Holger Weinbach “Die Eiswolf-Saga: Brudermord”. Auftakt eines einzigartigen Mittelalter-Epos

• Alles zum Buch • Interview • ausführliche Leseprobe • Die neue Gesprächsgruppe des Autors •

Mein Geheimtipp für alle Fans des Genre “Historischer Roman”

erschienen 2010 im ACABUS-Verlag


ISBN 9783941404397, 2. Auflage, Acabus Verlag 2010, 300 Seiten, Paperback

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Liebe, Intrigen, Freundschaft und Verrat vor der farbenprächtigen Kulisse des Mittelalters – die mitreißende Geschichte des jungen Waisenknaben Faolán, der im Reich König Ottos I. als Novize eines Benediktinerklosters aufwächst, unwissend, welches Schicksal ihm bevorsteht …

Holger Weinbach

Die Eiswolf-Saga: Brudermord

Historischer Roman. Teil 1

Das Ostfrankenreich im Jahr 956: Es herrscht wieder Frieden im Reich König Ottos, nachdem im Vorjahr die ungarischen Horden auf dem Lechfeld geschlagen wurden. Doch die vermeintliche Ruhe trügt. Die noch vor wenigen Monaten einig hinter dem König stehenden Fürsten trachten danach, ihre Macht im Reich zu festigen und ihren Einfluss auszudehnen. Kaltblütig werden selbst gegen die eigene Familie Intrigen geschmiedet!

Durch einen Verrat seines Bruders soll die gesamte Familie des Grafen Farold  gemeuchelt werden. Einzig dem siebenjährigen Sprössling Rogar gelingt die Flucht. Traumatisiert und ohne Kenntnis über seine wahre Identität, gelangt er in ein Benediktinerkloster. Der Abt hingegen ahnt, wer der Junge ist und nimmt ihn unter dem Namen Faolán  in das Noviziat auf. Der Abt und der Kellermeister versuchen den Knaben vor den meuchelnden Fingern des Verräters zu bewahren.

Doch auch die irdischen Mächte bleiben nicht untätig. Der junge Ritter Brandolf, der seinem Herrn Farold selbst nach dessen Tod treu ergeben ist, strebt danach, Rogar zu finden. Er hat geschworen, ihn zu seinem rechtmäßigen Erbe zu verhelfen und den Verräter aufzuhalten. Zu diesem Zweck rufen er und sein Vater die höchste Instanz im Reich an, König Otto selbst, und beschuldigen Farolds Bruder öffentlich des Verrats. Doch der Herrscher hat weitreichende Pläne und benötigt schlagkräftige Vasallen …

Unwissend über all diese Streitereien, lernt Faolán eines Tages das Mädchen Svea kennen. Durch diese Begegnung beginnt sich sein Leben dramatisch zu verändern. Sein Weltbild gerät ins Wanken, als er sich seiner Liebe zu Svea bewusst wird. Faolán versucht alles in seiner Macht stehende, um das Mädchen wiederzusehen. Dabei begeht er einen fatalen Fehler, der seinen Häschern nach all den Jahren endlich eine Gelegenheit bietet, den wahren Erbe der Grafschaft ein für alle Mal aus dem Weg zu schaffen. (ausführliche Leseprobe: am Ende dieses Beitrages!)

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Holger Weinbach wurde 1971 im baden-württembergischen Buchen geboren und lebt heute in seiner Wahlheimat Freiburg. 2009 hat er sich als Autor und Architekt selbstständig gemacht, um mehr Zeit für seine Leidenschaft, dem Schreiben, zu haben. Seit vielen Jahren bewegt er sich in der Mittelalterszene und recherchiert für seine historische Romanreihe sowohl in Fachliteratur wie auch an Originalschauplätzen in Deutschland und Skandinavien.

