“Wenn du wiederkommst” von Anna Mitgutsch

Anna Mitgutsch, die zuletzt mit ihren beiden Romanen „Zwei Leben und ein Tag“ (2007) und „Familienfest” (2003) sowohl die literarische Fachwelt als auch ihre Leser überzeugen konnte, legt mit „Wenn du wiederkommst“ ihr neues Buch vor.

Die Autorin, 1948 in Linz geboren, unterrichtete Germanistik und amerikanische Literatur an österreichischen und amerikanischen Universitäten, lebte und arbeitete lange in den USA. 1974 promovierte sie an der Universität Salzburg mit einer Dissertation über die englische Lyrik der sechziger Jahre zum Doktor der Philosophie. Sie ist heute wieder in Linz beheimatet und arbeitet als freie Schriftstellerin.

Kurz bevor die Leipziger Buchmesse ihre Pforten öffnet liegt seit heute der neue Roman von Anna Mitgutsch in den Regalen der Buchhandlungen zum Verkauf aus und wartet darauf, gelesen zu werden.

Einerseits handelt es sich beim nun vorliegenden Werk um eine umfangreiche Reflektion der Themen Tod und Trauer – andererseits ist es ein Buch über das Leben. Es spiegelt Emotionen und weist mehr Wege durch schwierige Zeiten als mancher optimistische und vor positiver Energie sprühende Roman der letzten Zeit.

Jerome und seine Exfrau gehen seit langer Zeit getrennte Wege und leben in unterschiedlichen Welten. Sie haben sich jedoch niemals aus den Augen verloren und sich, verbunden durch die inzwischen erwachsene Tochter, dazu entschlossen, es noch einmal miteinander zu versuchen.

Sie begeben sich auf die Suche nach einem gemeinsamen Land, einem gemeinsamen Haus und auf die Suche nach dem gemeinsamen Weg, den sie vor langer Zeit verlassen haben. Das ehemals gemeinsame Haus am Charles River in Boston ist nur noch Erinnerung, gleichzeitig aber Vision.

Die Liebe zueinander überstrahlt alle geführten Konflikte und Missverständnisse der letzten Jahre. Unmittelbar nach dem entscheidenden Treffen und kurz vor Beginn des neuen Lebens, endet ein altes. Jerome stirbt überraschend und lässt mehr als nur seine eigene Vergangenheit zurück.

Er hinterlässt eine nicht gelebte Zukunft.

Vor dem Hintergrund des gemeinsamen jüdischen Glaubens beschreibt „Wenn du wiederkommst“ eindringlich das Trauerjahr mit dem intensiven Lernprozess der Ich-Erzählerin, mit Verlust umgehen zu können, dem Organisieren der Trauerfeierlichkeiten, dem Sichten von persönlichen Erinnerungsstücken, der vorsichtigen Annäherung zwischen Mutter und Tochter und dem Auflösen des Haushalts eines geliebten Menschen. Und auf bizarre Weise thematisiert der Roman die Rolle und den Anspruch einer Trauernden, der man durch den Status einer geschiedenen Frau das Recht absprechen möchte, überhaupt trauern zu dürfen.

Es ist das Buch einer komplizierten Liebesgeschichte, eine Erzählung über den gescheiterten Wunsch, gemeinsam mit einem vertrauten Lebenspartner alt werden zu dürfen und ein Spiegelbild jeder Gesellschaft, in der Status die Voraussetzung für die eigene Lebensrolle ist. Anna Mitgutsch lässt ihren Leser nicht los, ebenso wenig wie die Witwe, die sich auf keinen Fall von den Anzügen ihres Geliebten trennen kann, loslassen will.

„Wenn du wiederkommst“ ist die still ausgesprochene Hoffnung auf ein neues Leben, das man gemeinsam zelebrieren sollte um vor aller Welt lieben und trauern zu dürfen. Dabei jedoch zugleich Anklage gegen alle Konventionen, in denen man nur dem äußeren Schein zu genügen hat, um seinen Platz im Leben zu finden.

Anna Mitgutsch liest am 19.03.2010 im Rahmen der Buchmesse Leipzig aus „Wenn du wiederkommst“!

Hier geht es zur Leseprobe und zur ausführlichen Rezension des Romans.

9 Kommentare

  1. Natas

    Anna Mitgutsch durfte ich in einer Lesung vor einigen Jahren erleben. Sie hat Ausstrahlung und schreibt einfach genial. Diese Vorstellung des neuen Buches ist sehr gelungen. Wenn du wiederkommst wird von mir gelesen und ich denke ich werde es einfach mögen. Das mit dem Zelebrieren ist sooooo schön.

  2. Ich muss lernen wie Kossi mir die Finger in die Ohren zu stecken und zu singen *lalalallaaaa* Wo bleibt der Lottogewinn!

  3. Zacharias

    Wie ihr das immer wieder macht. Am Erstverkaufstag gelesen, rezensiert und Artikel. Und dabei auch nie oberflächlich. Lesen werde ich das Buch mit Sicherheit. Der Blog ist ein starker Infoplace für alles rund um die Literatur. Bitte weiter so, Rail.

  4. Binea

    Ich bin gespannt auf Frau Mitgutsch auf der Messe und das Buch ist ein MUSS für mich.

    Super Beitrag ;o)

  5. Merleperle

    Lieber Mr. Rail, sag Ihr, dass ich ihr Buch immer in meinem Herzen bewahren werde. Sage ihr, dass ich es morgens nach dem Aufwachen begonnen habe und Spätmittags beendet habe, obwohl ich hätte arbeiten müssen, aber mich nicht trennen konnte von diesem eindringlichen Text. Sage ihr, dass ich es mit Sicherheit noch einmal oder noch zwei- oder dreimal lesen werde, um ihm gerecht werden zu können. Danke Dir und sag ihr auch DANKE von mir und meinem lesenden Herzen.

