Thaddeus, die Fliege und das große Grübeln

Passend zum ungemütlichen Wetter ist im Eichborn Verlag diesen Monat mit Thaddeus und der Februar das Romandebüt von Shane Jones erschienen.

'Thaddeus und der Februar' von Shane Jones

Klappentext

Viele hundert Tage schon währt die kalte Herrschaft des Februars: Der Wechsel der Jahreszeiten ist außer Kraft gesetzt, finstere Priester patrouillieren, Papierdrachen dürfen nicht mehr zum Himmel aufsteigen, Kinder verschwinden im Wald. Traurigkeit legt sich über die Stadt wie der Schnee, der endlos fällt, doch die Erinnerung an warme Tage lebt weiter. Die Stadt beschließt, in den Kampf zu ziehen, den Winter zu besiegen, und Thaddeus, der Ballonfahrer, soll ihr Anführer sein. Doch dann stößt Thaddeus in einer Hütte am Waldrand auf den Februar selbst – und es ist ein Mann, der eine Geschichte schreibt: die Geschichte der Stadt…

Im amerikanischen Original (LIGHT BOXES) gerade mal in einer Auflage von 500 Exemplaren veröffentlicht, wurde aus dem anfänglichen Geheimtipp schnell ein Hit – spätestens seit sich Spike Jonze, Regisseur von Being John Malkovich und Wo die wilden Kerle wohnen, die Filmrechte sicherte.

Vergleiche mit Walt Disney und Roald Dahl kamen auf. Ein surreales, poetisches Märchen, heißt es. Begeisterung wohin man sieht. Sogar mit Alice im Wunderland – eines meiner allerliebsten Lieblingsbücher – wird ‘Thaddeus’ in einem Atemzug genannt. Und was mache ich? Lese das Buch und denke mir: Ja, wirklich unglaublich bildstark und intensiv. Aber den tieferen Sinn verstehe ich nicht. Etlichen Kritikern ging es da wohl ähnlich, zumindest wagte sich kaum jemand an eine Interpretation des Buches heran.

Als ich dann auch noch in einem Interview mit dem Autor gelesen habe, dass er glaubt, dass Schriftsteller selbst nicht wirklich verstehen, was sie schreiben, dachte ich mir, ich hake einfach mal bei denjenigen nach, die ‘Thaddeus’ nach Deutschland geholt haben – dem Eichborn Verlag, genauer gesagt bei Karsten Kredel, Programmleiter für Literatur, bei dem ich mich an dieser Stelle auch noch mal herzlich für die ausführliche Beantwortung meiner Fragen bedanken möchte.

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Warum war es Ihnen wichtig, gerade dieses Buch in Ihr Programm aufzunehmen? Immerhin fällt der ideale Lesezeitpunkt ja eigentlich in den kürzesten Monat des Jahres.

Es kommt selten vor, dass man auf ein Manuskript stößt, bei dem man als Lektor bzw. Programmmacher aus seinem routinierten Blick auf Texte gerissen wird  – und plötzlich wieder so liest wie als Kind: mit Verwunderung, Staunen, völlig versenkt in die Welt des Buches. Es kommt selten vor, dass man das Gefühl hat, eine Entdeckung zu machen, eine wirkliche literarische Stimme zu vernehmen. Wenn so etwas passiert, fällt die Entscheidung leicht: Man will einfach, dass andere dieselbe Erfahrung machen können, man will das Buch veröffentlichen, Leser davon begeistern.

Was macht das Buch für Sie persönlich so besonders?