„Es mag auf den ersten Blick zwar nicht so aussehen, doch Architektur und Literatur sind zwei verwandte Tätigkeiten. Beide setzen eine kreative Idee voraus. Eine Vision. In beiden Fällen setzt man sich zum Ziel, diese Vision zu realisieren. Entwürfe werden erarbeitet, Strukturen entwickelt, Alternativen gesucht und wieder verworfen. Es sind kreative Prozesse, die nahezu identisch ablaufen. Was die Detailarbeit und die Bauleitung in der Architektur sind, ist bei einem literarischen Werk der Feinschliff an jedem Satz. Beides bedeutet harte Arbeit, doch nur so entsteht am Ende ein befriedigendes Ergebnis.

Die Vision zu dieser historischen Reihe hatte ich bereits vor einigen Jahren. Da ich mich privat gerne mit dem Mittelalter beschäftige, stand auch schnell die Epoche fest. Zunächst als ein etwas dickerer Roman geplant, entwickelte sich der Plot mit den ersten Überlegungen schnell darüber hinaus. Ein solches Projekt jedoch neben einem Vollzeitberuf umzusetzen erwies sich als schwierig, ja nahezu unlösbar. Erst 2008 erkannte ich, dass eine Realisierung die Änderung meiner beruflichen Situation voraussetzte.  Als Selbstständiger kann ich nun die Zeit einteilen, zwischen Architektur und Literatur, um beides zu einem befriedigenden Ergebnis zu bringen.“ (HW 2009)

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Der Autor ist auch Mitglied von LOVELYBOOKS und konnte mir natürlich nicht entkommen … ;)

… für Euch gefragt:

Holger, in Deiner eigenen Gruppe bei Lovelybooks – IM GESPRÄCH mit HOLGER WEINBACH - habe ich gelesen, dass Du keiner der Autoren bist die schon “von Kindesbeinen an” den Drang zum Schreiben verspürten?

Ja, das ist richtig. Allerdings habe ich irgendwann der Drang entwickelt, mich mitzuteilen, bzw. Geschichten zu erzählen. In meiner frühen Jugend war ich Star-Wars-Fan und mein großes Idol war George Lucas. Nicht etwa, weil er so erfolgreich war, sondern weil er es verstand seinem Publikum eine atemberaubende und wunderbare Geschichte zu erzählen. Diesen Anspruch hege ich auch und er treibt mich an. Lucas‘ Medium ist der Film, meines sind die Bücher … wobei ich auch eine Zeit lang geglaubt hatte, Regie studieren zu müssen …

Mit dem ernsthaften Schreiben habe ich aber letztendlich erst Anfang 30 begonnen. Im Vergleich zu vielen anderen Kollegen ziemlich spät.

Ich weiß, dass Du auch als Leser die Genre SiFi und Fantasy sehr magst. Für Deine »EISWOLF-SAGA« hast Du Dich allerdings für das Genre des historischen Romans und die Zeit des frühen Mittelalters entschieden. Hat dafür Dein privates Interesse an der Mittelalterszene den Ausschlag gegeben?

Zum Teil. Ursprünglich war die Saga aber als Fantasy-Mehrteiler gedacht. Als ich den Plot entwickelte befand sich aber der Harry-Potter-Hype gerade auf seinem Höhepunkt und mir war die Gefahr zu groß, als „Trittbrettfahrer“ eines Trends bei Verlagen abgetan zu werden. Da ich mich aber tatsächlich sehr für das Mittelalter interessiere, habe ich die Geschichte umstrukturiert und nach einer ersten Prüfung gemerkt, dass das 10. Jhdt. ganz gut zum Plot passt. Es lässt genug Spekulationsraum offen, um einige fantastische Elemente in die Geschichte mit aufzunehmen.

Laut Deiner Vita im Buch recherchierst Du nicht ausschließlich mittels Fachliteratur, sondern auch an Originalschauplätzen in Deutschland und Skandinavien. Wie muss man sich das vorstellen? Besuchst Du z.B. auch archäologische Ausgrabungsstätten?

Archäologische Ausgrabungsstätten stehen natürlich auf meinem Plan. Allerdings ist es schwer, sich nur anhand der Stätten ein richtiges Bild machen zu können, denn beispielsweise in Ingelheim liegt der Bereich der Kaiserpfalz mitten in der Stadt. Es ist nicht ganz einfach den Flair der damaligen Zeit zurückzuholen, wenn man sich dort befindet. In Schweden gelang mir das schon eher, denn an meinem dortigen Ziel gibt es heute keine Siedlung mehr. Dort kann man sich gut einstimmen lassen. Dennoch bin ich auch auf die Fachliteratur angewiesen, vor allem wenn es um Details, Rekonstruktionen und Illustrationen des damaligen Lebens geht.

