Eindrücke von meinem 3. Tag auf der Buchmesse Leipzig

Mein 3. war leider auch gleichzeitig mein letzter Tag auf der Messe und ich habe nochmal intensiv jede Stunde genossen. Inzwischen weiß ich auch im Schlaf, wo ich was finde und wie ich dort am besten hinkomme, so dass ich heute richtig viele Lesungen hören konnte.

Als erstes hab ich Joachim Gauck gelauscht, der viel mehr aus seinem Leben zu erzählen hat als „nur“ von der Aufarbeitung der Stasi-Vergangenheit. Seine Erinnerungen tragen den Titel “Winter im Sommer – und Frühling im Herbst”. Und obwohl er äußerlich nicht mehr der Jüngste ist, hat er frisch und lebendig erzählt und ich hab ihm richtig gern zugehört.

Danach bin ich zu meinem geliebten blauen sofa, um Philipp Tingler zu lauschen. Über seine Bücher bin ich am kein & aber Stand gestolpert, ich hatte aber vorher noch nichts von dem Autor gehört. Schaut Euch das Foto an: Habt Ihr Euch so einen Harvard-Absolventen vorgestellt?

Philipp Tingler auf der Buchmesse Leipzig 2010

Ich auch nicht. Und genau so interessant war es denn auch, ihm zuzuhören. In seinem Roman „Doktor Phil“ hat er einen Teufel kreiert, der sich Sorgen macht über die Qualität der Literatur. Gesellschaftskritik mal anders :)

A propos anders, der nächste Autor war mehr als skuril. Helge Timmerberg hat von seiner ausgiebigen Drogenvergangenheit erzählt und davon, dass er heute noch lieber Haschisch zu sich nimmt als Alkohol. Auch seine Reisegeschichten erschienen mir teilweise etwas fantastisch … obwohl er beteuert, nur 7% dazuzudichten. Scharf war, wie die distinguierte Luzia Braun in diesem Interview aus sich rauskam. Ich sag nur „Sind Sie so ein Macho wie Sie sich auf dem Titelbild geben? In den Kapiteln sind Sie ja oft eher ein Idiot…“ oder „Sind Sie auch in Liebesdingen ein Nomade oder nur beim Reisen?“ Timmerberg’s Antwort auf Letzteres war übrigens „Da bin ich ja nicht der Einzige…“ Das war ein wirklich unterhaltsames Interview. Schaut Euch die beiden an, die hatten Spaß:

Helge Timmerberg auf der Buchmesse Leipzig 2010

Jana Hansel schien mir bei der ZEIT fast unwillig, interviewt zu werden. Seltenst hat sie den Moderator angeschaut und ein freundliches Gesicht sieht anders aus. Inhaltlich fand ich es ganz gut, wie sie sagte, es sei Zeit, über das Heute zu sprechen und nicht immer wieder die gleichen Mauerfallgeschichten zu wiederholen. Aber warum so griesgrämig?

Josef Wilfing dagegen hatte allen Grund, düster zu schauen. Er ist pensionierter Kriminalbeamter aus München und hat über seine eigenen Fälle geschrieben. Als er aus dem Kapitel „Habgier“ vorgelesen hat, wurde mir ganz anders. Darin bringt ein Polizist ein Paar um und das wird recht detailliert und sachlich beschrieben. Sehr gruselig! Der Autor hat nicht das größte Lesetalent, aber wenn das ein guter Sprecher in die Hand kriegt, will ich das nicht nachts bei Gewitter hören! Brrr…

Nach all der harten Kost hab ich mich zu den Teenies gesetzt und Peyman Amin gelauscht. Das war mal eine nette halbe Stunde, mit wenig Inhalt und viel Entertainment. Muß auch mal sein :D

Binnen weniger Minuten hat sich dann glaub ich das gesamte Publikum außer mir vor’m blauen sofa ausgetauscht, um dann Tahar Ben Jelloun zu lauschen. Ein marrokanischer Autor, dessen Name immer wieder bei den Spekulationen um Nobelpreisträger genannt wird. Mit “Zurückkehren” hat er eine Familiengeschichte geschrieben und mußte natürlich einige Fragen zur Rolle des Islam beantworten. Mir hat er gut gefallen.

Von da bin ich zum ARD-Forum gewechselt und hab Martin Suter verfolgt, wie er in langsamen Schwyzerdeutsch von seinem neuen Roman „Der Koch“ erzählt hat. Daß er beim Schreiben ein paar Kilos zugenommen hat, macht ihn sympatisch. Aber ganz unaufgeregt meinte er, er nähme immer beim Schreiben zu und danach wieder ab. Nett fand ich wie er beschrieb, dass er all seine Protagonisten gern hat. Er meinte, man kann sich nicht in andere hineinversetzten. Statt dessen habe man von allen anderen auch etwas in sich und dass sei eine gute Voraussetzung, dass man alle Menschen mag. Schön fand ich auch, wie er beschrieb, dass er jedes 2. Jahr ein Buch herausbringt: „Ein Jahr schreibe ich und ein Jahr nicht. Also eigentlich ist das ein Halbtagsjob“ ;)

Martin Suter auf der Buchmesse Leipzig 2010

Zum Abschluß hab ich Denis Scheck zugehört, wie er in 34min gefühlte 50 Bücher vorgestellt hat. Wie lange der wohl übt, bis er zu jedem Buch auf Knopfdruck 3 geschliffene Sätze sagt und manchmal dazu noch die richtige Stelle vorliest? Mich hat es wieder beeindruckt und meine Wunschliste ist noch ein Stück gewachsen.

Damit ist die Leipziger Buchmesse für mich zu Ende gegangen. Ich hoffe, Ihr Daheimgebliebenen konntet durch mich ein wenig Messeatmosphäre schnuppern :)

2 Kommentare

  1. sunlight

    Seufz, da wäre ich auch gern dabei gewesen! Krimimimi, du darfst du gern auf deinen vorletzten Absatz beziehen, ich habe die Atmosphäre der Messe und Interviews fühlen können.

  2. Ich konnte dieses Jahr nicht hinfahren und freue mich über den kompakten, interessanten Bericht. Dankeschön! :-)

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