schlecht… Der Samstag verbietet sich sowieso.  Also Donnerstagabend. Nur wo?”

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BLOG.LOVELYBOOKS (Binea & Mr. Rail) titelt:

Es ist einfach, sich mit Benjamin Stein zu verabreden.

Eine kurze Frage hat gereicht. Die Tür hat uns Benjamin Stein in Leipzig geöffnet und sich schnell bereit erklärt, während der Pessach-Zwischenfeiertage in München ein Interview für den Blog.LB zu geben. Er hat uns damit nicht überrascht. Benjamin Stein ist orthodoxer Jude, gesetzestreu – aber ebenso Autor in einer modernen Gesellschaft. Ein Mensch, der seinen Glauben lebt – ihn aber nicht als Hürde aufbaut. Er schreibt von der Normalität eines Lebens auf dieser Basis und genau diese Normalität lebt er uns vor und lässt uns teilhaben. So trafen wir uns am Karfreitag, nachdem Binea extra aus Dresden eingeflogen war, in den Räumen der LB-Redaktion, München, um mehr über “Die Leinwand” und Benjamin Stein zu erfahren.

“Die Leinwand” ist ein mehr als außergewöhnliches literarisches Projekt. Zwei Bücher in einem – zwei Frontseiten, mehrere Wege des Lesens (mal geradlinig, mal verschlungen), sich in der Mitte treffende Erzählstränge und die Besonderheit, dass man das Buch drehen muss , um die jeweils andere Geschichte zu lesen. Wie überzeugt man einen Verlag, sich auf so etwas einzulassen?

Zunächst einmal hilft es ungemein, wenn den Lektor der Inhalt überzeugt. (lacht) Dennoch war die Gestaltungsidee eine Hürde. Das Buch war von Beginn an so konzipiert, das geplante Äußere integraler Bestandteil des Gesamtkonzepts. Man kann das abstrakt erklären, aber ich wollte, dass es sich auf Anhieb mitteilt. Also habe ich auf eigene Kosten 50 Paperbacks hergestellt, für Testleser und meine Agentin. Die Verlagsleute sollten “Die Leinwand” als Buch in der Hand haben, um direkt die Erfahrung zu machen, dass es eigentlich unkompliziert zu handhaben ist. Und dass man es auch problemlos so herstellen kann. Ich hatte mir Gedanken darüber gemacht, wie man ISBN-Nummer, Auspreisung und den vorgeschriebenen Barcode in die Gestaltung integrieren kann, so dass kein Hinweis auf eine bestimmte “Vorderseite” gegeben wird. Mit dem Paperback in der Hand hatte ich also gute Argumente.

Vom Konzept...

...zum Weg...

...und immer weiter...


Zudem war ich ja auf der Suche nach einer neuen Verlagsheimat, also einem Verlag, der auch wirklich zu mir und meinen literarischen Ideen passt. Da war diese Gestaltungsfrage ein guter Test. Ich war entschlossen, hart zu verhandeln in dieser Sache. Bei C.H.Beck konnte ich die Bedenken, die es durchaus gab, sehr schnell zerstreuen. Meine Paperbacks kursierten in etlichen Exemplaren im Verlag, durch alle Abteilungen. Am Ende hatte ich – was außergewöhnlich ist – umfangreiches Mitspracherecht in allen Gestaltungsfragen. Nicht alles ließ sich umsetzen. Aber dass die Idee angenommen und so ernst genommen wurde, vom Lektorat, über die Herstellung und die Marketingabteilung bis hin zu den Vertretern, das war mir der beste Beweis, dass ich den richtigen Partner gefunden habe.

Wie dürfen wir uns die Phase der “Anpassungen” im Verlag vorstellen – was ist, vom Ursprungskonzept aus betrachtet, gelungen, was hat funktioniert und wo gab es Einschränkungen?

Rein inhaltlich hat es funktioniert, ein solch komplexes Buch genau so zu bauen und dramaturgisch zu konstruieren, wie es gedacht war. Dies lässt sich an einer Skizze am ehesten verdeutlichen und zeigt die Möglichkeiten, sich dem Buch zu nähern. Jeweils einen Teil des Buches zu lesen und dann mit dem anderen Teil fortzufahren oder den Sprung von Kapitel zu Kapitel zu wagen, um die unterschiedlichen Richtungen und Geschwindigkeiten wahrzunehmen.

