Im Jahr 1930 verursachte der französische Antikriegsroman „Heldenangst“ (La Peur) wegen seiner direkten Schilderung der Ängste eines eigenen, siegreichen Soldaten und der schonungslosen Abrechnung mit der politischen und militärischen Moral- und Führungsstruktur im Ersten Weltkrieg einen nationalen Aufschrei. 1939, am Vorabend des Zweiten Weltkrieges wurde das Buch vom Verlag endgültig zurückgezogen. Man sollte nicht über die Angst im Felde lesen oder denken – Mut war gefragt…
Bei seiner Neuauflage in Frankreich fand das Buch vor Kurzem große Beachtung und wurde in der französischen Öffentlichkeit nachhaltig besprochen.
Das Schweizer Verlagshaus Nagel & Kimche präsentiert den Roman erstmals in deutscher Sprache.
Somit liegt 92 Jahre nach dem Ende dieses Krieges das literarische Gegenstück zu „Im Westen nichts Neues“ von Erich-Maria Remarque vor, der in unvergessener Art und Weise die Bedeutungslosigkeit des Individuums in den Schützengräben dieses Zermürbungskrieges schilderte. Mit dem einfachen französischen Soldaten Jean Dartemont bekommt der Mensch im anderen Graben ein Gesicht und ein Schicksal. Und beide gemeinsam, Remarques Paul Bäumer und Chevalliers Jean Dartemont erheben sich heute zum Manifest gegen den Krieg und die erniedrigenden Ansätze, Menschen als Material oder Kanonenfutter zu betrachten.
Der Autor Gabriel Chevallier wurde 1895 in Lyon geboren. Seit 1911 war er Angehöriger der Ecole des Beaux Arts (der berühmten Schule der schönen Künste). Während des gesamten Ersten Weltkrieges kämpfte er mit einer kurzen verletzungsbedingten Unterbrechung als Infanterist an der Front. Für seine Tapferkeit wurde er mehrfach ausgezeichnet. Nach dem Krieg arbeitete er als Kunstlehrer, Plakatmaler, Designer und Journalist, begann 1925 mit dem Schreiben und erzielte 1934 seinen Durchbruch als Schriftsteller mit dem internationalen Bestseller „Clochemerle“. Gabriel Chevallier starb 1969 in Cannes.Die Botschaft aus längst vergangener Zeit ist aktueller als jemals zuvor. Moderne Armeen beschäftigen sich mit den Folgen „Posttraumatischer Stressreaktionen“ von Soldaten in den bewaffneten Konflikten unserer Epoche.
Begriffe wie Angst und Depression sind nicht mehr tabuisiert und werden als Grundlage für psychologische Diagnose und Therapie akzeptiert. In unserer rein leistungsorientierten Gesellschaft gelten diese Reaktionen allerdings weiterhin als Schwäche, als Zeichen des individuellen Versagens gekoppelt mit der neuerlichen Angst vor beruflichen Nachteilen, wenn man den Mut aufbringt, sich zu öffnen. Nicht richtig zu „funktionieren“ ist und bleibt ein Makel. Die Erkennung solcher Erkrankungen ist äußerst schwierig, da entsprechende Symptome selten im zeitlichen Zusammenhang zum Erlebten stehen – die Grauzone bleibt erheblich. Ein weites Feld, das nicht nur im Bereich des Militärs an Bedeutung gewinnt. „Heldenangst“ spielt hierbei aufgrund seiner Öffentlichkeit eine wichtige Rolle.
Chevalliers Sprache ist lebendig wie seine Botschaft – nie käme man auf den Gedanken, ein Buch zu lesen, das rein autobiographisch bereits vor 80 Jahren geschrieben wurde.
“Wenn die Angst chronisch wird, macht sie aus Individuen so etwas wie Besessene…
Cafard, Trübsinn, nennen die Soldaten diesen Zustand. Eigentlich ist es eine Depression infolge nervlicher Überbeanspruchung. Viele Männer sind krank, ohne es zu wissen, und ihre innere Unruhe verleitet sie zu Befehlsverwei-gerungen, zum Verlassen ihres Postens und zu fatalen Kühnheiten. Manche mutige Tat hat genau hierin ihren Ursprung.“
Über die Gräben der Vergangenheit hin scheinen sich in der Literatur die beiden Protagonisten der große Weltkriegsromane „Im Westen nichts Neues“ und „Heldenangst“ die Hände zu reichen und einstimmig zu proklamieren: „Dabei wollen wir doch leben…“
Meine Rezension zum Roman ist auf der Buchprofilseite von “Heldenangst” zu finden.



Bin sehr auf das Buch gespannt – es liegt schon hier bereit ;o)
Nein. Ich wollte mir an diesem Wochenende kein Buch mehr kaufen. Wirklich nicht. Und dann das…. Mr. Rail, wissen sie was Sie tun? Nein, scheinbar haben Sie keine Ahnung. Über empfohlene Vampirromane kann ich hinweglesen. Aber ausgerechnet heute ein Gegenstück zu MEINEM Remarque zu präsentieren ist hart für mein Buchbudget. Wie lange hat mein Buchhändler noch offen? Das ist gerade die entscheidende Frage des Abends. Danke Herr Rail. Ich lese Ihre Artikel nur noch mit verbundenen Augen. Und jetzt gehe ich ein Buch kaufen. grrrr
Ich werde das Buch schon darum lesen, weil ich nach der wunderbaren Schilderung von Mr.Rail, ein Pendant zum Schriftsteller Claude Simon sehe, der für mich einer der wichtigsten französischen Autoren geworden ist. Auch er hat vor allem über seine Kriegserlebnisse im 1. Weltkriege geschrieben. Und mir darin die Gefühle eines durch den Kugelhagel reitenden Soldaten nahegebracht, auf eine so erschütternde und nachhaltige Weise, wie ich nie über den Krieg nachgedacht habe. Ein Stück Weltliteratur mit Anspruch auf Ewigkeit. Obwohl er den Nobelpreis für Literatur bekam, ist er fast unbekannt geblieben. Hier möchte ich auf diesen grossartigen Schriftsteller aufmerksam machen. Ein Proust der Neuzeit.
Margrit Schriber
Da ich auch tief beeindruckt von “Im Westen nichts neues” war, werde ich mir diese Buch dann wohl auch zulegen. Danke für den interessanten Artikel!