Welche Ansprüche bzgl. der Authentizität stellst Du noch an Deine Mittelalter-Saga? Reichen Dir die eigenen Recherchemöglichkeiten bzgl. der Zeitgeschichte,  religiösen Hintergründen, Lebensbedingungen  usw. aus oder hast Du zusätzlich das Bedürfnis z.B. einen Historiker hinzuzuziehen?

Dieses Bedürfnis hatte ich und ich habe ihm nachgegeben. Mir war es sehr wichtig, einen Historiker im Hintergrund zu haben, um die fachlichen Schwachstellen im Roman möglichst zu minimieren. Es ist zudem wichtig, den geschichtlichen Hintergrund möglichst genau zu halten.

Allerdings habe ich nicht immer der Meinung meines Fachmanns nachgegeben und meiner eigene Interpretation des damaligen Lebens freien Lauf gelassen. Ich glaube auch nicht, dass in einem historischen Roman alles zu einhundert Prozent authentisch sein muss. Das ist auch gar nicht möglich, denn wer kann schon genau sagen, wie die einfachen Leute damals gedacht und gefühlt haben? Und das ist es, worauf ich bei meinen Charaktere Wert lege: Ihre Gedanken- und Gefühlswelt dem Leser näher zu bringen.

Gibt es in Deiner Geschichte auch Figuren die reale Personen der Zeitgeschichte zum Vorbild haben?

Bis auf Kaiser Otto I. und andere historische Randfiguren sind alle anderen Personen frei erfunden. Vorbilder aus der Zeitgeschichte als solches haben sie nicht, sie entspringen vielmehr meiner Vorstellung und müssen so handeln, wie es die Geschichte erfordert, nicht wie eine historische Figur gehandelt hätte. Sie haben sozusagen ein gewisses Eigenleben in meinem Plot entwickelt …

»DIE EISWOLF-SAGA« ist als 6-Teiler geplant und Du schreibst gerade mit »Irrwege«  (ISBN 9783941404298) am zweiten Band. Als beigeisterte Leserin von »Brudermord« bin ich natürlich neugierig: Welcher Erscheinungstermin ist geplant?

Momentan ist nur der grobe Erscheinungstermin für Sommer 2010 geplant. Genauere Angaben kann ich leider noch nicht machen, so gerne ich die Vorfreude meiner Fans steigern würde.

Bekommen wir Fans dafür einen kleinen Tipp was Faolán, Svea und Ritter Brandolf in »Irrwege« erwartet? ;)

Einen Spoiler? Hmm, nun ja, es gibt eine Vorschau im ersten Band, die ganz grob die Handlung beschreibt. Doch seitdem diese verfasst wurde ist viel geschehen und der zweite Band hat sich weiter entwickelt. Ich kann nur so viel verraten, dass die alten Widersacher und die Hauptpersonen natürlich ihrer Rolle gerecht werden, aber es kommen auch neue Personen hinzu. Die Charaktere werden sich im Verlauf des Buches entwickeln und teilweise wandeln. Gut zu böse und böse zu gut …? Vielleicht nicht ganz so stark, doch es gibt einige Konflikte die selbst Verbündete entzweien können und es gibt Zweifel bei den Gegnern, die sie läutern könnten … ob sie es tun, werdet Ihr allerdings erst im zweiten Band erfahren.

Lieber Holger, ich danke Dir herzlich für das schöne Gespräch und wünsche Dir weiterhin viel Erfolg mit Deinen Büchern.