[Originalskizze "Lesewege" durch "Die Leinwand" von Benjamin Stein]

Aber was Herstellung und Vertrieb angeht, hatte ich natürlich nicht an alles gedacht. Beginnen wir nur mit den technischen Rahmenbedingungen, die sich einfach anhören, aber doch Probleme aufwarfen. So war es einfach nicht möglich, das Buch mit zwei Lesebändchen  – “oben” und “unten” – zu bestücken. Die Maschinen können sowas nicht. Man hätte das zweite Lesebändchen von Hand einkleben müssen, was viel teurer geworden wäre. Aber ein Lesebändchen gehört aus Verlagssicht bei einem solchen Titel eigentlich dazu. Also wurde vorgeschlagen: zwei Lesebändchen an einer Seite. Dann hätte es aber eine eindeutige “Vorderseite” gegeben. Ich konnte gar nicht so schnell Einspruch einlegen, wie er von den Mitarbeiten selbst kam: Nur nicht, das geht nicht! Also haben wir konsequent auf die Lesebändchen verzichtet.

Darüber hinaus hatte der Verlag prozesstechnische Schwierigkeiten damit, dass es keine klare Vorderseite gab. Redaktionssysteme für Verlage haben Ablagen für Bilder einer Vorder- und Rückseite. Bei den Verkaufsplattformen im Internet ist es nicht erlaubt, ein animiertes GIF als Covergrafik im Katalog einzustellen, wie ich es auf meinem Weblog “Turmsegler” benutze. Wir brauchten also eine so genannte “marketingtechnische Vorderseite”. Das Wort hat der Verlag extra erfunden! Die Wahl fiel auf das Wechsler-Cover. Das war aber der einzige Kompromiss! Man hat ja sogar meinen Wunsch respektiert, für etwaige Anzeigen jeweils zwei Versionen herzustellen und alternierend zu verwenden, mal mit dem einen, mal mit dem anderen Cover. Ich hätte das Haus samt Mitarbeitern umarmen können! Dass ein Verlag heutzutage für eine literarische Gestaltungsidee solche Zugeständnisse macht, die ja auch Geld kosten, das darf man nicht vergessen, das macht mich einfach glücklich.

Wie hat der Buchhandel auf die Leinwand reagiert? Einer unserer Leib- und Magenbuchhändler hat “Die Leinwand” mit beiden Covervarianten nebeneinander präsentiert und spricht von den unterschiedlichsten Käuferreaktionen. Von Faszination bis hin zum ängstlichen Zurücklegen eines “komplizierten” Buches.

Es bestand die große Sorge, dass der Buchhandel “Die Leinwand” nicht annimmt. Also mussten wir zunächst die Vertreter überzeugen. Ich habe auf der Vertreterkonferenz nicht nur aus dem Buch vorgelesen, sondern mit “feuriger Rede” versucht, die Damen und Herren Vertreter auf die Idee einzuschwören wie vor einer Schlacht. Die Buchhändler, habe ich gesagt, haben doch ein vitales Interesse, gerade dieses Buch angemessen zu präsentieren, denn es bricht eine Lanze für ihren Berufsstand. Dieses Buch entfaltet nur als gedrucktes Buch sein ganzes Potential – nicht als eBook, nicht als Hörbuch. Und also braucht es auch eine echte Buchhandlung (und den Buchhändler!) und keine Selbstbedienungsdownloadtheke. Ich habe nichts gegen digitale Medien, im Gegenteil, aber ich liebe – wie die Buchhändler da draußen – das altmodische, gedruckte Buch. Das habe ich den Vertretern gesagt. Ob sie es weitererzählt haben, weiß ich nicht. Aber man kann es sehen: Bei den Buchhändlern ist “Die Leinwand” angekommen.

“Die Leinwand” als AudioBook scheint ebenso unmöglich, ein Buch – ausschließlich ein Buch mit eigenen Leseentscheidungen ohne vorgefertigten Weg – so empfanden wir es von Beginn an.

Zu Audiobüchern habe ich wenig Bezug. Zum Lesen gehört für mich die eigene “Stimmerzeugung”. Diese Dimension geht beim Vorlesen verloren. Aber es kann auch wunderbar sein, etwas vorgelesen zu bekommen. Ein AudioBook finde ich denkbar, wenn man es der Idee entsprechend verpackt. Also wieder eine “Designfrage”. Man würde die Möglichkeit der kapitelweisen Verschränkung einbüßen. Aber warum nicht das Audio-Book als “Zweit-Leinwand”? (lacht) Ich würde “Die Leinwand” sogar selbst einlesen, wenn jemand eine Audiofassung produzieren möchte…

