Auf der Suche nach neuen Sängern, Tänzern oder Models wird die deutsche Fernsehlandschaft mit eintönigen Castingshows überflutet. In der Schweiz ist man da kreativer: Dort wird das neue Schreibtalent gesucht. Leider nur fiktiv. Das Castingformat ist genauso erfunden, wie Romanheldin Mimosa Mein – die auffallende Parallelen zu Helene Hegemann aufweist. Zufall?
Auf Pro7 hat man gerade die neuesten Popstars gekürt und schon flimmert auch DSDS wieder über die Mattscheibe. Samstag für Samstag liefern talentierte Kandidaten eine große Bühnenshow und werfen dankbaren Klatschreportern frisches Futter vor die Füße.
Auch Heidi Klum steht schon wieder ungeduldig in den Startlöchern, um ein neues Model für Deutschland C&A, Katjes und den Joghurt mit der Buttermilch zu finden.
Zwischendurch werden auch noch Tanztalente gefördert oder Schauspielern winzig kleine Rollen in einem Twilightfilm angeboten.
Und demnächst kommt der Englandimport X-Faktor zu uns, der die talentierte Sängerin Leona Lewis groß herausbrachte. Für alles, was bis dato noch nicht abgedeckt wurde, gibt es dann Das Supertalent. Ob Mensch, Hund, Artist oder Pianist. Hier bekommt jeder eine Chance, der laut ist oder sich bewegen kann.
Das DSDS für angehende Autoren
Aber was ist mit den eher ruhigeren Talenten, die ganz andere Töne anschlagen – den Schriftstellern zum Beispiel? Ließe sich dieses Können nicht auch gewinnbringend vermarkten? Warum gibt es so eine Show noch nicht? Glaubt man dem Klischee, dass Autoren oder angehende Autoren eher introvertiert, graumausig und kamerauntauglich sind? Oder hält man Literatur trotz Stephenie Meyer, JK Rowling und Frank Schätzing für nicht mainstream-mäßig genug?

Bildquelle: schreibstar.tv
Ich könnte mir so ein Format auf jeden Fall gut vorstellen. Ein Casting, indem man Kandidaten mit Fragen zur Sprache und Literatur geschickt aussiebt. Etwa “Wann wurde Goethe geboren?” oder “Was ist eine Prämisse?”
Am Ende bleiben dann zehn Hoffnungsträger übrig. Getreu DSDS, der Mutter aller Castingsendungen, wird es dann zehn Mottoshows geben (wie kreativ). Zehn Elemente einer funktionierenden Story werden vorgegeben, die die Kandidaten Runde für Runde zum Leben erwachen lassen.
Zum Beispiel: Einleitung und Vorstellung der ersten Figuren – Protagonist trifft auf Fremden – ein magischer Handlungsort – etwas liegt im Argen – es ist dunkel und die Gefühle brechen hervor etc.
Die Aufgaben können in der Woche bearbeitet werden. In den Shows selbst wird das Geschriebene dann kurz umrissen und mit kleinen Filmchen auf der Leinwand untermalt. Dazu gibt es natürlich eine Leseprobe. Die Jury, bestehend aus Elke Heidenreich, Charlotte Roche und Sebastian Fitzek, gibt dann ein kompetentes Urteil in Sachen literarische Qualität, Vermarktungschancen und Spannung ab. Und der Zuschauer entscheidet natürlich, wer rausfliegen muss.
Am Ende bleibt ein Kandidat übrig, der seine Geschichte als Roman veröffentlichen darf oder aber die Chance hat, ein Drehbuch für eine sendereigene Filmproduktion zu schreiben.
Das wäre doch unterhaltsam, oder?
Milena Moser zeigt, wie es geht
Das hat sich auch die Autorin Milena Moser gedacht und ein ähnliches Konzept für eine solche Castingshow entwickelt. Allerdings nicht für die großen TV-Sender, sondern “nur” für ihren Roman “Möchtegern”.
Die Sendung darin heißt Die Schweiz sucht den SchreibStar. In der Jury sitzt die bekannte fiktionale Schrifstellerin Mimosa Mein, die Literaturkritikerin Michelle Schlüpfer und ein Verleger.
Wie genau die Castingshow dann abläuft, weiß ich nicht. Ich habe das Buch leider noch nicht gelesen. Ich weiß nur, dass der Gewinner am Ende einen Aufenthalt in der Schreibfabrik gewinnt, um sich dort von Möchtegern zum echten Autor ausbilden zu lassen.
Mimosa Mein ist die Protagonistin dieses Romans. Und ihre Schriftstellerkarriere weist erstaunlich viele Parallelen zu einer uns allen bekannten Autorin auf. Mit 17 veröffentlichte sie ihren ersten Roman, der mit vielen sexreichen und erotischen Szenen gespickt ist, obwohl sie zu der Zeit noch Jungfrau war. Die entsprechenden Szenen schrieb sie einfach irgendwo ab. Jawohl, sie klaute. Dazu kommt noch, wer hätte das geglaubt, dass einer ihrer Romane den Titel “Roadkill” trägt.
Dass die Autorin sich nicht von dem Hegemann-Skandal inspirieren lassen konnte, ist logisch. Das Buch ist erst seit Anfang Februar auf dem Markt.
War es vielleicht andersrum? Mutmaßungen, Spekulationen … man weiß es nicht!
Casting im kleinen Rahmen
Aber zurück zum Thema.
Etwas wie eine virtuelle Castingshow hat Milena Moser auch gleich ins Leben gerufen. Am Ende ihres Romans gibt es kleine Schreibaufgaben, die regelmäßig auf dieser Homepage präsentiert werden. Unter allen, die einen Text aus eigener Feder absenden, wird ein eintägiger Aufenthalt in der Schreibschule der Autorin verlost, die sie gemeinsam mit Sybille Berg führt.