Neugierig geworden oder Fan? Besucht den Autor doch in seiner neuen Gruppe:

IM GESPRÄCH mit HOLGER WEINBACH (• Diskussionen zu meinen Themen & Büchern Leserunden (zur Zeit: Leserunde zum Auftaktband »Brudermord« meiner historischen Reihe »DIE EISWOLF-SAGA«) meine aktuellen Projekte & Termine wer seid Ihr & wer bin ich Faszination »Mittelalter« »Fantasy-Roman« vs. »Historischer Roman«? Oder kann man Fan von beiden Genre sein? … und alles was uns sonst noch gemeinsam interessiert. Ich würde mich über einen Austausch mit Euch freuen … Willkommen in meiner Gruppe! Euer Holger)

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Und jetzt wünsche ich viel Spaß mit der Leseprobe!

Mit freundlicher Genehmigung des

Die Eiswolf-Saga: Brudermord

(Seite 136 ff.)

Anno 957  –  Ingelinheim

Die Reise hatte nahezu zwei Wochen gedauert, doch nun waren sie ihrem Ziel nahe. Im breiten Tal vor sich konnte Brandolf bereits die mächtige Pfalz zu Ingelinheim sehen, wo die von seinem Vater erbetene Audienz bei König Otto stattfinden würde. Ihr Anblick verschlug ihm beinahe den Atem, als er die Ausmaße der Anlage erfasste. Er hatte bereits einiges über die Pfalzen der einstigen Kaiser gehört, doch diese übertraf alles, was er sich je vorgestellt hatte.

Die Anlage war eine Mischung aus repräsentativen Bauwerken und den Wehranlagen einer Burg. Unverkennbar ragten am südlichen Rand die Türme einer neu erbauten Kirche in den Himmel. An ihr wurde immer noch gearbeitet und die Gerüste entlang der Außenwände ragten hoch bis unter die Traufe des Daches. Im östlichen Bereich konnte Brandolf ein weitläufiges, sichelförmiges Gebäude ausmachen, das in seiner Mitte eine überhöhte Halle besaß. Vorgelagerte Türme waren an die Außenmauer des langen, gekrümmten Bauwerks in regelmäßigen Abständen erbaut worden. Sie sahen zwar nicht besonders wehrhaft aus, verliehen dem momentanen Sitz des Königs aber dennoch einen burgähnlichen Charakter. Wo die Anlage nicht durch Gebäude abgegrenzt wurde, schloss eine Mauer mit einem einfachen Tor die Lücken. Diese Mauer war nicht mit Verteidigungsanlagen ausgestattet und sah auch nicht aus, als könnte sie einem feindlichen Ansturm standhalten. Das brauchte sie aber auch nicht, denn die Pfalz war einzig zu Zeiten der Besuche des Herrschers mit Leben gefüllt und diente sonst lediglich der Verwaltung der Ländereien. Ursprünglich war die Anlage nicht mehr als ein großes Gut gewesen, das erst unter dem fränkischen Kaiser Karl seine jetzigen Ausmaße erhalten hatte. Nach dem Zerfall des Reiches wurde die Pfalz von den nachfolgenden Herrschern kaum in Anspruch genommen. König Otto hingegen war an den Gebräuchen der einstigen Kaiser sehr gelegen und suchte immer wieder die Pfalzen auf. Da das Osterfest kurz bevorstand, hatte er sich zu Ingelinheim eingefunden, um in der neuen Kirche das Hauptfest der Christen zu feiern.

Mit dem Herrscher war auch ein großer Tross angereist. Brandolf konnte von der Anhöhe aus einige Menschen im Innenhof sehen, darunter Ritter, Knappen und Adelsleute. Der Großteil des Gefolges hielt sich jedoch außerhalb der Pfalz auf und hauste in Zelten auf den umliegenden Feldern und Weidegründen. Brandolf begriff, dass die große Zahl an Kriegern wie eine hohe, wehrhafte Mauer dem Schutz des Königs diente.

Die kleine Gruppe um Brandolf und seinen Vater, den Edelherrn Gerold, näherte sich von Osten her. Von hier aus waren weite Teile der Rheinebene zu überschauen, ebenso einige Höfe, die der Pfalz zugehörig waren.

Das Frühjahr war außergewöhnlich milde und versprach ein sonniges Osterfest in diesem April.

