“Die Nominierten sind” – gewinne Autogramme…

Zwei Wochen vor der Verleihung des renommierten “Preises der Leipziger Buchmesse” wurden gestern Abend im Münchner Literaturhaus die Nominierten der Kategorie “Belletristik” in einer exklusiven Preview vorgestellt. So kam es kurz vor der Juryentscheidung zu einem Stelldichein der “Shortlist-Autoren” auf offener Bühne. Das Gespräch mit den Autoren führten Gerwig Epkes vom SWR und Martin Zeyn vom Bayerischen Rundfunk.

Die gesamte Veranstaltung wurde von der Frage aller Fragen geprägt: “Wer erhält am 18.3. den begehrten Preis?”

Die Nominierten in der Kategorie “Belletristik” sind:

Jan Faktor mit »Georgs Sorgen um die Vergangenheit oder Im Reich des heiligen Hodensack-Bimbams von Prag« (Verlag Kiepenheuer & Witsch): ein amüsanter erotischer Entwicklungsroman über Widerstände, Schmutz und Schönheit.

Helene Hegemann mit »Axolotl Roadkill« (Ullstein Verlag): Plagiat? Jugendlicher Geniestreich? Auf jeden Fall der meistdiskutierte Debüt-Roman dieses Frühjahrs.

Georg Klein mit »Roman unserer Kindheit« (Rowohlt Verlag): ein autobiographischer und magisch-phantastischer Kind­heitsroman.

Lutz Seiler mit »Die Zeitwaage« (Suhrkamp): ein Buch über prägende Wendepunkte, das Groteske im Leben und unser häufig vergebliches Ringen um einen anderen Verlauf.

Und Anne Weber mit »Luft und Liebe« (S. Fischer Verlag): ein ironisches Spiel mit den Realitätsebenen und eine Geschichte von Liebe und Verrat.

Die siebenköpfige äußerst kompetent besetzte Fachjury hat nun die schwierige Aufgabe, bis zum Beginn der Buchmesse den Preisträger zu küren und die Vergabe mit salbungsvollen Worten zu begründen. Als Leser müssen wir uns hierbei fast blind auf das Juryurteil verlassen, erscheinen doch zwei der Preisaspiranten (Jan Faktor und Georg Klein) erst pünktlich zur Buchmesse. Ob sie bis dahin den Publicity-Vorsprung von Axolotl Roadkill aufholen können darf natürlich bezweifelt werden. Für die Jury ist dies allerdings kein Hinderungsgrund, ein neutrales Urteil zu finden.

Zur Abgabe der eigenen Stimme ruft auch unsere Redaktion in einer besonderen Aktion von LovelyBooks auf!

Darüber hinaus haben wir eine weitere Möglichkeit, unsere Stimme abzugeben. Unter dem folgenden Link zur Buchmesseseite kann man unter “Voting und Gewinnspiel” für seinen persönlichen Favoriten voten und sich den Zwischenstand der Lesermeinung anschauen. (Nur im Vertrauen – Die Zeitwaage führt gerade deutlich…) Als Hauptpreis für die Teilnahme winkt ein Buchpaket der “Buchmesse Leipzig” mit allen nominierten Titeln.

Bewaffnet mit Netbook, Kamera und gemeinsam mit LovelyBooks-Mitglied “Wölkchen” hatte ich das Vergnügen, der Veranstaltung in der ersten Reihe des Pressebereiches folgen zu können. Vor 300 Gästen entwickelte sich die Präsentation der Nominierten zum literarischen “Schaulaufen der Meister”.