Das ist zwar nur ein kleiner und sehr anonymer Rahmen, stellt für den ein oder anderen aber sicher eine Chance dar.
Und wer weiß, vielleicht ist dieses Buch ja wirklich ein Anstoß für eine große Show im entfernten Poetry-Slam-Stil – und bitte zur besten Sendezeit!


[...] Die Autorin Milena Moser hat für ihren Roman “Möchtegern” eine Autoren-Wettbewerb fürs Fernsehen geschaffen. Wie sieht das in der Realität aus? Bräuchten wir neben DSDS, Popstars, Germanys Next Topmodel und Co. nicht auch eine Castingshow für Schreibtalente? [...]
Das wäre, wenn es das wirklich gäbe, schrecklich.
Denn dann würden sich ein paar hundert oder tausende bewerben, davon würden dann zuerst hundert, später fünfzig, dann zehn ausgesucht und zuletzt bleibt mit Publikumsbeteiligung einer über, der dann kurzfristig wie zu. Beispiel Helene Hegemann ect. hochgepusht wird.
Seien wir froh, daß es das nur in Buchform gibt, es gibt ohnehin schon genug Formen des Literaturbetriebs, wie den Bachmannpreis, wo nach irgendwelchen Kriterien einer oder zwei, drei ausgesucht werden, während die anderen sich selbst ihre Schreibseminare bezahlen, zu Zuschußverlagen oder Book demand gehen und im besten Fall unbeachtet vor sich hinschreiben…
Ich weiß nicht, ob ein Leser auf der Bühne wirklich Spannung auslösen kann – und Familien um den Fernseher versammelt. Aber wenn es so wäre und wenn es das ist, was mehr Leute wieder zum guten alten Buch treibt, dann gäbe es doch einen Sinn, oder?
Ich glaube kaum, dass die Zuschauer, ein Mainstream-Publikum, eine Hegemann wählen würde.
Ganz im Gegenteil, ich glaube sogar, dass es hier am Ende sogar mal die richtigen Leute gepusht werden könnten.
Liebe Lilly
Die Leute würden dann vor dem Fernseher sitzen statt zu lesen, ich glaube aber auch, daß der Leser und das Lesen dem Fernsehen nicht soviel Erfolg verspricht, so daß die Casting Show meiner Meinung nach zum Glück, ein Buch nämlich das der Milena Moser bleiben wird.
Und daß die richtigen Leute gepusht werden würden?
Das zeigt vielleicht eine Aktion, wie die Wahl des Hörspiels des Jahres, die vorige Woche in Österreich passiert ist, die Kritiker wählen das anspruchsvolle Hörspiel, das Publikum eine Joseph Roth Adaptierung…
Ich kenne Joseph Roth nicht und ich habe auch von Hörspielwahlen keine rechte Ahnung. Aber glaube, das Publikum hat immer Recht – oder anders, ich persönlich würde ihnen immer Recht geben.
Vom Geschmack diverser Kritiker wurde ich nicht nur einmal enttäuscht.
Von vielen begeisterten Mainstreamstimmen allerdings weniger.
Vielen Dank für diesen Beitrag. Und so wird man auch auf weniger medienträchtige Neuerscheinungen aufmerksam. Vielleicht wäre ein Direktlink zu Amazon hilfreich
Auf jeden Fall landet das Buch jetzt auf meinem Merkzettel.
[...] under Gute Romane, Lesen & Schreiben, Roman Leave a Comment Lilly machte mich in ihrem Artikel bei Lovelybooks auf dieses Buch [...]
Hallo,
eine ähnliche Thematik wird in dem Roman “Stars & schreib’s” von Valentin Sopher behandelt (erschienen November 2009 im August von Goethe Literaturverlag). Auch hier geht es um eine Casting-Show, die nach neuen Autoren sucht. Allerdings steht weniger die Show, sondern stehen vielmehr die Beiträge im Vordergrund, die sich allesamt darum drehen, dass Leben außerhalb dessen, was allgemein als normal, denkbar oder wünschenswert angesehen wird, möglich ist. Ein Finalist spricht dabei ein Tabuthema an, anhand dessen der Autor Fiktion und Realität verschmelzen lässt.
Es kommt ja immer ein bisschen auf die Wahl der Mittel an. Literatur der breiten Masse zugänglich zu machen, fände ich grundsätzlich ziemlich gut. Melodien sind nur so viel leichter zu vermitteln …
Casting show für Hobbyautoren… mhmm, eigentlich keine schlechte Idee.
Ich selbst habe der Glotze abgeschworen und den blöden Fernseher auf den Wertstoffhof verbannt. Ich bin der Meinung, dass Talk Shows, Casting Shows, Serien und was es noch alles gibt das Gehirn der Leute verstopft und zwar mit einen Haufen Scheiße. Es raubt einen die Zeit sein eigenes Leben zu leben. Doch wenn es eine Möglichkeit gäbe, Die Leute zur wunderbaren Welt der Literatur zu bewegen, ihnen zu zeigen, wieviele Geheimnisse sich in ihr verbergen, welche Kraft sie auf dich ausüben kann zurück zur Fantasie, Kreativität und der Gewinnung des eigenständigen Geistes zu finden. Das wäre doch ein traumhafter Gedanke. doch wird es meiner Meinung auch nur ein Traum bleiben. denn die Medien möchten natürlich nicht die Leute zur steinzeitlichen Literatur zurück führen. Das würde ja heißen das der Mensch endlich merken würde, wie hohl sein Hobby ist, was er tagtäglich in seiner stickigen Bude als dessen betrachtet, während die Scheiße- Produzenten einen haufen Kohle verdienen.