Im Tal angekommen, folgten die Reiter einem breiten Weg quer durch das Lager. Buntes Treiben herrschte hier und sowohl Krieger wie auch anderes Volk befanden sich darunter. Frauen und Kinder gingen einher, Händler boten an ihren Ständen Waren feil und einige Dirnen wussten mit ihren besonderen Diensten den Recken aufzuwarten. Eine Vielzahl an Rauchsäulen stieg zwischen den Zelten auf, wo die Mahlzeiten für die Anhänger des Königs zubereitet wurden oder die Schmiede ihrer Arbeit nachgingen.

Die Männer im Dienste des Herrschers waren es gewohnt derart zu hausen, denn sie reisten mit König Otto von einer Pfalz zur nächsten, wo sie unterschiedlich lange lagerten. Oftmals reisten ihre Familien mit und so mancher Handwerker tat es ihnen gleich, denn hier hatte er stetige Kundschaft. Flatternde Banner mit Wappen an den Zelten gaben die Namen des jeweiligen Kronvasallen preis. Die adeligen Herren waren hier jedoch nicht anzutreffen. Sie hatten mit ihren Hauptmännern und getreuesten Rittern ein Quartier innerhalb der Anlage gefunden, in der Nähe des Königs, wie es auch die Männer des Edelherrn Gerold erhalten würden.

Nachdem sie das Lager bis zum Tor durchquert hatten, nannten sie dort den Wachen ihre Namen und durften in den Hof einreiten. Sie saßen ab und überließen ihre Pferde einigen Stallburschen. Der große Platz zwischen den hoch aufragenden Gebäuden war weitestgehend leer und niemand hielt die Neuankömmlinge auf. Edelherr Gerold lenkte seine Schritte zur neuen Kirche, um dem Allmächtigen für die sichere Reise zu danken. Brandolf folgte ihm, während sein Blick umherschweifte, die hohen, ansehnlichen Gebäude bestaunend, aber auch jeden einzelnen Mann im Hof beachtend. Die Kirche war mit ihren Türmen zwar das höchste Gebäude der Anlage, aber die Aula regia, die Königshalle, war mit Abstand der eindrucksvollste Bau. Sie erstreckte sich entlang der Westseite der Pfalz und ragte weit über zwei Dutzend Ellen in den Himmel empor.

Brandolf dachte an die einfache, hölzerne Halle auf der Burg seines Vaters, in der Bittsteller oder Boten empfangen und die Tagesgeschäfte besprochen wurden, wo abends alle Bewohner zu einem gemeinsamen Mahl zusammenkamen und in der die meisten von ihnen auch schliefen. Ihre Halle war nicht mehr als ein schäbiger Stall gegen dieses bemerkenswerte Gebäude, das ausschließlich dazu diente, die Macht des Königs zu demonstrieren und um wichtige Beratungen oder Versammlungen abzuhalten. Die Fenster der Halle waren allesamt mit Glas bestückt, das kunstvoll gearbeitet und mit Ornamenten verziert war. Wahrscheinlich würde es im Innern der Königshalle selbst an Wintertagen weder düster noch kalt sein.

Der Edelherr betrat mit seinem Sohn die Kirche. Sie ließen das Treiben der Pfalz draußen, als sich die Tür hinter ihnen schloss. Im Gotteshaus waren sie allein und nur das dumpfe Klopfen der Zimmerleute auf dem Dach war zu vernehmen. Vater und Sohn strebten zum Altar, knieten demütig vor dem Kreuz nieder und begannen zu beten. Brandolf brachte jedoch nicht mehr als eine andächtige Haltung zustande. Seine Gedanken wollten nicht im Gebet verweilen, sondern schweiften stets zum Anlass ihrer Reise ab.

Beinahe ein Jahr war seit dem Angriff der Eiswölfe auf die Burg des Grafen Farold vergangen und noch immer war die Nachfolge des Herrensitzes ungeklärt. Rurik war nach wie vor Sachwalter der Ländereien seines verschollenen Neffen. Doch damit gab sich Rurik nicht zufrieden und strebte den Grafentitel und den vollen Besitz der Ländereien an. Aufgrund Brandolfs Berichts über die schicksalhafte Nacht des Angriffs, hatte Gerold vor einiger Zeit beim König um eine Audienz gebeten. Sie sollte ihm zum Osterfest gewährt werden und Gerold hoffte nun inständig den Herrscher davon überzeugen zu können, dass Rogar, der rechtmäßige Erbe der Grafschaft, noch am Leben sei und deshalb der Grafentitel niemals an Rurik vergeben werden dürfe.