Die einzelnen Präsentationen Belletristik:

Anne Weber

In einem früheren Interview hat Anne Weber auf die Frage „Was wünschen sie sich“ geantwortet: „Eine Tafel Schokolade, dann wird alles gut.“ Gerwig Epkes überreicht ihr prompt diese Tafel und es wurde alles gut! Die Autorin spricht überzeugend von ihrer Vorgehensweise und ihrer Motivation zu schreiben. Sie folgt Goethes Beispiel, sich in eine andere Sprache zu flüchten, wenn es in der Muttersprache kompliziert wird. Ihre Romane verfasse sie immer sowohl in deutsch als auch in französisch – das schaffe auf radikale Weise die notwendige Distanz. Ein Schreiben unter der Lupe quasi und die unerbittlichste Form der Konfrontation mit dem eigenen Schreiben. Anne Weber schildert ihren missratenen Versuch, das Buch nicht in der Ich-Erzählerperspektive verfasst zu haben. Sie wollte zusätzliche Distanz durch die Erzählweise in der Dritten Person gewinnen. Das Manuskript habe sie verworfen, jedoch an Lea, der Protagonistin dieser Fassung festgehalten, um sie als Stilmittel in heiklen Situation aus dem „Mülleimer“ dazwischenplappern zu lassen. Aus ihrer Sicht geht es in „Luft und Liebe“ nicht um die Frage, was Liebe ist – es gehe viel mehr um die Sehnsucht nach Liebe als um die Liebe selbst. Anne Weber hat sprachlich beeindruckt und die Zuhörer in ihren Bann gezogen.

Jan Faktor

Das nominierte Buch „Georgs Sorgen um die Vergangenheit oder Im Reich des heiligen Hodensack-Bimbams von Prag” liegt selbst dem Autor bei der Präsentation nur als Druckfahne vor und man tappt bisher im Dunkeln über Inhalt und Intention. Licht ins Dunkel zu bringen ist also das Ziel dieser Buchvorstellung. Faktors Protagonist Georg sei als autobiographischer Kunstgriff zu verstehen, der nicht Faktor im Maßstab 1:1 sei, aber schon so real daherkomme, dass es dem Autor unvorstellbar wäre, dass seine inzwischen verstorbene Verwandtschaft dieses Buch jemals in die Hände bekommen hätte. Er beschreibt das Prag der 70er Jahre, den kulturellen Verfall einer Stadt im Kommunismus und die damit verbundenen menschlichen Enttäuschungen. „Es war nicht schön, jung zu sein“ fasst Faktor sein Seelenleben zusammen und beschreibt die Flucht nach Ostberlin und den Wechsel in die deutsche Sprache als fast lebensrettend. Er schildert den latenten sozialistischen Antisemitismus bewusst indirekt und erzielt damit eine ganz besondere Wirkung. Den Überlebenden des Holocausts kommen die Einschränkungen des Lebens in dieser Stadt im Umbruch zur Zeit des Prager Frühlings und der Besetzung des Landes durch Sowjettruppen schon als Geschenk vor. Nach fast 25 Jahren der Arbeit an seinem Roman sei der Hass auf diese Zeit verflogen, so Faktor. „Das Buch habe ich mit Liebe geschrieben.“ Das merkt man ihm an.

Lutz Seiler

Im Erzählband „Die Zeitwaage“ erzählt Lutz Seiler in dreizehn Geschichten von Kindheit, Entwicklung und dem unvermeidlichen Erwachsenwerden mit all seinen Konflikten. Die kunstvolle Reflektion seiner Vergangenheit bezeichnet er als die glückliche Möglichkeit, sich literarisch ein ganzes Leben „zusammenzuerinnern“. Er berichtet in diesem Zusammenhang, erzählend von einem archetypischen Hausmeister, der verlorene Gegenstände in der Schule erst dann herausgab, wenn man ihn so eindeutig beschreiben konnte, dass jeder Zweifel ausgeräumt war. Der hierbei zu betreibende Aufwand, um auch nur den eigenen Turnbeutel zurückzuerhalten kann möglicherweise Ursache für die heutige Präzision in der literarischen Beobachtung des Schriftstellers Seiler sein. „Der Turnbeutel ist mir heute näher als das Kind , das ihn besaß“, so Seiler. Eigentlich hätte er das Buch gerne Kapuzenkuss genannt, aber er sieht auch, dass der gewählte Verlagstitel „Zeitwaage“ aus seiner Sicht wirklich gut zum Buch passt. Sei doch ebendiese Waage ein Instrument des Uhrmachers, mit dem alle Hemmungen und Schwankungen der Zeit gemessen werden können. Und diese kommt den Erzählungen aus der Kindheit sehr nah. Der Autor lebt seine Geschichten auch vorlesend und hat mit seinen Erinnerungen einen Glücksgriff zu Papier gebracht.