Für mich glich die erste Lektüre von THADDEUS einem Wachtraum – oder dem Gefühl, das man hat, wenn man am Nachmittag einschläft und beim Erwachen das Geträumte auf eine besonders intensive Weise vor Augen hat – es ist fremd und zugleich auf eine merkwürdige Weise vertraut, wie eine tief vergrabene Erinnerung, die durch einen Geruch, eine Melodie angestoßen wird und an die Oberfläche des Bewusstseins treibt. Darin liegt für mich das Besondere, der Zauber des Buches: dass es einen auf eine Art berührt, die man nicht sofort einordnen kann – es manipuliert nicht, es bedient kein Schema, es schafft dafür eine Erfahrung und verändert vielleicht den Blick auf die Welt für ein paar Momente – mehr kann Kunst nicht schaffen.

Glauben Sie, dass diese Art der eher experimentellen Literatur Chancen hat, auf dem Buchmarkt zu bestehen?

Natürlich hat es ein solches Buch in einem stark genormten, stark auf formelhafte Bestseller orientierten Buchmarkt schwerer als andere. Umso mehr Spaß macht es, das Einerlei auch mal zu durchbrechen. Und es gibt zum Glück nach wie vor Buchhändler, die offen für Bücher sind, die nicht realistisch erzählt sind.

Der Markt ist, wie er ist – doch ein literarischer Verlag muss, daran glaube ich fest, ein Programm aus Überzeugung machen, niemals aus rein marktstrategischen Überlegungen. (Sonst könnten wir heute Faulkner, Hamsun und Hunderte andere nicht lesen, deren erste Bücher vollkommen erfolglos waren). Ich glaube auch, dass man nur so auf Dauer Erfolg haben kann.

Und ich finde übrigens nicht, dass THADDEUS ein Buch ist, das an den Monat Februar gebunden ist – es ist vom Winter inspiriert und so universell – gerade durch seine märchenhafte Qualität – wie jede gute Geschichte. Die amerikanische Neuausgabe wird im Mai erscheinen.

Was antworten Sie Lesern, die das Buch nicht verstanden haben und wie interpretieren Sie die Geschichte? Was denken Sie darüber, dass der Autor selbst sagt, dass er sich Etliches in der Geschichte nicht erklären kann?

Ich weiß nicht, ob es eine “richtige” Interpretation des Buches gibt. Ich glaube, dass Shanes Aussage aufrichtig ist. Wenn ein Künstler mit einer bestimmten Aussageabsicht etwas macht, kommt oft eines dabei heraus: schlechte Kunst. Wenn er dagegen etwas sieht, ahnt, etwas schön findet, ein unbestimmtes Gefühl hat und dann ein Bild malt, etwas komponiert, eine Geschichte schreibt – dann kann es sein, dass er oder sie selbst nicht genau weiß, was jedes Element bedeutet. Es ist wie sich zu verlieben, denke ich: Wenn man genau sagen könnte, warum man in genau diesen Menschen verliebt ist, dann wäre man es vermutlich nicht wirklich.

Für mich ist es eine Geschichte über das Unbewusste (und genau darin hat es mich an ALICE IM WUNDERLAND erinnert) – über Ängste, Wünsche und die Gefahr, die darin liegt, wenn Wünsche in Erfüllung gehen. Auf einer anderen Ebene ist es eine Geschichte von einem schwachen Menschen, der sich einen starken herbeiträumt – um ihn zu bekämpfen. Und auf noch einer anderen: eine Geschichte über die Natur des Erzählens, davon, wie Geschichten funktionieren und wie in ihnen ganze Welten entstehen können.
Oder auch: einfach eine schöne Geschichte über den Wunsch nach Wärme.
Ist irgendwas davon die richtige Lesart? Ich weiß es nicht. Sind das nicht die besten Bücher?

Wissen Sie schon, wann mit der Verfilmung des Romans zu rechnen ist?

Das weiß ich nicht – die Filmbranche hat ja ihre eigenen Gesetze. Die Dreharbeiten  beginnen wohl bald. Ich freue mich darauf – Ray Tintori und Spike Jonze sind die Richtigen für diesen Stoff.

Noch eine letzte Frage: Warum gerade »der Verlag mit der Fliege«?