Die Aussicht auf Erfolg war jedoch gering. Gerold war nur ein minderer Adeliger und seine Stimme hatte am Hofe des Königs bei weitem nicht so viel Gewicht wie die des Sachwalters einer Grafschaft. Zudem konnte niemand wissen, welche Machenschaften Rurik zu seinen Gunsten bereits in die Wege geleitet hatte und wie der König zu der Angelegenheit stand.

Am nächsten Tag war es schließlich soweit. Ein Gefolgsmann des Königs bestellte Gerold und Brandolf zur Audienz. Die beiden Krieger hatten sich schon am frühen Morgen ihre beste Gewandung angelegt und machten sich jetzt hoffnungsvoll auf den Weg zur hohen Halle, die sie nach kurzem Warten betreten durften.

Brandolf war sprachlos, als er durch den langen Saal zur gegenüberliegenden, halbrunden Exedra schritt. Wie bei einer Kirche, befanden sich an den beiden Außenwänden hochgelegene Fenster, die den Raum mit Licht durchfluteten. Obwohl die Sonne bereits für strahlende Helligkeit sorgte, waren zahlreiche Öllampen auf goldglänzenden Messinggestellen entzündet worden. Beeindruckt folgte Brandolf seinem Vater über den breiten Teppich, der bis zu den Stufen der Exedra ausgelegt war.

Die verputzten Wände der Halle waren mit farbenfrohen Malereien versehen, die schlanke Säulen mit Kapitellen und Sockeln sowie einfache Ornamente und Verzierungen darstellten. Viele von ihnen strahlten in prächtigem Purpur. Hoch oben schloss eine hölzerne Decke den Raum ab und verhinderte den Einblick in den Dachstuhl. Sie bestand aus vielen quadratischen Feldern, die mit großer Kunstfertigkeit bunt bemalt worden waren. Noch niemals hatte Brandolf eine solche Pracht und Lichtflut in einem Raum gesehen.

Nahe dem Eingang hatte sich eine kleine Zuhörerschaft eingefunden. Die meisten von ihnen waren Krieger oder Adelige, die nach der Gunst des Königs strebten. Brandolf entdeckte ihre Verbündeten unter ihnen. Ansonsten befanden sich im Saal nur noch einige Männer in der Nähe der Exedra, die entweder das größte Vertrauen des Königs genossen oder mit dem vorzutragenden Fall etwas zu schaffen hatten.

Einen dieser Männer erkannte Brandolf sofort. Es war Rurik, der unmittelbar vor der um drei Stufen erhöhten Exedra stand. Ganz oben befand sich nur ein Mann, der auf einem kunstvollen Sitz aus dunklem, geschliffenem Stein mit polierten Messingverzierungen saß. Es war König Otto, der von oben beobachtete, wie Gerold und Brandolf auf ihn zu kamen. Obwohl der Herrscher graues, schulterlanges Haar trug und bereits über vierzig Jahre zählte, wirkte er alles andere als alt. Im Gegenteil, seine Augen strahlten Jugend und Tatendrang aus, als würde er lieber heute denn morgen handeln, ganz gleich in welcher Angelegenheit. Ein einfacher, schmaler Goldreif zierte sein Haupt und ein dicker, purpurner Mantel umhüllte ihn. An seiner Seite trug er ein langes, breites Schwert zum Zeichen seiner Macht.