Helene Hegemann

Die umstrittene Autorin von „Axolotl Roadkill“ liefert mit ihrem Auftritt ausreichend Zündstoff, um den Lesern der Printmedien anschließend zum Fraß vorgeworfen zu werden. Sie wirkt fahrig, nervös, verhaspelt sich in der Beantwortung von Fragen und kann dem Gespräch teilweise nicht folgen. Auf die konkrete Frage zu den Plagiatsvorwürfen antwortet sie: „Egal was ich sage, es wird gegen mich verwendet“ und spricht in der Folge auch von einer Hasskampagne der Medien, die sie nicht nachvollziehen könne. Es ist schwer zu glauben, dass man es mit einer jungen Erfolgsautorin zu tun hat, die sich dort auf der Bühne präsentiert. Dann aber, wenn sie zum zentralen Thema ihres Buches kommt wird sie sicher und brillant, sie wird Stimme gegen die Verwahrlosung Jugendlicher und rebelliert gegen die festgefahrenen Standardwege systemkonformer Rebellion – sie will eigene Wege gehen und lässt ihre Protagonistin Mifti diese Wege beschreiten. Hegemann schildert keine autobiographische Geschichte, sie erzählt um zu unterhalten, sie glaubt, am Besten über Dinge schreiben zu können, die nicht selbst erlebt sind.

Und trotzdem bleibt nach der, im „Formel 1 – Tempo“ vorgetragenen Lesung einer Textpassage aus dem Buch ihr Satz im Raum stehen: „Ich glaube, ich verrenne mich… ich sollte aufhören.“ Ich habe den Eindruck gewonnen, dass die Autorin Opfer ihrer eigenen schöpferischen Montagemethode wurde und nun allen Nuancen eines Medienhypes mehr oder weniger hilflos ausgesetzt wird. Die Revolution frisst ihre Kinder – könnte man sagen – aber allein die Nominierung ist ein deutliches Zeichen der Jury, dass die Arbeit der Autorin differenziert betrachtet wird.

Georg Klein

Nach 15jährigem geduldigen Warten auf einen Verleger (wobei die Geduld vom Autor eher in den Bereich der Legende verwiesen wird) legt Georg Klein seinen druckfrischen „Roman unserer Kindheit“ vor. Die Struktur der Geschichte ist definiert von der Überlagerung historischer und selbst erlebter Bilder, die beim Leser wieder einen ganz eigenen Eindruck hinterlassen. Dabei mahnt Klein „Vorsicht – Zeitgeschichte ist ein gefährlicher Partner und die Literatur läuft Gefahr, Sphäre 2. Ranges zu werden, obwohl sie eine eigene Sphäre ist“. Die Erzählperspektive scheint ein Geheimnis zu sein. Klein weist darauf hin, dass der geheime Erzähler ausschließlich von Leserinnen erkannt wird, während Männer am Ende des Buches noch im Ungewissen sind – ich denke, dies ist Aufruf genug, das Gegenteil zu beweisen. Epkes bemängelt, dass der Witz im Roman nicht pointiert zum Punkt kommt, worauf Georg Klein verschmitzt erwidert „ Herr Epkes, nicht an den Stellen, die sie erwarten“ und hat auch hier die Lacher auf seiner Seite. Der Autor betrachtet die Pointe als Chance, so richtig abzuräumen, sieht aber auch die Gefahr, dass ein Roman, der wie ein Witz konstruiert ist wie Knallfroschpoesie am Ende sehr schnell verpufft. Dies ist beim Roman unserer Kindheit bestimmt nicht der Fall.