Einen Film kann ich mir mehr als gut vorstellen. Es käme stark auf die Montagevariante an, für die man sich entscheidet, denn man müsste sich ja entscheiden. Ich habe da viele Bilder im Kopf, und es sind Ideen da. Eine Verfilmung müsste ein Kunstwerk aus eigenem Recht werden. Filmisch wären bestimmte Dinge umsetzbar, die literarisch schwierig oder unmöglich sind. An diesem Drehbuch würde ich mich zumindest beratend beteiligen wollen. Es sei denn, David Lynch will es machen. (grinst) Der hätte unbesehen freie Hand, und ich würde mich einfach überraschen lassen. – Das war jetzt nicht ernst gemeint. Na, ein bisschen vielleicht.

Können sie uns ihre Intention beschreiben, die sie zum Schreiben der “Leinwand” bewegt hat?

Es gab einfach die gefühlte Notwendigkeit, über das große Thema “Identität” zu schreiben. Mein Ziel war es nicht, einen Bestseller zu produzieren, um jeden Preis den Lesers einzuwickeln, sicher nicht. Ich hatte das Gefühl, das Buch muss geschrieben und es muss so geschrieben werden. Das war die Herausforderung, mein Antrieb. Ich schreibe ja nicht für meinen Lebensunterhalt. Diese Freiheit schätze ich hoch und brauche sie vielleicht sogar. Wobei ich Lust hätte, mich ganz in die Literatur zu stürzen. Ich habe sogar unbändige Lust darauf.

Sie beschreiben im Buch auf verschiedenen Pfaden viele Möglichkeiten eines Lebens als gläubiger Jude in modernen Gesellschaften. Wie hat Ihr religiös-kulturelles Umfeld auf “Die Leinwand” reagiert?

Zeitverschwendung...?

Eine schwierige Frage. Einige der Rabbiner, die mich bei den Recherchen beraten haben, werden das Buch wohl nie lesen, da sie es als Zeitverschwendung empfinden, Romane zu lesen, ganz zu schweigen davon, welche zu schreiben. Aber geholfen haben sie mir doch. Das wird auch Gründe haben.

Das zentrale Motiv der Mikwe etwa als Relaisstation zwischen ideellen Zuständen, einem “beschädigten” und “geheilten”, wiederhergestellten Zustand. Oder die Darstellung eines torahtreuen Lebens als etwas Normales, nicht Exotisches.

Das wird von der religiösen Seite sehr geschätzt.

Ich habe versucht, diese Normalität zu beschreiben – wenn es auch oft eine Normalität des Andersseins ist – und vom stumpfen, unhinterfragten Befolgen uralter Regeln zu trennen. Ich denke, es teilt sich mit, dass diese Regeln die Menschen formen und nicht reiner Selbstzweck sind.

Das weniger religiöse Umfeld reagiert mitunter auch gespalten. Vielleicht erzeugt das Buch beim einen oder anderen ein latent schlechtes Gewissen, was sicher nicht meine Absicht war. Ich präsentiere kein verklärtes Bild des orthodoxen Lebens in Deutschland. Aber die Position “das geht hier nicht”, die ich ja selbst lange vertreten habe, kann schon erschüttert werden. “Die Leinwand” erzählt von einer Vielzahl von Schlüsselmomenten, in denen Lebensentscheidungen getroffen werden müssen. Auch in dieser Hinsicht ist die Konstruktion des Buches keine Spielerei. Sie verdeutlicht die Tragweite solcher Entscheidungen: Man geht an einer Weggabelung rechts oder links und wird hinterher nie erfahren können, wie es gewesen wäre, hätte man sich anders entschieden.

Inhaltlich haben wir versucht, uns der “Leinwand” durch eine gemeinsame Rezension auf der Grundlage unterschiedlicher Lesewege zu nähern. Herr Stein, wir bedanken uns für dieses ausführliche Gespräch.

3 Kommentare

  1. Ein richtig tolles Interview habt ihr mit Benjamin Stein geführt. Und wenn ich das Buch nicht shcon auf meinem SuB liegen hätte, würde ich es mir spätestens nach diesem Interview dieses Buch kaufen! Ein richtig tolles Team seid ihr – macht weiter so!

  2. [...] “heiligen Hallen” der LB-Redaktion München. Hier geht`s einerseits zum ausführlichen INTERVIEW und andererseits zum gemeinsamen Rezensionsprojekt von Binea und Mr. [...]

  3. [...] führte uns einst zusammen, verband uns durch ein Buch der vielen Lesewege und gipfelte in einem magischen Interview am Karfreitag [...]

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