Als Gerold und Brandolf die Stufen erreichten, knieten sie nieder und warteten auf ein Wort ihres Herrn. König Otto ließ sie eine Weile warten, als wolle er zunächst abschätzen, wie er mit ihnen umzugehen hätte. Brandolf war angespannt, wie wahrscheinlich alle im Saal. Schließlich erhob sich die Stimme des Herrschers, laut und deutlich: „Seid willkommen, Edelherr Gerold, und auch Ihr, Brandolf. Seit drei Tagen genießt Ihr bereits meine Gastfreundschaft und habt geduldig auf meinen Ruf gewartet. Lange genug für solch getreue Männer. Erhebt Euch und tragt jetzt vor, was Eure Herzen belastet.“

Die Angesprochenen erhoben sich und Gerold begann seine Bitte darzulegen: „Mein König, wir ersuchen Euch wegen der Belange des verstorbenen Grafen Farold. Es ist Euch wohl bekannt, dass im Augenblick der hier anwesende Rurik als Sachwalter die Geschicke der Grafschaft lenkt. Bisher noch im Namen des einzigen Erbfolgers, Farolds Sohn Rogar. Da der Knabe allerdings seit dem Überfall auf die Burg verschollen ist, strebt Rurik selbst den Grafentitel an.“ Ein kurzer Blick auf Rurik zeigte Gerold, dass er aufmerksam zuhörte. „Einige treue Vasallen des verstorbenen Grafen sind allerdings der Meinung, dass Rogar noch am Leben ist und er als rechtmäßiger Erbe den Sitz des Grafen einnehmen sollte, sobald er die Schwertleite erhalten hat. So sieht es die Familienfolge seit jeher vor.“

König Otto erhob sich und kam langsam auf die Männer vor der breiten Treppe zu, blieb jedoch auf dem Podest stehen und schaute auf sie herab. „Es scheint mir, als habe ich diesen Vortrag schon einmal gehört, allerdings mit umgekehrten Positionen und Ansichten. Rurik hat sein Anliegen bereits vorgetragen. Doch da ich Euch schon vorher eine Audienz gewährt hatte, wollte ich beiden Parteien die Gelegenheit geben, sich als die mit dem berechtigten Anspruch hervorzuheben. Sprecht frei, wie es Euch beliebt, solange es diese Belange betrifft.“

Rurik ergriff mit bedrohlich polternder Stimme das Wort. „Beweist, dass der Junge noch am Leben ist, sofern Ihr es könnt, Gerold.“

„Beweist Ihr doch, dass er tot ist.“

„Ich danke Euch, dass Ihr danach fragt“, entgegnete Rurik.

Er machte eine Handbewegung, woraufhin ein Mann die Halle verließ. „Diesen Beweis erbringe ich nur allzu gerne.“

Es dauerte nicht lange und der zuvor entschwundene Mann kehrte mit vier weiteren zurück. In ihrer Mitte trugen sie eine Art großen, ledernen Sack, den sie vor dem Podest niederlegten. „Hierin befindet sich der Leichnam des Jungen, den Ihr zu finden hofft. Er bietet keinen schönen Anblick, doch der Tod hat nun mal kein liebreizendes Gesicht.“

Rurik öffnete den Sack eigenhändig, indem er das Leder auf beiden Seiten zurückschlug. Ein unbeschreiblicher Gestank entstieg der Hülle und Fliegen erhoben sich, als der Sachwalter den bis zur Unkenntlichkeit entstellten Leichnam eines Knaben präsentierte. Brandolf drohte, sich an Ort und Stelle zu übergeben, so unbeschreiblich war dieser Anblick. Er hatte schon viel Leid und den Tod auf Schlachtfeldern gesehen, doch die sterblichen Überreste dieses Kindes waren etwas anderes. Den meisten im Saal schien es ähnlich zu ergehen. Ihre anfängliche Neugier verflog und die Männer wandten ihre Blicke zur Seite. Hände wurden vor Nase und Mund gehalten.

König Otto hingegen blieb ungerührt und betrachtete den geschundenen Körper. Es sah aus, als sei der Knabe von einem Pferd überrannt worden. Der Schädel war zermalmt, das Gesicht unkenntlich und die Gliedmaßen mehrfach gebrochen und gequetscht. Die Augenhöhlen waren leer, als hätten sich Krähen bereits an ihrem Inhalt gelabt. Maden krochen über das verwesende Fleisch, versahen den toten Leib auf abstoßende Weise mit neuem Leben.