Ich habe einen Favoriten, den ich allerdings nicht verraten werde. Aber ich vote für ihn bei der neuen Aktion von LovelyBooks.

Der Preisträger steht noch nicht fest – erst eine Stunde vor der Preisverleihung am 18.3. wird er in einer letzten Jurysitzung gekürt. Wir dürfen gespannt sein.

Wer hier einen eigenen Tipp in Form eines Kommentars abgibt, hat bis Freitag 15:00 Uhr die Möglichkeit an einer kleinen Verlosung teilzunehmen. Als Preis winkt ein Programmheft der „Nominierten 2010“ mit kurzen Leseproben und den Autogrammen der fünf Autoren. Auf jeden Fall ein Unikat!

DIE Gewinnerin ist SONJA – herzlichen Glückwunsch;-)

10 Kommentare

  1. Sonja

    Mein Tipp Helene Hegemann

  2. Büchermädchen

    eine schöne übersicht! meine stimme geht an….!! *verratichnicht* ;)

  3. Krimimimi
    Krimimimi

    Tolle Vorstellung der Nominierten Belletristik-Titel. Hat mir richtig Lust gemacht, mich mit den ganzen 15 “Kandidaten” näher zu beschäftigen und bin jetzt noch viel gespannter, wer in Leipzig wohl die Gewinner werden – und warum.

  4. …sind wir überrascht, wenn der Gewinner gekührt wird.
    Ich glaube nicht.

    Hegemann wird für mich immer mehr zum No Go… Und das nicht nur wegen des kopieren Könnens. Mir gefallen ihr Phrasen nicht!

  5. Solifera

    Ich würde auf »Luft und Liebe« tippen.
    Aber wenn Hegemann gewinnt, naja … es gibt ja genug Spekulationen um das Buch…

  6. *Wölkchen*

    Es war wirklich eine gute Veranstaltung mit zum Großteil sehr interessanten Gesprächen. Spannend zu beobachten, wie einerseits die Moderatoren und andererseits die Autoren auf unterschiedliche Art und Weise an Fragen und Antworten herangegangen sind. Höhe- und Tiefpunkte gab es auf beiden Seiten. Für mich war die beherrschende Frage des Abends weniger, wer letztendlich den Preis bekommen wird, sondern die in jedem Gespräch gestellte Frage, wie autobiographisch der jeweilige Roman denn nun ist. Hier war es gerade Helene Hegemann die es wagte, die provokante Gegenfrage zu stellen, warum das denn überhaupt so wichtig ist und immer wieder gefragt wird…
    Aufschlussreich in jedem Fall, dennoch ist mein Favorit der gleiche wie bereits vor der Veranstaltung.

  7. Mr. Rail

    Hallo, Kommentatoren;-))
    Mein Border Collie Schneeflocke hat eben unter (ähm) nicht-notarieller Aufsicht eine kleine Verlosung durchgeführt.

    And the Winner is……

    TUSCH
    Sonja….

    Ich hoffe, die Gewinnerin meldet sich, damit ich ihr die Autogramme zuschicken kann. Schönes Wochenende, Raily

  8. Sonja

    Hallo!

    Ich freue mich sehr über das Programmheft mit den Autogrammen der Autoren.

    Ein dickes Dankeschön an Raily*lovelybooks*

    Herzliche Grüße von Sonja und ein schönes Wochenende

  9. Glückwunsch :-) )

  10. [...] wenigen Minuten hat die prominent besetzte Jury den Gewinner des diesjährigen “Preises der Buchmesse Leipzig” bekannt gegeben. Am Eröffnungstag der Messe versammelte sich das Who-is-Who der Literaturbranche [...]

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