Die Fliege? Die war lange vor mir da, als Logo – und irgendwann wurde sie zur Marke und man hat sich entschieden, das auch stolz hervorzuheben.

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Ich muss gestehen, eigentlich hätte das Buch von mir keine allzu positive Bewertung erhalten. Dazu bin ich ein zu kopflastiger Leser, der am Ende etwas Handfestes braucht, Lösungen, Interpretationen. Wenn schon kein Ausrufezeichen, denn zumindest einen Punkt. So aber blieb nur ein dickes, fettes Fragzeichen.

Trotzdem konnte ich mich nicht dazu durchringen, eine entsprechend negative Kritik zu verfassen. Immerhin hat Shane Jones es geschafft, dass ich mich tage-, wenn nicht gar wochenlang immer wieder mit dem Buch befasste, darüber nachdachte, wie denn nun was gemeint sein könnte. Und ob überhaupt immer etwas gemeint sein muss.

Aus diesem Grund werde ich das Buch einfach noch mal lesen, dabei ist ein ReRead bei mir – mit etwa 280 ungelesenen Büchern im Regal – wirklich eine ganz große Seltenheit. Was ja eigentlich schon wieder für ‘Thaddeus’ spricht und ein aufrichtiges Kompliment an den Verlag ist, der sich getraut hat, mal etwas Anderes zu wagen und mich damit – zwischen all der Fast-Food-Literatur, die ich sonst so schnell verschlinge – ordentlich ins Grübeln gebracht hat.

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Leseprobe

8 Kommentare

  1. [...] soeben konnte ich meinen nächsten Beitrag im Lovelybooks-Blog [...]

  2. Thaddeus liegt bei mir schon bereit und wird als nächstes gelesen. ;) Ich bin total gespannt!

  3. Hab jetzt ungefähr die Hälfte gelesen.
    Ziemlich verstörend, muss ich sagen.
    Aber auch uuuunheimlich faszinierend.
    Jedenfalls ganz sicher Kein Main-Stream-Buch! :P

  4. Ganz ehrlich, ich weiß immer noch nicht genau, was ich von dem Buch halten soll. Aber nachgedacht hab ich auch ziemlich viel, da gings mir ganz ähnlich wie dir. Umso gespannter bin ich auf den Film, mal sehen, was die aus dem Stoff machen.

  5. Nina

    @ Thorsten
    Nein, Mainstream ist es ganz sicher nicht. Ich bin jedenfalls gespannt, wie dein abschließendes Urteil ausfällt.

    @ Stefanie Emmy
    ich vermute mal, es wird bis zum Film noch eine Weile dauern, aber ich glaube schon, dass man aus dem Stoff ordentlich was für’s Auge machen kann. Aber ob mir das reicht?
    Ich werde auf jeden Fall versuchen, noch einmal weniger kopflastig an das Buch ranzugehen. Ich will ihm zumindest noch eine Chance geben.

  6. [...] Das komplette Interview und bald auch Ninas Rezension zu „Thaddeus und der Februar“, gibt es hier bei Lovelybooks. [...]

  7. ..hört sich nach genau dem Lesestoff an bei dem ich schwach werde. Danke für diesen tollen Bericht – ich hoffe auf mehr!

  8. Nach Lektüre der Meinungsäußerungen hier und einer Rezension auf blog.literaturwelt.de verfestigt sich der Eindruck, dass im Buchmarkt der objektivierende Subjektivismus im Bunde mit dem Quotenwahn der Verkäufer triumphiert. Lektoren der mit hinreichender Marketingmacht ausgestatteten Verlage machen ihre persönlichen Vorlieben zum Kleiderständer an den die Feuilletons ihre Fähnchen hängen dürfen. Wie im Fall Hegemann bleibt da wenig mehr zu besichtigen als schlaffe, untrainierte und übergewichtige Entblößung – leider ruft zu selten jemand “der hat ja gar nichts an!”

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