  6. Mr. Rail

    @ Merleperle:
    Verlass dich drauf – Anna Mitgutsch wird diese Zeilen von Dir lesen.

  7. Merleperle

    Auch wenn ich mich mit der jüdischen Kultur und Religion leider nicht genug auskenne, denke ich doch, dass dieser wunderschöne Roman eine Art Kaddisch darstellen könnte. Ein Kaddisch der Protagonistin zu Ehren ihrer großen Lebensliebe Jerome.

    Oder war alles nur eine Lebenslüge? Die Erinnerung, die Liebe, die Freundschaft, das ganze Leben?

    Was passiert, wenn die eigenen Erinnerungen im Schockzustand der Trauer auf nicht gekannte, oder verleugnete Realitäten stoßen?

    Kann man der eigenen Erinnerung überhaupt trauen, oder rückt man sie sich zu recht, verklärt sie? Und ist das überhaupt wichtig, was tatsächlich war, oder ist es nicht viel wichtiger, wie man es damals und heute empfunden hat. Und um wessen Realität geht es überhaupt? Um die der Anderen oder die Eigene?

    Was ist überhaupt Liebe? Gilt sie nur, wenn sie sanktioniert ist, wenn sie den geltenden Konventionen entspricht? Wann beginnt sie und wann endet sie, wenn sie überhaupt je endet. Hat man ein Recht auf diese eine Liebe, auch wenn man sie vermeintlich aufgegeben hat? Und wer verteilt dieses Recht? Wer hat überhaupt ein Recht auf Liebe?
    Die Ex-Frau und Mutter der gemeinsamen Tochter oder die letzte offizielle Gefährtin im Einklang mit den Familienmitgliedern?
    Der beste Freund (wer von den Akklamierten ist es eigentlich?), derjenige mit dem größten Anteil an gemeinsamer Lebenszeit oder derjenige mit den aktuellsten Anekdoten?

    Ja genau, was ist überhaupt Freundschaft? Was ist sie wert? Ist sie gewünscht? In diesem Roman war sie wohl immer Nebensache. Man war sich selbst genug. Zunächst in der Zweisamkeit, dann in der selbst gewählten Einsamkeit. Aber in der Stunde der Trauer, ist die Sehnsucht nach Freundschaft plötzlich da. Aber nicht der Freundschaft willen, sondern um sich gemeinsam erinnern zu können, um Halt zu finden in einer gemeinsamen Erinnerung.

    Und wie ist das überhaupt, wenn zwei Kulturen aufeinander treffen. Kann der eine seine Heimat für den anderen so einfach aufgeben? Kann man sich anpassen, der Liebe wegen, ohne sich zu verleugnen? Was ist mit der Sehnsucht nach den Wurzeln, zumal als Schriftsteller, der das Wort zum Leben braucht und die Erinnerung und die Kultur und überhaupt, was bleibt im Exil, auch wenn es ein Exil der Liebe ist?
    Und was, wenn es eben nicht nur die Hürde der zwei Kulturen (europäisch und amerikanisch) zu überwinden gilt, sondern viel schlimmer österreichisch/deutsch (?) und jüdisch-amerikanisch? In einer Zeit und zu einer Generation in der es noch gekannte und möglicherweise geliebte Opfer und Täter gab.

    Diese und viele mehr sind die Fragen, die die Erzählerin für mich aufwirft und glücklicherweise nicht beantwortet. Sie überlässt es dem Leser, seine eigenen Gedanken zu entwickeln. Und eigentlich müsste man einen Antwort-Roman auf diesen Roman verfassen, jeder für sich selbst.
    Aber wer verfügt schon über so eine unglaublich schöne Sprache, die sich wie Engelsflügel über unsere Leserseele erhebt und sich wie ein Adler unser Herz krallt. Wer schafft es schon die ewig Themen von Liebe und Verrat, von Leben und Tod, von Familie, Freundschaft und Einsamkeit und dem „Clash of Culture“ so ineinander verschmelzen zu lassen, dass man sich der Prägnanz und Aktualität gar nicht bewusst wird.

    Ich jedenfalls, habe dieses Buch morgens in die Hand genommen und erst Abends, fertig gelesen, wieder aus der Hand gelegt. Tränen überströmt und außer mir. Und HE, liebe Rezensenten: es geht hier nicht um damals verpasste Gelegenheiten!!!! Der Entschluss der Protagonistin Jerome zu verlassen, war folgerichtig, ebenso wie die Entscheidung nach 15 Jahren wieder einen Neuanfang zu wagen. Die konjunktiven Fragen der trauernden Erzählerin sind nur hilflose Flügelschläge einer Frau, die einen Traum hatte … und ihn endlich leben wollte – zweisam, bis zum Ende ihrer Tage … der Schlussakkord ist jedoch fried- und kraftvoll. Zwei Einsame werden endlich zwei gemeinsame Trauernde, zwei gemeinsam Erinnernde, werden endlich Mutter und Tochter, die um ihren Mann und ihren Vater trauen können und endlich auch los lassen können …
    Liebe Anna Mitgutsch – Vielen DANK

  8. [...] Moment in diesem Gespräch war die Übergabe eines Briefes der Userin Merleperle, die den Artikel zum Buch sehr umfangreich kommentierte. Frau Mitgutsch war mehr als überrascht über diese Art von [...]

  9. [...] diese direkte Rückkopplung zum Buch. Den Inhalt des Briefes kann man unter den Kommentaren zum Artikel [...]

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