11 Kommentare

  1. …das lässt ja fast keine Fragen mehr offen. Wieder einmal ein sehr sympathischer Autor. Ich bin gespannt auf das Buch und die Diskussion mit Holger

  2. Diese Woche fängt ja gut an. Tolle Infos, ein interessantes Interview und ein “Spoiler” der nicht wirklich zu viel verrät. Die Spannung bleibt uns somit noch etwas erhalten. Gemeinsam schaffen wir das! Vielen Dank an BTOYA und Holger Weinbach.

  3. Lerchie

    Ich freue mich auch auf die Leserunde und auf die Diskiussionen mit Holger und anderen Lesern!

  4. Holger Weinbach

    Vielen Dank zunächst an BTOYA für diesen Blog-Beitrag. Ich freue mich schon auf die Kommentare und versuche auch hier im Dialog mit meinen Lesern zu stehen. Für Fragen, Anregungen und Kritik bin ich offen. Natürlich freue ich mich schon ganz besonders auf die anstehende Leserunde in meiner Gruppe. Das wird sicher ein interessanter Dialog und ich lade jeden herzlich ein, daran teil zu nehmen. Liebe Grüße und einen schönen Tag, Holger Weinbach.

  5. BTOYA

    Die erste Autoren-Lesung der “Eiswolf-Saga” in diesem Jahr:
    ___________________________________________

    Donnerstag, 22. April 2010, Beginn 18:30 Uhr
    Buchhandlung Volk, Marktstraße 23, in 74722 Buchen
    Eintritt voraussichtlich 4,- €
    ___________________________________________

  6. Holger Weinbach

    Nach der Osterzeit eine weitere Info:
    Nächste Lesung zum 1. Teil der “Eiswolf-Saga”:

    Donnerstag, 22.04.2010, 18:30 Uhr
    in der Buchhandlung Volk
    Marktstraße 23, in 74722 Buchen
    Eintritt 4,- €
    Würde mich über jeden Zuhörer freuen …

  7. Die Eiswolf-Saga: Brudermord von Holger Weinbach ***** (4/5)…

    Broschiert: 300 Seiten Verlag: Acabus Verlag; Auflage: 2. Aufl. (4. Februar 2010) Sprache: Deutsch ISBN-10: 3941404393 ISBN-13: 978-3941404397 Preis: 15,90 € Ein Angriff auf die Greifburg mitten in der Nacht, verändert das Leben aller auf dieser Burg. …

  8. Holger Weinbach

    Die gestrige Lesung war eine sehr nette Veranstaltung. Die Resonanz war positiv und ich hatte eine Menge Spaß in meiner Heimatstatt ein paar Abschnitte meines Romans zum Besten zu geben. Wer das Feedback eines Zuhörers lesen möchte:
    http://tinyurl.com/25dnu7g

  9. Holger Weinbach

    Ich freue mich sehr über die neueste Rezi bei LB von einem geschätzten Kollegen. Mehr hierzu unter:

    http://www.lovelybooks.de/autor/Holger-Weinbach/Die-Eiswolf-Saga-Brudermord-218666918-w/

  10. [...] Holger Weinbach ~ „Brudermord“ 1. Teil der Eiswolf Saga Liebe, Intrigen, Freundschaft und Verrat vor der farbenprächtigen Kulisse des Mittelalters – die mitreißende Geschichte des jungen Waisenknaben Faolán, der im Reich König Ottos I. als Novize eines Benediktinerklosters aufwächst, unwissend, welches Schicksal ihm bevorsteht … Bei lovelybooks findet ihr dazu einen ausführlichen Bericht + Leseprobe – klick [...]

  11. Holger Weinbach

    Liebe Leser,
    endlich ist es so weit. Der 2. Band meiner historischen Romanreihe “Die Eiswolf-Saga” mit dem Titel “Irrwege” ist erschienen. Die Geschichte um Faolán, Svea und Konrad wird fortgesetzt, es tauchen aber auch neue Charaktere auf. Ich hoffe Eure Erwartungen nicht zu enttäuschen und wünsche Euch viel Spaß mit dem Buch.
    http://amzn.to/aB51hJ

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